KULTUR

Konzerte für Menschen mit Demenz: Musik als Schlüssel zur inneren Welt

Dtsch Arztebl 2014; 111(18): A-806 / B-694 / C-658

Klinkhammer, Gisela

Das WDR Sinfonieorchester ermöglicht es, an Demenz erkrankten Menschen und ihren Angehörigen speziell auf sie zugeschnittene Konzerte zu besuchen.

Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen „an den schönen Dingen des Lebens teilhaben zu lassen“ ist die Intention der Konzerte des WDR Sinfonieorchesters. Foto: Marie Breer/WDR

Ich hatte mich auf das Konzert gefreut, ich habe mich praktisch darauf vorbereitet, und ich habe die Stunde dort genossen. Insgesamt hatte ich also viele Stunden Freude an dem Konzert. Für meine Mutter sieht das ganz anders aus. Für sie zählt der Moment, schon beim Anschnallen im Auto wusste sie nicht mehr, dass wir gerade ein Konzert besucht hatten. Meine Mutter war mit meinem Vater oft in Konzerten. Ob sie sich daran erinnerte? Ich weiß es nicht. Es war für mich einfach sehr schön zu sehen, dass einige Eltern von ihren Kindern begleitet wurden.

Anzeige

Und da hatte ich auf einmal das Gefühl, ich bin nicht alleine damit, für meine Mutter Nischen zu suchen, in denen sie Schönes erleben kann. Mir gar keine Gedanken machen zu müssen, was ich tue, wenn meine Mutter sich anders verhält, als es die Konvention in einem Konzertsaal vorgibt. Dann ist alles ganz ruhig verlaufen, und ich konnte mich der Musik hingeben, den wunderschönen sanften und belebenden Klängen, ich habe die Virtuosität der Musiker bewundert. Dass ich dabei die Nähe meiner Mutter spüren konnte, war ein ganz besonderer Moment.“

Barrierefreiheit ermöglichen

Diesen Brief schrieb eine pflegende Angehörige, die mit ihrer dementen Mutter ein Konzert in Essen besucht hatte. Um solche Erfahrungen zu ermöglichen, wagte Siegwald Bütow, Manager des WDR Sinfonieorchesters, im Dezember 2012 ein Experiment, das offenbar großen Anklang fand. „Menschen mit Demenz haben das Problem, dass sie nicht allein in Konzerte gehen können. Und selbst wenn sie von Angehörigen begleitet werden, sollte das Konzert auf die Zielgruppe abgestimmt sein“, berichtet Bütow dem Deutschen Ärzteblatt.

Er sieht es als eine zentrale Aufgabe von öffentlich-rechtlichen Anstalten an, Projekte zu entwickeln, die von kommerziellen Anbietern nicht ermöglicht werden können. „Hier wird der Kulturauftrag zum Dienst an der Gesellschaft.“ Dennoch galt es zunächst, die nötigen Voraussetzungen zu schaffen, denn, so Bütow, „eigentlich hatten wir weder einen Etat noch die Möglichkeiten, ein so spezielles Konzert überhaupt durchzuführen“. Seit anderthalb Jahren nun bietet das WDR-Sinfonieorchester in Zusammenarbeit mit dementia + art Konzerte für Menschen mit Demenz an. „Ein Kammermusikensemble hat sich für das erste Konzert bereiterklärt, Teile des Programms, das sie am Wochenende zuvor bereits gespielt hatten, noch einmal aufzuführen. Ein Moderator von WDR 2 war ebenfalls prompt bereit, durch das Programm zu führen, und der kleine Sendesaal im Funkhaus hat sich als individuell bestuhlbarer Raum herausgestellt.“

Wichtig bei Konzerten für Menschen mit Demenz sind nämlich eben auch die Barrierefreiheit und die entsprechende Logistik, die von dem Verein dementia + art (Kasten) übernommen wird. Bütow: „Es muss beispielsweise die Möglichkeit geschaffen werden, dass Konzertbesucher im Rollstuhl neben ihren Angehörigen sitzen können.“ Zunächst einmal sollte allerdings das Angebot bekanntgemacht werden. Jedes Konzert werde mit Programm auf der Homepage von dementia + art angekündigt und Kontakte zu Pflegeeinrichtungen würden geknüpft, berichtet der Geschäftsführende Vorstand des Vereins, Jochen Schmauck-Langer. So war im April in Köln und in Bonn ein Frühlingskonzert aufgeführt worden. Der Harfenist Andreas Mildner spielte unter anderem Sonaten von Scarlatti und den ersten Satz aus Bachs Italienischem Konzert BWV 971. „Im Prinzip funktioniert alles, was nicht zu komplex ist und was musikalisch zwischen Barock und Romantik liegt“, bringt es der WDR-Manager auf den Punkt. Am Ende des Konzertes werde dann noch ein gemeinsames Lied gesungen.

„Wir geben außerdem aber auch ausführliche Hinweise zur Anfahrt zu dem jeweiligen Konzert. Es müssen barrierefreie Toiletten vorhanden sein. Es muss daran gedacht werden, dass Menschen mit schweren Rollstühlen nicht bereits an zu schweren Türen am Eingang scheitern.“ Wenn all diese Voraussetzungen geschaffen sind, könne die Absicht, „Betroffene und ihre Angehörige an den schönen Dingen des Lebens weiter teilhaben zu lassen“ auf diese Weise realisiert werden, glaubt Schmauck-Langer. Denn Musik könne ein Schlüssel zur inneren Welt der Menschen sein. „Musik weckt Emotionen, und die sind ja von einer Demenz in der Regel eben nicht betroffen. So bewegt Musik demenziell veränderte Menschen und ihre Angehörigen – im übertragenen wie im wörtlichen Sinne.“

Und wie empfinden die Musiker, die für die Konzerte nur eine kleine Aufwandsentschädigung erhalten, die Atmosphäre? „Für uns war es fast wie ein normales Konzert. Aber natürlich ist es auch ein schönes Gefühl, zu einem besonderen Erlebnis für diese Menschen und ihre Angehörigen beizutragen. Wir waren positiv überrascht, dass sie so konzentriert und aufmerksam zugehört haben“, erinnert sich Nina Arnold, Viola. Und Adrian Bleyer, Violine, fügt hinzu: „Das Musizieren für Menschen, die erkrankt sind und nicht mehr in vollem Umfang am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, geschweige denn ein Konzert besuchen können, ist eine großartige Sache und sollte unbedingt weiterverfolgt werden.“

Vorreiterfunktion in NRW

Jede Saison finden zwei Konzerte von Mitgliedern des WDR Sinfonieorchesters statt. Darüber hinaus übernimmt das Orchester in Nordrhein-Westfalen eine Vorreiterfunktion. Pro Spielzeit stellt es in jeweils einer anderen Stadt des Landes das Konzept vor. Bütow: „Wir versuchen dann den jeweiligen Veranstalter mit ins Boot zu holen, sei es ein Orchester, Opern- oder Konzerthaus. Dementia + art nimmt den Kontakt mit den entsprechenden Einrichtungen vor Ort auf. Ziel ist es dann, Starthilfe zu leisten, um in verschiedenen Städten Ensembles zu finden, die ähnliche Konzerte auf die Beine stellen können.“ Im letzten Jahr war das Orchester in Essen zu Gast, im April in Bonn, und in der nächsten Spielzeit steht Dortmund auf dem Programm. Außerdem stellt der WDR in vier sogenannten Happy-Hour-Konzerten pro Saison unentgeltliche Eintrittskarten in leicht begehbaren Bereichen der Kölner Philharmonie für an Demenz Erkrankte und ihre Begleiter zur Verfügung.

Gisela Klinkhammer

dementia + art

In Deutschland leben etwa 1,4 Millionen Menschen mit Demenz. Das Bedürfnis nach Kultur und gesellschaftlicher Teilhabe geht aber nicht automatisch mit der Diagnose Demenz verloren. Im Gegenteil: Ein Museums- oder Konzertbesuch können Schlüssel zur emotionalen Welt von Menschen mit Demenz sein.

Dementia + art hat sich nach eigenen Angaben die kulturelle Teilhabe für Ältere und besonders Menschen mit Demenz zur Aufgabe gemacht. Der Verein arbeitet mit Museen, Konzerthäusern und weiteren Kultureinrichtungen sowie unter anderem mit Senioreneinrichtungen und Demenz-Serviceeinrichtungen zusammen. Seine Aktivitäten:

  • Auf Flügeln der Musik – Das Ermöglichen von Konzerterlebnissen
  • Kunst des Erinnerns – barrierefreie Museumsführungen mit musikalischen Akzenten speziell für Menschen mit Demenz
  • Projekte – generationsübergreifende Projekte für junge und alte Menschen unter Einbeziehung von Menschen mit Demenz
  • Auf die Bretter, fertig, los! – qualifizierte Theaterarbeit für Menschen mit und ohne Demenz
  • Beratung – kulturgeragogisch fundierte Beratung für Kulturinstitutionen, Senioreneinrichtungen und Kommunen; Schaffung von Netzwerken
  • Schulung – Qualifizierungen zum „Kulturbegleiter“ von Menschen mit Demenz

Informationen: www.dementia-und-art.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige