THEMEN DER ZEIT

Gedenkorte: Vom Wert des Menschen

Dtsch Arztebl 2014; 111(4): A-122 / B-106 / C-102

Jachertz, Norbert

Zwei Projekte, mit denen an die nationalsozialistischen Euthanasie-Programme erinnert wird, nehmen jetzt Gestalt an.

Foto: Abbildung: Privatbesitz, Landesarchiv Baden-Württemberg, Familienarchiv Stellbrink

Am 27. Januar 2014 wird im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages eine Ausstellung eröffnet, die an die Zwangssterilisationen und Patientenmorde („Euthanasie“) in der Zeit des Nationalsozialismus erinnert. Bundespräsident Joachim Gauck übernahm die Schirmherrschaft. Die Ausstellung wurde von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) initiiert und kuratiert. Finanziert wird sie durch die DGPPN und Spenden, vornehmlich aus der Ärzteschaft. Ab dem 25. März geht die Ausstellung auf Wanderschaft, zunächst in die Berliner „Topographie des Terrors“, deren Stiftung bereits in die Konzeption einbezogen war.

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Die Ausstellung ist äußerer Ausdruck einer sich entwickelnden, allerdings auch sehr unübersichtlichen Gedenkkultur. Auch lange verschwiegene Geschehnisse wie die „Euthanasie“ werden dabei aufgedeckt und, soweit das überhaupt möglich ist, rational und emotional aufgearbeitet. Die Ärzteschaft hat hier, in Zusammenarbeit mit Historikern und aus sich heraus, einiges geleistet. Sie hatte auch Grund dazu. Denn stets waren Ärzte planend, gutachtend und ausführend am Krankenmord und an der Zwangssterilisation beteiligt.

Darf man die Namen der Opfer überhaupt nennen?

In der NS-Zeit wurden etwa 400 000 Frauen und Männer, die nicht in die Rassenvorstellungen der Zeit und der Machthaber passten, zwangsweise sterilisiert. Mindestens 250 000 Kranke und Behinderte, die als „lebensunwert“ angesehen wurden, wurden bei den „Euthanasie“-Maßnahmen getötet. Es könnten auch 300 000 oder 350 000 gewesen sein. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, da die „Euthanasie“ nur zeitweise zentral geplant und bürokratisch verwaltet wurde. Die Zentrale saß in der Berliner Tiergartenstraße 4 (daher Aktion T4). Der Großteil der „Euthanasie“-Morde geschah dezentral in einer Vielzahl von Heil- und Pflegeanstalten oder „Kinderfachabteilungen“.

Hinter den abstrakten Zahlen stehen Menschen. Die Ausstellung der DGPPN stellt Täter und Opfer vor. Die einen mit ihren zynischen, wissenschaftlich verbrämten Ansichten vom Wert des Menschen, die anderen, die angeblich „Lebensunwerten“, die ihr Schicksal fassungslos annahmen. Zu sehen sind große Stelltafeln mit vielen Fotos, Briefen, Dokumenten und verständlichen Texten, zugeschnitten auf ein breites Publikum, dazu Videointerviews und Hörstationen.

Die Ausstellungsmacher um die Kuratorin Petra Lutz haben sich dazu entschieden, bei den Biografien der Opfer und Täter die Namen zu nennen. Personalakten und Krankengeschichten wurden jedoch anonymisiert. Darf man Opfernamen überhaupt nennen? Die Frage, hinter der die Angst vor Einsprüchen von Angehörigen steckt, kam
einmal mehr bei der Vorstellung der Ausstellungskonzeption beim DGPPN-Kongress 2013 zur Sprache. Dr. Astrid Ley (Gedenkstätte Sachsenhausen) riet zu Mut und Gelassenheit. In der Gedenkstätte Brandenburg, einer früheren Tötungsanstalt, liege unbeanstandet ein Gedenkbuch mit 8 500 Namen aus. Sie verwies auf ein Gutachten des Berliner Datenschutzbeauftragten, das die bloße Namensnennung für zulässig halte. Denn – so die Argumentation, die auch vom Bundesarchiv akzeptiert werde – das Interesse der Opfer überwiege das der Angehörigen.

Wo heute die Berliner Philharmonie steht, war die Zentralstelle für die Organisation der „Euthanasie“. Hier wird ein Gedenkort künftig an die zahllosen Opfer erinnern. Foto: AG Ursula Wilms, Nikolaus Koliusis und Heinz W. Hallmann

Parallel zu dem Ausstellungsprojekt laufen seit dem 8. Juli 2013 die Arbeiten an einem Gedenkort in der Tiergartenstraße 4 neben der Philharmonie in Berlin. Vorangegangen war ein Architektenwettbewerb. Ein Entwurf von Ursula Wilms, Nikolaus Koliusis und Heinz W. Hallmann, Aachen/Berlin, gewann. Das Team hatte 2010 schon das Dokumentationszentrum der „Topographie des Terrors“ entworfen. Der Gedenkort wird durch den Berliner Senat gebaut. Der Bund steuert 500 000 Euro bei. Denn nach Auffassung des Deutschen Bundestages sind die Realisierung des Gedenkortes und die Aufklärung über Tat und Täter nicht nur eine Berliner, sondern auch eine gesamtstaatliche Aufgabe. In der Tat, denn in der Tiergartenstraße 4 arbeitete seinerzeit im Auftrag der „Kanzlei des Führers“ jene Dienststelle, die in einem logistisch ausgeklügelten System den Krankenmord reichsweit organisierte. Bei der „Aktion T4“ (der Begriff stammt aus der Nachkriegszeit) wurden 1940 und 1941 mehr als 70 000 Patienten durch Gas umgebracht. Die T4-Organisatoren nutzten nach dem Ende der Aktion ihre Erfahrungen und betätigten sich in den Vernichtungslagern im besetzten Polen – der Krankenmord, eine Vorstufe zum Judenmord.

Die von den Initiatoren des Gedenkortes – einem runden Tisch, an dem die divergierenden Interessen koordiniert wurden – favorisierte Lösung, nämlich den Gedenkort mit einem Informationszentrum zu verbinden, konnte nicht realisiert werden. Das dürfte nicht nur an den Kosten, sondern auch an dem städtebaulich heiklen Standort, gleich neben, ja in der Philharmonie, gelegen haben. 1963, als die Philharmonie auf leergeräumtem Feld entstand, hatte offenbar niemand an die einstige T4-Villa gedacht. Das Gedenken setzte erst 1987 ein. Die Berliner Geschichtswerkstatt mit dem Historiker Dr. Götz Aly sorgte schließlich dafür, auch mit Unterstützung der Ärztekammer Berlin, dass am historischen Ort 1988 eine Gedenkplakette eingelassen wurde. Relativ unauffällig, kein Musikfreund brauchte sich gestört zu fühlen.

Unter den 28 Entwürfen des Architektenwettbewerbs für den T4-Gedenkort stellte immerhin einer einen unmittelbaren Bezug zur Philharmonie und zudem zum Denkmal für die ermordeten Juden her: der Vorschlag von Horst Hoheisel und Andreas Knitz, Kassel, beide bekannt durch das mobile Denkmal der „Grauen Busse“. Sie provozierten mit der Idee, „die Hierarchie der Holocaust-Denkmale in Berlin zu brechen“. Dazu sollten dem Stelenfeld des Holocaustdenkmals sechs Stelen entnommen und zur Tiergartenstraße transferiert werden, um damit den Grundriss der T4-Villa zu markieren. Eine Stele hätte im Foyer der Philharmonie gestanden. „Die Musik an diesem Ort wäre damit auch ein wenig Würdigung und Erinnerung an die Menschen gewesen, deren Ermordung von diesem Ort ausging“ (Hoheisel). Die Leerstelle im Stelenfeld hätte an die ersten Holocaust-Opfer, nämlich die der „Aktion T4“ erinnert.

Der nunmehr realisierte Gedenk-ort provoziert weniger. Er besteht aus drei langgestreckten Gebilden, die senkrecht zur Philharmonie stehen: einer blauen Glaswand, einem davor platzierten Pult, das die Informationen aufnehmen soll, und einer Sitzbank für den nachdenklichen Besucher. Die Glaswand sei Sinnbild für die Verbindung des Betrachters zu den zwar physisch getöteten, aber durch unser Nichtvergessen und Erinnern doch weiter lebenden Menschen, begründen die Entwerfer. Die informierenden Texte entwickelt ein „Erkenntnistransfer-Projekt“, bei dem das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der TU München und die Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden“ zusammenarbeiten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert. Die spätere Betreuung soll die „Stiftung Denkmal“ übernehmen, die sich neben dem Holocaustdenkmal auch um die Denkmäler für die verfolgten Homosexuellen sowie Sinti und Roma kümmert.

Ohne Initiatoren gibt es keine Initiative

An NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisation wird nicht nur in Berlin erinnert, sondern an vielen „Tatorten“ – und das auch schon seit längerem und von vielen, die dabei beruflich wie ehrenamtlich engagiert sind. Alle zusammen tragen so zur „Gedenkkultur“ bei. Das Projekt eines zentralen Gedenkortes in Berlin hat Sigrid Falkenstein viel zu verdanken. Sie entdeckte vor zehn Jahren den Namen ihrer Tante Anna auf einer Namensliste mit „Euthanasie“-Opfern. Seitdem setzt sie sich dafür ein, diese Opfer aus dem Vergessen hervorzuholen. Falkenstein unterhält eine sehr informative Website mit vielen weiterführenden Links zu dem Thema (www.sigrid-falkenstein.de). Die Aktivitäten der DGPPN sind mit dem Aachener Psychiater Prof. Dr. med. Dr. rer. soc. Frank Schneider eng verbunden. Zu nennen ist auch der seit 1983 aktive Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation (www.ak-ns-euthanasie.de). Zwei seiner Ansprechpartner, Priv.-Doz. Dr. med. Gerrit Hohendorf, München, und Dr. med. Maike Rotzoll, Heidelberg, arbeiten derzeit an den Texten für den Gedenkort T4. Der Berliner Senatsverwaltung für Kultur schließlich gelang es, das Projekt an der Tiergartenstraße heil über alle bürokratischen Hürden zu bringen.

Norbert Jachertz

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