THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin: „Patientensicherheit kann man lernen“

Dtsch Arztebl 2014; 111(15): A-634 / B-545 / C-525

Krüger-Brand, Heike E.; Richter-Kuhlmann, Eva

Günther Jonitz fordert eine neue Politikkultur im Um­gang mit Patientensicherheit. Der Chirurg setzt sich seit vielen Jahren erfolgreich für das Thema ein. Foto: dpa

Um Patientensicherheit in der Gesundheitsversorgung weiter voranzubringen, sind mehr Ressourcen in Klinik und Praxis sowie Investitionen in die Aus-, Weiter- und Fortbildung nötig. Nicht zuletzt ist auch politisches Engagement gefragt.

Thema Patientensicherheit – Herr Dr. Jonitz, wo steht Deutschland?

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Günther Jonitz: Nach einer Umfrage der Europäischen Kommission von 2012 gibt es neun Nationen in Europa, die sich mit dem Thema Patientensicherheit besonders gut beschäftigen. Deutschland ist in dieser Spitzengruppe.

Was haben wir richtig gemacht?

Jonitz: In Deutschland wurde das Thema nicht außerhalb der Patientenversorgung entdeckt, sondern von der Ärzteschaft selbst auf den Weg gebracht. Ein erster Meilenstein war der Berliner Gesundheitspreis, der 2002 von der Ärztekammer Berlin, dem AOK-Bundesverband und der AOK Berlin zur Patientensicherheit vergeben wurde. Im zweiten Schritt wurde 2005 das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) gegründet, ebenfalls unter aktiver Beteiligung und Trägerschaft der Ärzte. Der Durchbruch kam 2005 auf dem Deutschen Ärztetag mit einem einstimmigen Votum für einen konstruktiven partizipativen Umgang mit Patientensicherheit. Sie werden weltweit kein Land finden, in dem mehr ärztliche Verbände und Organisationen, aber auch Patientenverbände, Krankenkassen und Krankenhäuser so aktiv an dem Thema dran sind wie in Deutschland.

Patientensicherheit ist in Deutschland also breit aufgestellt. Ist damit auch eine Patientensicherheitskultur etabliert?

Jonitz: Wir haben einen Paradigmenwechsel in der Sicherheitskultur im Jahr 2008 bekommen. Drei Jahre nach Gründung des APS wurde durch eine breite öffentliche Diskussion festgestellt, dass die bekannte Umgangsweise – wenn ein Fehler passiert ist, Klappe halten, nichts sagen und warten, bis der Rechtsanwalt da ist – genau falsch und gefährlich ist für Patient und Arzt. Nur durch Offenheit, Transparenz und konstruktives Lösen der Probleme kommen wir tatsächlich weiter. Bis der neue Umgang mit dem Thema überall in der Versorgung angekommen ist, ist es noch ein längerer Weg. Man kann ihn nicht von oben verordnen, aber gangbar gemacht ist er bereits.

Wo sehen Sie noch den größten Handlungsbedarf?

Jonitz: Die Institutionen müssen gefördert werden, die Patientensicherheit bearbeiten – konkret sind das Fehlerlernsysteme im ambulanten und stationären Sektor, aber auch in der Pflege. Dafür brauchen wir Ressourcen. Und wir müssen bei den Gesundheitsberufen investieren in die Aus-, Weiter- und Fortbildung. Denn Patientensicherheit kann man lernen.

Lassen sich die Erfolge in der Patientensicherheit auch messen?

Jonitz: Direkt messen kann man Patientensicherheit nicht, wohl aber die Wirkung von einzelnen Maßnahmen. Was wir wahrnehmen und belegen können, ist die Akzeptanz des Themas und der Verfahren.

Wie lässt sich der Wissensstand zur Patientensicherheit weiter verbessern?

Jonitz: Wir brauchen nicht nur eine neue Sicherheits-, sondern auch eine neue Politikkultur. Nötig ist eine Kultur der gemeinsamen Verantwortung – gerne unter der Regie des Bundesgesundheitsministeriums als verantwortlicher Instanz für die Finanzierung des gesamten Systems. Patientensicherheit ist Teil eines politischen Geschehens. Das beginnt bei der Finanzierung, geht über die Machtverteilung im Gesundheitswesen weiter bis zu inhaltlichen Themen. Man braucht ein Konzept, um zu sagen: Für die Patientensicherheit ändern wir die Approbationsordnung, die Ausbildungsordnungen für die Gesundheitsberufe und nehmen finanzielle Mittel in die Hand. Auch die Medien haben hier eine Sorgfaltspflicht.

Hat uns das Patientenrechtegesetz vorangebracht im Blick auf das Thema?

Jonitz: Das Patientenrechtegesetz hat sicherlich einen positiven Akzent gesetzt. Konkrete Auswirkungen auf die Patientenversorgung konnte ich bislang aber nicht feststellen. Für die Mitarbeiter gibt es einen wichtigen Punkt: Es wurde geregelt, dass jemand, der als Whistleblower agiert, also tatsächlich Missstände oder auch Beinahe-Fehler meldet, daraus keinen persönlichen Nachteil haben darf.

Das Interview führten Heike E. Krüger-Brand und Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann.

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