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Ärztliche Pflegeheimbetreuung: Gut vernetzt geht es besser

Dtsch Arztebl 2014; 111(9): A-365

Krüger-Brand, Heike E.

Ein elektronisches Pflegedokumentationssystem unterstützt die Zusammenarbeit von Hausarztpraxis und Pflegeheim.

Fotos: Landgraf

Die Kommunikation zwischen Hausarzt und anderen medizinischen Dienstleistern im Pflegebereich ist zumindest IT-technisch immer noch weitgehend nicht vorhanden. Ein Beispiel, wie die Schnittstelle zwischen einer Hausarztpraxis und einem Pflegeheim optimiert werden kann, präsentierte Irmgard Landgraf beim Fachkongress der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin Ende 2013. Die Fachärztin für Innere Medizin, die seit 1993 in eigener Praxis in Berlin hausärztlich tätig ist, verfügt zugleich über eine mehr als 20-jährige Erfahrung bei der Versorgung von Pflegeheimbewohnern. Ein nicht ganz einfaches Gebiet, denn: „Patienten in Pflegeheimen sind ja nicht nur alt und gebrechlich. Sie sind häufig multimorbide, mehr oder weniger ausgeprägt demenzkrank und aus verschiedenen Gründen kommunikationsgestört.“ Auch bei der Diagnostik ergeben sich oftmals Probleme, denn bei Untersuchungen können die älteren Patienten häufig nicht mitmachen oder verweigern sich.

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Pflegeheimbewohner sind zudem auf Hausbesuche angewiesen. Bei der ärztlichen Versorgung sei daher die Mitarbeit und Unterstützung von kompetenten, gut informierten Pflegekräften vor Ort sehr wichtig, betonte Landgraf. Das Problem: Wenn der Hausarzt nach seiner Sprechstunde ins Pflegeheim kommt, trifft er dort immer wieder auf wechselnde Pflegekräfte, was den Informationsaustausch erschwert. Wenn es umgekehrt zu Komplikationen bei Patienten kommt oder Beschwerden bei Patienten auftreten, ist gerade kein Arzt da. Bei der Frage, wie im Einzelfall auf eine solche Situation zu reagieren ist, ob etwa der Hausarzt kontaktiert werden muss, sind viele Pflegekräfte häufig unsicher. So komme es immer wieder zu vermeidbaren Krankenhauseinweisungen, oder aber wichtige Beobachtungen der Pflegekräfte werden dem Hausarzt zu spät oder gar nicht mitgeteilt, erläuterte Landgraf. Eine Optimierung der Kommunikation ist aus ihrer Sicht eine große Hilfe und dringend notwendig.

Landgraf hatte im Jahr 1996 die hausärztliche Betreuung von circa 100 Bewohnern des Pflegeheims Agaplesion Bethanien Sophienhaus in Berlin-Steglitz übernommen. „Wenn ich nicht einige Jahre später die Möglichkeit gehabt hätte, mit den Pflegekräften vernetzt zu arbeiten und die Versorgung telemedizinisch zu gestalten – ich hätte diese Versorgung wieder aufgeben müssen“, erzählte Landgraf. Anrufe rund um die Uhr, Hausbesuche nachts und an Wochenenden sowie vor und nach der Sprechstunde waren weder mit der Praxis noch mit der Familie zu vereinbaren. Die ständige Erreichbarkeit erwies sich als eine große Belastung, die ein Privatleben nahezu unmöglich machte.

Landgraf auf Hausbesuch im Pflegeheim: „Die Heimvisiten sind durch dieses Informationssystem sehr effektiv, und mir bleibt einfach auch mehr Zeit für die Patienten.“

Als das Heim auf eine elektronische Pflegedokumentation umstellte (Software Dan, www.danprodukte.de), sah die Ärztin das als eine Chance, durch eine telemedizinische Betreuung den Arbeitsaufwand zu verringern und die Versorgung zu optimieren. Sie ließ sich über ihren Laptop einen Zugang zu dem Dokumentationssystem des Pflegeheims einrichten, den sie von der Praxis oder von zu Hause aus nutzen kann. „Ich wähle mich jeden Morgen und jeden Abend in die Pflegeheimsoftware ein“, berichtete Landgraf. Die Einwahl erfolgt über einen mit zwei Passwörtern gesicherten Citrix-Client sowie mittels Eingabe von Kennwort und Benutzer-ID für den Zugriff auf die Pflegeheimdokumentation.

Im System sind Dokumentationsseiten hinterlegt, die über einen Registernamen aufgerufen werden können. So sind unter dem Registernamen „Vitalparameter“ etwa sämtliche Blutdruck-, Puls- oder Blutzuckerangaben und unter „Ärztliche Verordnungen“ alle aktuellen, aber auch abgesetzte Medikamente und nichtmedikamentöse Therapien gespeichert.

Zusätzlich gibt es „grüne Reiter“, die als Marker für Kurzmitteilungen zwischen Pflegekräften und Ärztin dienen. Dort kann zum Beispiel die Pflegekraft die Information absetzen: „Patientin trinkt seit zwei Tagen zu wenig.“ Umgekehrt kann Landgraf auch Mitteilungen an das Pflegeheim hinterlegen, um beispielsweise eine Medikation zu verändern. Im Beispielfall kann sie etwa die Einträge zu Ernährung und Ausscheidung prüfen, ebenso die Medikamentenliste. Gegebenenfalls kann sie in ihrer Praxissoftware einen Überweisungsschein zur Blutabnahme ausstellen und diese veranlassen, so dass bereits am Abend die Laborergebnisse vorliegen. Rezepte für Medikamente schickt sie per Fax an die Apotheke, so dass beim nächsten Hausbesuch nach der Sprechstunde die Behandlung meist schon eingeleitet worden ist. Das System unterstützt auch die Kontrolle des Medikamentenverbrauchs der Heimpatienten, indem es zwei Wochen vor Packungsende eines Arzneimittels einen entsprechenden Hinweis absetzt.

Durch enge Absprachen mit dem Pflegeheim, gegebenenfalls Einleiten einer Therapie und engmaschige Kontrollen durch die Pflegekräfte lässt sich im Beispielfall vermeiden, dass die Patientin wegen einer Austrocknung ins Krankenhaus muss. Auch auf bedrohliche Neben- oder Wechselwirkungen von Medikamenten kann die Ärztin durch den Informationsaustausch mit den Pflegekräften über den grünen Reiter mit einer raschen Therapieänderung reagieren. Beschwerden lassen sich so schneller beseitigen, Krankheitsverläufe gut überwachen und lebensbedrohliche Komplikationen eher vermeiden.

Von den Vorteilen des Verfahrens profitieren alle: die Patienten, die Pflegekräfte und die Hausärztin. „Ich habe mit dieser Vernetzung ein extrem gut funktionierendes Frühwarnsystem“, betonte Landgraf. „Ich kann immer umgehend ärztlich reagieren, in der Regel am selben Tag. Notwendige Therapien können gezielt auch ohne Hausbesuch angesetzt werden, weil ich sofort alles schriftlich fixieren kann. Ich bin als Ärztin immer gut über meine Patienten informiert. Wir haben deutlich weniger Notfälle und Krankenhausbehandlungen, seit wir so arbeiten.“

Fehlinformationen und Informationsverluste lassen sich durch die exakte Dokumentation weitgehend vermeiden. Das bessere Zeitmanagement schafft Freiräume bei den Patientenkontakten während der wöchentlichen Visite. „Die Heimvisiten sind durch dieses Informationssystem sehr effektiv, und mir bleibt einfach auch mehr Zeit für die Patienten“, meinte Landgraf. Notfallhausbesuche werden nur noch bei klarer Indikation und gut vorbereitet durchgeführt. „Die ärztliche Arbeit ist besser planbar. Wir haben eine gute Dokumentation der ärztlich-pflegerischen Zusammenarbeit und bei gleicher Arbeitsbelastung deutlich mehr Qualität.“ Anrufe rund um die Uhr sind bedeutend weniger, nächtliche Notfallhausbesuche gar zur Ausnahme geworden. Vor diesem Hintergrund hält Landgraf die telemedizinische Pflegeheimbetreuung auch für ein geeignetes Instrument, um die ärztliche Versorgung in strukturschwachen Gebieten zu bewältigen.

Zudem entlastet diese Form der Zusammenarbeit auch die Pflegekräfte und stärkt zugleich deren Kompetenz. Sie erhalten klare schriftlich fixierte Handlungsanweisungen und fühlen sich Landgraf zufolge dadurch besser abgesichert. Ihre Informationen können sie jederzeit schnell über das Dokumentationssystem weitergeben, und sie sind stets über die Situation der Heimbewohner auf dem laufenden.

Nicht zuletzt profitieren auch die Krankenkassen. Denn weniger Notfallhausbesuche, weniger Medikamente und insbesondere weniger Krankenhausaufenthalte bedeuten auch immer weniger Ausgaben für die Kostenträger.

Heike E. Krüger-Brand

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