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Haftpflichtprämien von Hebammen: Lösung ohne Logik

Dtsch Arztebl 2014; 111(19): A-811 / B-699 / C-663

Hibbeler, Birgit

„Rettet die Hebammen!“, „Ein Berufsstand vor dem Aus“, „Mütter kämpfen gegen Hebammen-Misere“ – von diesen Schlagzeilen hat sich Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) offenbar massiv unter Druck setzten lassen. Anders ist sein Lösungsvorschlag in Bezug auf die steigenden Haftpflichtprämien freiberuflicher Hebammen zumindest nicht zu erklären. Sollte Gröhe den Wunsch gehabt haben, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, so ist er gescheitert. Denn sein Vorstoß ist nicht mehr als ein Schnellschuss, der jeder Logik entbehrt.

Dr. med. Birgit Hibbeler, Politische Redakteurin

Gröhe schlägt vor: Die Krankenkassen sollen für die Leistungen der freiberuflichen Hebammen eine höhere Vergütung zahlen, damit diese die zum 1. Juli angekündigten Prämienerhöhungen aufbringen können. Das ist soweit noch nachvollziehbar. In einem zweiten Schritt geht es dann aber ans Eingemachte: Kommt bei einer Geburt ein Kind zu Schaden, sollen die Schadensersatzansprüche gegenüber Hebammen künftig begrenzt sein. Konkret fordert Gröhe: Die Kranken- und Pflegeversicherungen sollen auf Regressforderungen verzichten, wenn etwas schiefgegangen ist. „Durch die faktische Begrenzung der Höchstschäden entsteht zudem wieder eine verlässlichere Kalkulationsgrundlage für die Versicherungswirtschaft“, erklärte Gröhe. Die betroffenen Familien sollen nach dem Wunsch des Ministers jedoch weiterhin abgesichert sein. Das heißt: Die Kassen zahlen für die medizinische Versorgung und Pflege geschädigter Kinder. Weil sie sich das Geld aber nicht mehr bei den Hebammen beziehungsweise ihren Haftpflichtversicherern zurückholen können, tragen die Beitragszahler die Kosten – also die Allgemeinheit.

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Sicherlich sind die steigenden Haftpflichtprämien für freiberufliche Hebammen ein Problem. Doch warum soll eine einzelne Berufsgruppe im Gesundheitswesen für Fehler nicht mehr geradestehen müssen? Gröhe ist Jurist und sollte wissen, dass eine solche Regelung nicht nur unlogisch, sondern auch rechtlich fragwürdig ist. Was ist schließlich mit geburtshilflich tätigen Ärzten? Diese tauchen in der Debatte bisher kaum auf – obwohl die Haftpflichtproblematik auch Krankenhausabteilungen und geburtshilflich tätige Belegärzte betrifft. Und ohne die ist eine wohnortnahe Versorgung genauso wenig denkbar. Von Gesundheitsminister Gröhe hätte man erwarten können, dass er die Probleme der Geburtshilfe differenzierter darstellt. So ist in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild entstanden.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, hat nun gefordert, auch die Versicherungsbeiträge für Ärzte zu senken. „Ebenso wichtig ist es, auch für Gynäkologen und geburtsmedizinische Abteilungen der Krankenhäuser dauerhafte Lösungen zu finden“, sagte er. Montgomery fordert daher, die Versicherungssteuer für die ärztliche Haftpflicht von derzeit 19 auf elf Prozent zu senken.

In der hochemotional geführten Debatte um die Zukunft der freiberuflichen Hebammen darf man nicht vergessen: Es gibt in Deutschland ein hochwertiges geburtshilfliches Angebot. Und denen, die auf die „Wahlfreiheit bei der Geburt“ pochen, muss man sagen: Nach Angaben der gesetzlichen Krankenkassen finden mehr als 98 Prozent der Geburten im Krankenhaus statt. Weniger als zwei Prozent sind außerklinische Entbindungen, davon lediglich 0,5 Prozent Hausgeburten. Etwas weniger Ideologie und etwas mehr Pragmatismus – das würde der Diskussion guttun.

Birgit Hibbeler
Politische Redakteurin

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Jule86
am Dienstag, 3. Juni 2014, 15:58

Schlecht informiert oder falsch dargestellt??

Wieder ein typischer Beitrag mit den typischen Fehlern einer wenig? informierten? Schreiberin?? Nein, es geht nicht nur um Hausgeburten und nein, es geht nicht nur um Geburtshäuser. Es geht um VORSORGE UND NACHSORGE, um FRÜHZEITIGE Erkennung von Wochenbettdepressionen, um Vorbeugung von KINDESMISSHANDLUNG und vieles mehr. Und vorallem geht es AUCH um Geburten im KRANKENHAUS, und auch dort nicht nur um BELEGGEBURTEN, sondern um alle. Auch die festangestellten Hebammen in Krankenhäusern müssen sich meist ZUSÄTZLICH SELBST versichern. Also geht es nicht nur um ideologische 2 Prozent, sondern um volle 100 Prozent, die mit Wegfall der Hebammen nur noch mit Ärzten im Kreissaal (wenn es den noch gibt) dastehen. Und sind wir ehrlich, ein Kaiserschnitt geht ja nun doch am schnellsten. Wollen wir das wirklich???????
Laufenlernen
am Dienstag, 27. Mai 2014, 13:37

Ernsthaft?

Ich weiß nicht, ob die Autorin Kinder geboren hat - ich kann mir das jedenfalls nur schlecht vorstellen. "Weniger als zwei Prozent sind außerklinische Entbindungen, davon lediglich 0,5 Prozent Hausgeburten. Etwas weniger Ideologie und etwas mehr Pragmatismus – das würde der Diskussion guttun." Sicher, für viele Frauen ist es genau das richtige, in einer sterilen, unpersönlichen Umgebung, umgeben von Kranken und Medizinern, ein Kind zu gebären und danach eine Tage wie eine Kranke im Krankenhaus zu liegen und sich pflegen zu lassen. Dafür mag es viele verschiedene und individuelle Gründe geben, nicht zuletzt vielleicht die Tatsache, dass Kinderkriegen heute leider nur noch sehr, sehr wenig zählt. Da ist es völlig legitim, wenn man diesen Umstand dann für sich selbst und andere inszenieren möchte.

Aber es gibt auch andere Frauen. Frauen, die an ihre eigene Stärke glauben, die finden, Kinderkriegen ist keine Krankheit und hat deshalb auch nicht primär im Krankenhaus stattzufinden. Kinderkriegen ist etwas natürliches. "98% der Geburten finden in einem Krankenhaus statt"? Angstmache und Informationsdefizit! Viele Frauen, mit denen ich gesprochen habe, wussten überhaupt nicht von der Möglichkeit einer ambulanten Geburt! Sie hatten noch nie von Geburtshäusern gehört. Ihre Mutter, ihre Tante, ihre beste Freundin hatte unter unerträglichen Schmerzen und Unmengen an Schmerzmitteln in einem Krankenhaus entbunden. Etwas anders kannten sie nicht, Geburt sah für sie genau so aus. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass es auch anders vonstatten gehen kann. 80% der Mütter in meinem persönlichen Umfeld haben zu hause oder ambulant in einem Geburtshaus entbunden. Ohne Schmerzmittel. Ohne Krankenhaussuppe. Sie haben wenige Stunden nach der Geburt wieder auf ihren eigenen Füßen gestanden und sind aus der Klinikpforte spaziert, vorbei am immer noch ungläubig schauenden Pförtner.

Ambulante, persönliche und vor allem natürliche Geburt hat mit Ideologie rein gar nichts zu tun, liebe Frau Dr. Hibbeler. Es geht darum, Natürliches natürlich zu belassen, es sei denn, es gibt einen triftigen Grund dazu.
christinabaris
am Montag, 12. Mai 2014, 00:37

Was bedeutet Wahlfreiheit?

Sehr geehrte Frau Hibbeler,

ich freue mich sehr, dass Sie sich der Thematik der Hebammen und der Geburtshilfe in Deutschland sogleich auf SEITE EINS (Dtsch Arztebl 2014; 111(19): A-811 / B-699 / C-663) angenommen haben.

Ich gehe mit Ihrer Meinung mit, dass der Herr Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe einen nicht lösungsfähigen Vorschlag kundgetan hat, um nachhaltig die Haftpflichtproblematik für alle Beteiligten in der Geburtshilfe anzugehen. Wie Sie richtig schreiben, sind sowohl die Hebammen und alle anderen Heilberufe als auch die Geburtskliniken (http://www.badische-zeitung.de/wirtschaft-3/viele-kliniken-finden-keine-haftpflichtversicherung) selbst betroffen.

Doch in Ihrer weiteren Darstellung wird es leider nicht deutlich, dass es sich um eine nicht bedeutend kleine Elternschaft handelt, die bei einem Schwund der freien Hebammen betroffen sind (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/hebammen-haftpflichtversicherung-bedroht-berufsstand-a-966815.html).
Ja, es finden wohl etwa 98% der Geburten in Deutschland in den Kliniken statt. Doch in bestimmten Bundesländern Deutschlands begleiten freiberufliche Hebammen bis zu 60% dieser Geburten (http://www.bhlv.de/de/startseite/drohender-zusammenbruch-der-versorgung-der-familien-mit-hebammenhilfe/). Auch steigen die Haftpflichtprämien für Vor- und Nachsorgehebammen, deren Arbeit einen unschätzbaren Wert haben, in einem nicht zumutbaren Maße an. Wer versorgt also all die jungen Familien, wenn Herr Gröhe keine Lösung findet? Die Ärzteschaft in den Kreißsälen? Die Kollegen in ihren Niederlassungen und in den Rettungsstellen?! Ich glaube nicht, dass sie diese enormen Nachfragen stemmen können.

Die „hochemotionale“ Elternschaft, die sich für eine Wahlfreiheit in der Geburtshilfe einsetzen, sind bestens informiert: im sogenannten Ternovsky-Urteil hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bereits 2010 entschieden, dass die europäischen Mitgliedsstaaten unter Bezug auf Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention dazu verpflichtet sind, das Recht der Frauen auf die freie Wahl des Geburtsortes und der Geburtsbegleitung zu garantieren. Aber bedeutet Wahlfreiheit überhaupt keine freie Hebamme zu finden – weder für die Vor- oder Nachsorge als auch für eine individuelle Geburtsbegleitung? Heißt Wahlfreiheit 50-60 Kilometer zur nächsten Geburtsklinik zu fahren ohne eine Alternative im näheren Umkreis zu haben? Nennt man es Wahlfreiheit, wenn der Kreißsaal überbelegt ist und man keine Hebamme an der Seite zur Geburt hat? Drückt es Wahlfreiheit aus, seinen Wohnort für Wochen zu verlassen um in einem Hostel auf seine ersten Wehen zu warten?

„Etwas weniger Ideologie und etwas mehr Pragmatismus – das würde der Diskussion guttun.“
Liebe Frau Hibbeler, ich denke etwas mehr Informiertheit braucht das Land um entscheidende neue Wege einzuschlagen.

Mit freundlichen Grüßen
Christina Baris
Ärztin und zweifache Mutter

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