POLITIK

Sterbehilfe: „Sterben ist Teil des Lebens“

Dtsch Arztebl 2014; 111(5): A-160 / B-138 / C-134

Klinkhammer, Gisela

Tötung auf Verlangen, ärztlich assistierter Suizid, Behandlungsabbruch – der Vorstoß für eine gesetzliche Regelung von Gesundheitsminister Gröhe hat die Diskussion neu entfacht.

Foto: laif

Das meistverkaufte und umsatzstärkste Buch des vergangenen Jahres, „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes, ist eine Liebesgeschichte. In dem Roman geht es aber auch um Beihilfe zum Suizid: Die Protagonistin verliebt sich in einen Tetraplegiker, der seinem Leben mit Hilfe von Dignitas ein Ende setzt. Die große Resonanz auf einen Roman mit einem derart schwierigen Inhalt ist auch ein Indiz dafür, dass sich die Menschen mit dieser Thematik beschäftigen. „Wer hat das Recht, für einen anderen zu definieren, was Lebensqualität ist? Wie reagiert man als Eltern, wenn das eigene Kind zum Sterben entschlossen ist?“, fragte die Autorin in einem Interview.

Anzeige

Eine Diskussion über diese Thematik hat jetzt ebenfalls Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) entfacht, indem er eine Neuregelung der Sterbehilfe ankündigte. Gröhe will jede geschäftsmäßige Hilfe zur Selbsttötung unter Strafe stellen. Bisher gibt es in Deutschland kein spezielles Gesetz, das die Sterbehilfe regelt. Laut Umfrage der Krankenkasse DAK fänden es 79 Prozent der Befragten gut, wenn der Bundestag dieses Thema aufgreifen und entscheiden würde. Die Zustimmung ist in der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen mit 86 Prozent deutlich größer als bei den über 60-Jährigen mit 74 Prozent. Nach der Umfrage möchten 70 Prozent der Befragten im Falle schwerster Krankheit die Möglichkeit haben, auf aktive Sterbehilfe zurückzugreifen.

Die Tötung auf Verlangen ist in Deutschland verboten

Gleichzeitig zeigen sich 41 Prozent der von der Krankenkasse Befragten „weniger gut“ und 16 Prozent „überhaupt nicht gut“ über die derzeit geltenden Regelungen bei der Sterbehilfe informiert. Dessen sind sich offenbar auch die Ärzte bewusst. „In der Diskussion werden viele Begriffe – oft fälschlich – verwendet“, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) im Deutschen Ärzteblatt (Heft 3/2014). Die Fachgesellschaft benutzt den Begriff aktive Sterbehilfe nicht und weist explizit darauf hin, dass die Tötung auf Verlangen in Deutschland verboten sei. Und das soll nach Ansicht des Präsidenten der Bundesärztekammer (BÄK), Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, auch so bleiben. Es sei nicht würdig, „sein Leben weggespritzt zu bekommen“. Würdig sei es vielmehr, sein Leben zu Ende zu leben, denn das Sterben sei Teil des Lebens. Das Ergebnis der Umfragen ist für Montgomery dennoch nicht überraschend. Er sieht darin den Wunsch, „möglichst viel Entscheidungsfreiheit auch über den eigenen Tod hinweg zu bewahren“, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt.

Die Union hatte in ihrem Wahlprogramm betont, dass sie „aktive Sterbehilfe ablehnt und sich dafür einsetzt, dass die gewerbsmäßige und organisierte Hilfe zur Selbsttötung künftig unter Strafe gestellt wird“. So findet Gröhe unter anderem Zustimmung bei Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU), der sich ebenfalls für ein umfassendes Verbot aller Formen der organisierten Sterbehilfe aussprach.

Unterstützung bekamen beide vom früheren SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering, der in der „Süddeutschen Zeitung“ deutliche Worte fand: „Wenn Altsein wirklich so trottelig und wertlos ist und außerdem in seiner Massenhaftigkeit auch recht kostenträchtig – muss man dann den Menschen nicht rechtzeitig abraten davon und ihnen zum runden Geburtstag einen kostenlosen süßen Auf-immer-Einschlaftrunk andienen? Win-win? Die Erbenkonten werden nicht für Trotteligkeiten verplempert.“

Ärzte sind auf den Erhalt des Lebens ausgerichtet

Zuständig für ein neues Sterbehilfegesetz ist das Bundesjustizministerium. Minister Heiko Maas (SPD) hat sich dafür ausgesprochen, ein Gesetz zur Sterbehilfe über Fraktionsgrenzen hinweg im Bundestag zu erarbeiten. „Der Fraktionszwang sollte aufgehoben werden, und wir sollten interfraktionelle Anträge in den Bundestag einbringen“, sagte Maas der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. 2005 hatte er sich für die Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe „in engen Grenzen“ ausgesprochen. „Ich möchte im Fall des Falles dieses Recht für mich in Anspruch nehmen können“, hatte Maas damals gesagt.

Beihilfe zum Suizid bleibt im Gegensatz zur Tötung auf Verlangen in Deutschland bisher straflos. Strafrechtlich gesehen ist der ärztlich assistierte Suizid ebenfalls straffrei. In der (Muster-)Berufsordnung (MBO) der Bundesärztekammer heißt es allerdings: „Ärztinnen und Ärzte dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“ Diese vom Kieler Ärztetag beschlossene Neuordnung des § 16 MBO befindet sich derzeit in der Umsetzungsphase in die Berufsordnungen der 17 Landesärztekammern. Die eindeutige Formulierung des § 16 MBO in Verbindung mit dem in allen 17 Landesärztekammern seit jeher geltenden § 1 (2) der ärztlichen Berufsordnung setzt Befürchtungen ein klares Nein entgegen, Sterbewillige könnten innerhalb von Deutschland Regionen aufsuchen, in denen die Vorgaben für den ärztlich assistierten Suizid weniger strikt geregelt sind. Die Berufsordnungen der Landesärztekammern formulieren einheitlich und bundesweit „Aufgabe der Ärztinnen und Ärzte ist es, das Leben zu erhalten, die Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen, Leiden zu lindern, Sterbenden Beistand zu leisten . . .“.

Die DGP betont, dass es nicht zum Grundverständnis der Palliativmedizin gehört, Beihilfe zum Suizid zu leisten oder über die gezielte Durchführung eines Suizids zu beraten. Allerdings zähle es unbedingt zu den ärztlichen Aufgaben, sich respektvoll mit Todeswünschen von Patienten – wie auch Suizidwünschen im engeren Sinne – auseinanderzusetzen. Ähnlich argumentiert ebenfalls der BÄK-Präsident. Der Patient müsse wissen, dass Ärzte in ihrer Grundausrichtung auf den Erhalt des Lebens ausgerichtet seien: „Der Patient muss gleichzeitig wissen, dass der Arzt nicht an sein Bett tritt, um zu töten.“

Schwer kranke Menschen, die den Wunsch zu sterben äußerten, wünschten nicht zwingend den sofortigen Tod, sondern oftmals das Ende einer unerträglichen Situation, so die DGP. Häufig sei es die Angst, Schmerzen, Luftnot oder anderen schweren Symptomen ausgeliefert zu sein. Ziel der Palliativversorgung sei es, durch bestmögliche Unterstützung Menschen im Sterben mehr Leben zu geben und zugleich das Sterben nicht aufzuhalten. Auch Montgomery betont die Bedeutung der palliativen Versorgung: „Wenn man todkranken Menschen die Angst vor dem Sterben nimmt und ihnen Schmerzfreiheit garantiert, dann ist bei den meisten Menschen innerhalb von 24 Stunden der Todeswunsch verschwunden.“

Die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) plädiert in einem Ende Januar verabschiedeten Papier mit dem Titel „Niemand nimmt sich gern das Leben“ dafür, durch eine gute seelsorgliche Begleitung Suiziden vorzubeugen. Die EKiR spricht sich für einen Ausbau der Palliativmedizin aus, um unheilbar Kranken Ängste vor Schmerzen zu nehmen. Eine Zusammenarbeit mit Sterbehilfeorganisationen lehnt sie ab. Die Deutsche Bischofskonferenz begrüßt es, „wenn Initiativen ergriffen werden, um die in den letzten Jahren alarmierend gestiegene Anzahl von Fällen des begleiteten Suizids grundlegend einzudämmen und die Beihilfe zur Selbsttötung nicht zu einer normalen, gesellschaftlich anerkannten Dienstleistung werden zu lassen“.

Unterschied zwischen Suizid und Behandlungsabbruch

Auf den Unterschied zwischen ärztlicher Beihilfe zum Suizid und Behandlungsabbruch machte auf einer Fortbildungsveranstaltung im Agaplesion-Markus-Krankenhaus in Frankfurt am Main am 22. Januar die ehemalige Vorsitzende Richterin am Bundesgerichtshof, Prof. Dr. jur. Ruth Rissing-van Saan, aufmerksam. Unter einem Suizid wird ihrer Ansicht nach das auf einer möglicherweise freien Entscheidung beruhende Beenden des eigenen Lebens verstanden. Davon zu unterscheiden sei aber der Behandlungsabbruch, „der dann vorliegt, wenn der Betroffene seine letztlich tödlich verlaufende Erkrankung nicht mehr behandeln lässt. Eine dem Patientenwillen entsprechende Unterlassung, Begrenzung oder Beendigung einer lebenserhaltenden medizinischen Maßnahme ist deshalb rechtlich keine Beihilfe zum Suizid.“

Auch in den Grundsätzen zur ärztlichen Sterbebegleitung der BÄK heißt es: „Ein offensichtlicher Sterbevorgang soll nicht durch lebenserhaltende Therapien künstlich in die Länge gezogen werden. Darüber hinaus darf das Sterben durch Unterlassen, Begrenzen oder Beenden einer begonnenen medizinischen Behandlung ermöglicht werden, wenn dies dem Willen des Patienten entspricht.“

Gisela Klinkhammer

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige