THEMEN DER ZEIT

Homöopathie und Nationalsozialismus: Letztendlich keine Aufwertung der Homöopathie

Dtsch Arztebl 2014; 111(8): A-304 / B-263 / C-251

Jütte, Robert

Auch homöopathisch potenzierte Mittel wurden in der NS-Zeit zu Menschenversuchen missbraucht. Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte bekundet sein tiefstes Bedauern und kündigt eine historische Aufarbeitung an.

Eröffnungsveranstaltung zum 12. Internationalen Homöopathischen Kongress in der Aula der Berliner Universität am 1. August 1937. Rechts vorne in der ersten Reihe, als Schirmherr des Kongresses, Rudolf Heß, neben ihm Gaetano Gagliardi, der Präsident der Liga Homöopatica Internationalis. Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo

Der Homöopathie wird von ihren Kritikern bis heute vorgeworfen, sie sei kompromittiert, da führende Vertreter des nationalsozialistischen Regimes sie gefördert hätten. Damit wird insinuiert, dass es auch ideologische Gemeinsamkeiten gegeben haben muss. Der Homöopathie wird darüber hinaus angekreidet, dass ihre Vertreter sogar vor Menschenexperimenten im „Dritten Reich“ nicht zurückgeschreckt seien. Weil sich „schwarze Legenden“ lange halten, sollen deshalb im Folgenden die inzwischen bekannten historischen Fakten kurz dargelegt und die Rolle, welche die Homöopathie im nationalsozialistischen System tatsächlich gespielt hat, beleuchtet werden.

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Auf einer Verbandstagung am 21. Mai 1933 äußerte sich der Vorsitzende des Süddeutschen Verbandes für Homöopathie und Lebenspflege, Immanuel Wolf (1870– 1964) zu den Zukunftsaussichten der Homöopathie im „Dritten Reich“: „Die Homöopathie wird öffentlich anerkannt und gleichgestellt; die Errichtung weiterer homöopathischer Lehrstühle ist nur noch eine Frage der nächsten Monate; in den öffentlichen Krankenhäusern sollen homöopathische Abteilungen errichtet werden; wenigstens einige Betten für die Homöopathie bereitgestellt werden.“ Sieben Jahre später, im zweiten Kriegsjahr, als Immanuel Wolf die Einstellung der „Homöopathischen Monatsblätter“, des Sprachrohrs der homöopathischen Laienbewegung, ankündigen musste, war allerdings von diesen Hoffnungen nichts mehr zu spüren. Eine institutionelle Aufwertung der Homöopathie hatte nicht stattgefunden, kein einziger Lehrstuhl war geschaffen worden, und die Integration der Homöopathie in die Schulmedizin war weitgehend gescheitert.

Erste Zeichen dieses Bedeutungsverlusts sind ab 1936 klar zu erkennen. Mit der Auflösung der „Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“ im Januar 1937 vollzog das Regime zwar keine radikale gesundheitspolitische Kehrtwende, doch war deutlich geworden, dass man sich inzwischen etwas anderes unter der vielbeschworenen „Synthese“ in der Medizin vorstellte, als das noch zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft der Fall gewesen war. Nicht mehr Kritik an der Schulmedizin und Forderung nach einer gleichberechtigten Zusammenarbeit waren gefragt, sondern die Erforschung und Überprüfung homöopathischer und naturheilkundlicher Verfahren, wobei die „Grundlage der sichere Boden und die sicheren Erkenntnisse der offiziellen, oft zu Unrecht geschmähten Schulmedizin sein müssen“, wie es Reichsärzteführer Dr. Gerhard Wagner 1937 in einem programmatischen Beitrag formulierte.

In der Literatur wird immer wieder darauf hingewiesen, dass einige prominente Nationalsozialisten der Volks- und Naturheilkunde-Bewegung nahestanden. Das konnte zunächst etwas mit einer positiven Erfahrung im Krankheitsfall zu tun haben. Darüber hinaus dürften gelegentlich auch ideologische Gründe (zum Beispiel biologistisches Denken) mit im Spiel gewesen sein. Der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, unterstützte bekanntlich die Heilpraktiker und war Schirmherr des 12. Internationalen Homöopathischen Kongresses, der 1937 unter seiner Beteiligung in Berlin stattfand; der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, interessierte sich für Heilkräuter und war ein Anhänger der Ernährungsreform; der Gauleiter und Herausgeber des „Stürmer“, Julius Streicher, war, wie so viele Befürworter der Homöopathie und der Naturheilkunde, ein überzeugter Impfgegner. Doch in der Polykratie des nationalsozialistischen Gesundheitswesens, in der Schulmediziner weiterhin den entscheidenden Einfluss hatten, blieb die Fürsprache dieser hochrangigen Parteigenossen ohne nachhaltige Wirkung.

Zwischen 1936 und 1939 fanden an verschiedenen homöopathischen Krankenhäusern im Auftrag des Reichsgesundheitsamtes Arzneimittelprüfungen statt. Es sollte „vor allem die Zuverlässigkeit früherer Arzneiprüfungen und somit auch die Wertigkeit der auf ihnen aufbauenden ‚Arzneibilder’ erforscht werden“. An diesen Überprüfungen war auch der damals an der homöopathischen Abteilung des Rudolf-Virchow-Krankenhauses in Berlin tätige Arzt Dr. med. Fritz Donner (1896–1979) maßgeblich beteiligt. Sein ungedruckter Bericht über diese Versuche ist allerdings quellenkritisch sehr problematisch. Er wurde erst ungefähr zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verfasst und ist stark subjektiv geprägt. Dennoch wird dieses Dokument von Gegnern der Homöopathie bis heute immer wieder herangezogen, um einerseits zu zeigen, welches große Interesse die damaligen Machthaber an der Homöopathie hatten, und andererseits den fehlenden Wirksamkeitsnachweis der Homöopathie zu belegen.

Nach dem Kriegsausbruch im September 1939 fanden die Überprüfungen im Auftrag des Reichsgesundheitsamtes ein jähes Ende. Einen Abschlussbericht gibt es daher nicht. Die Originalunterlagen, die nach Donners Angaben den Krieg überdauert haben, sind bislang trotz intensiver Bemühungen noch nicht wieder aufgetaucht und müssen als verschollen gelten, so dass man sich, wie Harald Walach mit Recht betont, davor hüten muss, allein auf der Grundlage des sogenannten Donner-Reports „das Kind mit dem Bade auszuschütten und alle homöopathischen Effekte als Placebo-Effekte zu verstehen“.

Bis heute wird der Homöopathie immer wieder der Vorwurf gemacht, sie sei ebenfalls an menschenverachtenden Humanexperimenten in Konzentrationslagern beteiligt gewesen. Bei genauer Nachprüfung ergibt sich ein differenzierteres Bild. Der Großteil der heute bekannten „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, die von deutschen Ärzten in der Zeit des Nationalsozialismus begangen wurden und nur teilweise zu einer Bestrafung der Täter geführt haben (zum Beispiel im Nürnberger Ärzteprozess), war schulmedizinischer Natur, hat also keinerlei Verbindung zum homöopathischen Heilverfahren. Dennoch kann kein Zweifel daran bestehen, dass vereinzelt auch homöopathisch potenzierte Mittel zu Menschenversuchen missbraucht wurden.

Menschenversuche in Dachau auf Geheiß von Himmler

Um solche unethische Humanexperimente handelte es sich bei den auf Geheiß von Heinrich Himmler im KZ Dachau durchgeführten Versuchen mit biochemischen Medikamenten, auch Schüssler-Salze genannt. Diese werden oft wegen ihrer Herstellung (Potenzierungsverfahren) mit der Homöopathie in Verbindung gebracht. Hier bewahrheitete sich die Befürchtung, die der damalige Schriftleiter der Allgemeinen „Homöopathischen Zeitung“, Dr. Hans Wapler (1866– 1951), bereits 1934 und dann noch einmal 1943 geäußert hatte, dass es nämlich Therapien gebe, „die unter homöopathischer Flagge segeln, aber mit der Heilweise Hahnemanns nichts zu tun haben“.

Die Erprobungen mit der sogenannten Biochemie begannen Mitte Juni 1942. 33 Häftlinge, die an Wundinfektionen litten oder denen – obwohl an sich mehr oder weniger gesund – Eiter von Erkrankten in die Oberschenkel injiziert wurde, bekamen potenzierte biochemische Arzneimittel in Form von Milchzuckertabletten verabreicht und wurden zudem chirurgisch behandelt. Eine kleine Kontrollgruppe erhielt keine biochemischen Medikamente. Zehn Versuchspersonen, darunter sechs jüdische Häftlinge, starben unter entsetzlichen Qualen. Am 23. August 1942 berichtete der Reichsarzt-SS Dr. Ernst Grawitz (1899–1945) dem Reichsführer-SS über den Fehlschlag und verwies in diesem Zusammenhang auch auf Sepsisfälle in Auschwitz, die ebenfalls vergeblich mit Kalium Phosporicum D 4 behandelt worden seien und tödlich geendet hätten.

Schüssler-Salze im Vergleich mit Sulfonamiden

Himmler war als Anhänger einer „biologischen Medizin“ über das offenkundige Versagen der biochemischen Therapie wenig begeistert und ordnete daher weitere Versuche an. Diese sollten aber fortan unter kompetenter Leitung erfolgen. Ein „biochemischer“ Experte, Dr. Rudolf Kießwetter (1901–?), kam darauf nach Dachau. Er injizierte zehn deutschen Häftlingen Eiter in den Oberschenkel und behandelte diese dann ausschließlich mit Schüssler-Salzen. Nur drei Probanden überlebten. Dennoch war Himmler weiter davon überzeugt, dass eine biochemische Zusatzbehandlung von chirurgischen Allgemeininfektionen einen Nutzen haben konnte. In einer dritten Versuchsreihe sollten Schüssler-Salze im direkten Vergleich zu Sulfonamiden, die man bereits im KZ Ravensbrück unter unmenschlichen Bedingungen erprobt hatte, getestet werden. Insgesamt starben bei diesen Erprobungen biochemischer Mittel mittel- und unmittelbar 90 KZ-Insassen.

Nun kann man als Homöopath damit argumentieren, dass Schüssler-Salze trotz Potenzierung eigentlich keine homöopathischen Arzneien seien. Tatsächlich wird aber in der zeithistorischen Literatur in diesem Zusammenhang von Homöopathie beziehungsweise homöopathischen Arzneimitteln gesprochen. Es ist diese Außenwahrnehmung, die bis heute den Diskurs bestimmt.

Reichsführer-SS Heinrich Himmler (Mitte) am 8. Mai 1936 zu Besuch in Dachau. Hier begutachtet er das Modell einer SS-Kaserne für die Standarte 1 in unmittelbarer Nähe des KZ Dachau. Foto: bpk/Friedrich Franz Bauer

Ähnliches gilt für die angeblich mit homöopathischen Mitteln durchgeführten Versuche an Tuberkulosekranken im KZ Dachau. Nach Angaben des im KZ Dachau internierten österreichischen Landwirts Walter Neff (1909–1960) wurde 1941 auf dem Revierblock 5 auf Befehl des Reichsführers-SS Heinrich Himmler eine Versuchsstation mit Tbc-Kranken eingerichtet. Dort sollte überprüft werden, inwieweit mit der „Homöopathie“ (oder richtiger: was Heinrich Himmler darunter verstand) auch Erfolge bei lungenkranken Häftlingen zu erzielen sind. Da es damals noch keine Antibiotika gab und Sulfonamide sich als wirkungslos gegen Tuberkulose erwiesen hatten, war ein solcher Versuch medizinisch nicht abwegig, doch bleibt – und das ist entscheidend – die ethische Problematik, nämlich die der fehlenden Freiwilligkeit und Zustimmung.

„Biologische“ Methode erfüllt Erwartungen nicht

Durch ein Schreiben eines Firmenvertreters an das Reichsgesundheitsamt vom 17. Oktober 1941 sind wir über die Versuchsanordnung recht genau informiert. Es gab zwei Stationen mit jeweils 48 an Tuberkulose erkrankten Häftlingen, deren Krankheitszustand in etwa gleich war. Beide Gruppen erhielten Zusatzkost (ein halber Liter Milch pro Tag, 300 oder 500 Gramm Weißbrot und 30 Gramm Butter). Die Station A wurde schulmedizinisch behandelt (Pneumothorax, Traubenzucker- und Kalziumgaben, Lebertran), die Station B bekam eine sogenannte homöopathische Behandlung, wie einer der beiden Versuchsleiter 1947 bei seiner Vernehmung bestätigte. Dabei handelte es sich nachweislich um Gaben von Spenglersan®. Dieses Mittel wird übrigens heute noch vertrieben. Es enthält Kolloide aus Antigenen und Antitoxinen verschiedener Bakterienstämme, die nach homöopathischen Potenzierungsverfahren zu einer D9-Potenz verdünnt werden. Später kam noch eine dritte Versuchsgruppe hinzu: diese erhielt „Spagyrische Essenzen nach Dr. Zimpel“. Lieferant war die Homöopathische Zentralapotheke in Göppingen. Eine weitere, vierte Gruppe, die unbehandelt blieb, wurde noch zur Kontrolle hinzugenommen. Es wurden also beide Male keine Mittel der klassischen Homöopathie angewendet, sondern Heilverfahren, die sich homöopathischer Methoden (vor allem Potenzierung) bedienten.

Nach etwa zwölf Monaten wurden die Versuche eingestellt, nachdem eine Ärztekommission, zu der auch Reichsärzteführer Leonardo Conti gehörte, zu dem Ergebnis gekommen war, dass die „biologische“ Methode nicht die Erwartungen erfüllt hatte. Laut Zeugenaussagen wurde bei dieser klinischen Studie jedoch manipuliert; denn dem einflussreichen Reichsarzt-SS Ernst-Robert Grawitz war offenbar trotz Himmlers gegenteiliger Hoffnung daran gelegen, die Überlegenheit der Schulmedizin zu demonstrieren.

Die homöopathischen Ärzte taten sich aufgrund ihrer Außenseiterposition bislang mit der Vergangenheitsbewältigung noch schwerer als die übrige Ärzteschaft. Ähnliches gilt auch für andere Richtungen der Komplementärmedizin. Inzwischen hat aber ein Umdenken stattgefunden. Auf der 163. Jahrestagung des Zentralvereins homöopathischer Ärzte im Mai 2013 gab der Vorstand die sogenannte Weimarer Erklärung ab. Darin bedauert dieser „das Mitläufertum und den Konformismus der homöopathischen Ärzteschaft – insbesondere auch des Vorstandes des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte – in den Jahren von 1933 bis 1945“. Dieses Verhalten habe zur Vertreibung und Ermordung vieler Ärztinnen und Ärzte – nicht nur aus den eigenen Reihen – beigetragen. Zudem bekundete der Vorstand „sein tiefstes Bedauern darüber, dass im Namen der Homöopathie Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden“ und gedachte „der noch lebenden und der verstorbenen Opfer“. Gleichzeitig wurde eine historische Kommission eingesetzt, welche die Erforschung der Geschichte der Homöopathie im „Dritten Reich“ vorantreiben soll.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2014; 111(8): A 304–6

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. phil. Robert Jütte
Institut für Geschichte der Medizin
der Robert-Bosch-Stiftung
Straußweg 17, 70184 Stuttgart
www.igm-bosch.de
E-Mail: robert.juette@igm-bosch.de

@Literatur- und Quellenangaben:
www.igm-bosch.de/content/language1/downloads/HomoeopathieundNationalsozialismus.pdf

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