POLITIK

Krankenhäuser: Alte Patienten sind oft überfordert

Dtsch Arztebl 2014; 111(15): A-626 / B-539 / C-519

Hibbeler, Birgit

Besonders Patienten ohne Angehörige haben keine Fürsprecher und sind dem „System Krankenhaus“ ausgeliefert. Foto: CRISTINA PEDRAZZINI/SPL/Agentur Focus

Für eine gute Betreuung alter Patienten fehlt es im Krankenhaus häufig an Zeit. Die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Steffens fordert einen bundesweit gültigen Personalschlüssel und einen Ausbau der Geriatrie.

Eine unbekannte Umgebung, fremde Gesichter und dann auch noch die Schmerzen: Wenn alte Patienten ins Krankenhaus eingeliefert werden – zum Beispiel nach einem Sturz – fühlen sie sich oft hilflos. Vielleicht fehlen außerdem Hörgerät, Brille und Gebiss, weil bei dem Rettungseinsatz niemand daran gedacht hat, sie einzupacken. Doch für solche „banalen“ Probleme bleibt im Klinikalltag kaum Zeit.

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Zu wenig Zeit und Zuwendung

Die Zahl alter und hochaltriger Patienten steigt. „Wir haben eine veränderte Patientenstruktur“, sagt die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne). Doch das „alte System Krankenhaus“ sei bislang darauf nicht eingestellt. „Für diese Personengruppe ist menschliche Zuwendung das A und O“, erläuterte Steffens auf dem Kongress „Der alte Mensch im Krankenhaus – Geriatrienetz Ruhrbistum“ Ende März in Essen. Wenn Patienten sediert und fixiert würden, um reibungslose Abläufe mit wenig Personal zu ermöglichen, sei das nicht akzeptabel.

Steffens sprach sich bei der Veranstaltung für einen festgelegten Personalschlüssel in Krankenhäusern aus. Es müsse „auf Bundesebene ein Personalbemessungsinstrument“ eingeführt werden, verlangte die Ministerin. Zugleich müsse aber auch die Refinanzierung gesichert sein, forderte Steffens auf dem Kongress der Kosmas und Damian GmbH, einer Entwicklungsgesellschaft für die katholischen Krankenhäuser im Bistum Essen. Grundsätzlich glaubt Steffens allerdings nicht, dass die Maßnahmen unterm Strich teurer sein müssen als die jetzige Versorgung. Derzeit entstünden viele Folgekosten durch eine Fehlversorgung, die Pflegebedürftigkeit und Immobilität verursache.

Neben der besseren Personalausstattung in der Regelversorgung, will Steffens auch den Ausbau einer spezialisierten Altersmedizin fördern. Der Krankenhausplan Nordrhein-Westfalen 2015 sieht unter anderem eine Stärkung der geriatrischen Angebote vor. Steffens wies aber darauf hin, dass dabei die Qualität gewährleistet sein müsse. „Nicht überall, wo man Geriatrie drauf schreibt, ist auch Geriatrie drin.“

Matthias Mohrmann, Vorstandsmitglied der AOK Rheinland/Hamburg, sieht ebenfalls das Problem einer wachsenden Zahl geriatrischer Angebote mit fragwürdiger Qualität. Gemessen an der Zahl der Einrichtungen fehle es an altersmedizinisch weitergebildeten Ärzten. „Man kann nicht überall geriatrische Abteilungen einrichten, um den Bestand nicht rentabler Häuser zu sichern“, kritisierte Mohrmann.

Für Dr. med. Heinrich-Walter Greuel, Mitbegründer des neu geschaffenen „Geriatrienetzes Ruhrbistum“, liegt die Zukunft in regionalen Versorgungsverbünden und definierten Patientenpfaden. „Wir werden um dieses System gar nicht herumkommen“, erklärte er. Geriatrische und nicht-geriatrische Abteilungen müssten sich vernetzen – auch Einrichtungen verschiedener Träger. Außerdem sei die sektorenübergreifende Zusammenarbeit ein wichtiges Anliegen.

Zehn Lehrstühle für Geriatrie

Unterdessen hat die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) darauf hingewiesen, dass die Geriatrie an den Universitäten an Bedeutung gewinnt. Die Zahl geriatrischer Lehrstühle steigt. Drei Fakultäten – Aachen, Göttingen und Heidelberg – schreiben aktuell W3-Professuren aus. „Die Bedeutung des Faches Geriatrie wächst, und endlich wird unserem Ruf nach weiteren Möglichkeiten Nachwuchs heranzuziehen Tribut gezollt“, betont DGG-Präsident Prof. Dr. med. Ralf-Joachim Schulz. An sieben der 37 Fakultäten in Deutschland gibt es bereits einen Lehrstuhl. Darüber hinaus sind laut DGG zwölf Unis in der Planungsphase. „Wir kommen unserem Ziel ,ein Lehrstuhl für Geriatrie in jeder medizinischen Fakultät‘ immer näher“, sagt Schulz.

Dr. med. Birgit Hibbeler

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