SPEKTRUM: Leserbriefe
Haftpflicht: Erzwungene Selbstverachtung
Dtsch Arztebl 1999; 96(10): A-584 / B-488 / C-448
Zu dem Leserbrief "Grenzen erkennen" von Dr. Joachim Stein in Heft 3/1999:


Der Leserbrief rührt meiner Meinung nach an dem schon seit längeren Zeiten totgeschwiegenen
Tabuthema, daß Ärzte eben auch nur Menschen mit ganz normalen Bedürfnissen sind. Es gibt zwei gute Gründe
dafür, daß das so ist und bleibt.
Unter der ethisch-moralischen Vorgabe einer unermüdlichen Einsatzbereitschaft von Ärzten lassen sich
hervorragend Stellen und damit Kosten sparen. Kostenträger, auch einige leitende Betriebswirte und Ärzte
können sich so freuen, weiterhin mit dem hohen Standard ihrer Kasse oder ihres Hauses zu werben, während
insbesondere der ärztliche Nachwuchs trotz Arbeitszeitgesetz mit regelmäßigen Überstunden und zum Teil
Stellen unter zustehendem Tariflohn bei Tausenden arbeitslosen Ärzten leben muß und eingesessene
Positionsinhaber vom hochbezahlten Krankenkassenfunktionär bis zum niedergelassenen Großlabormediziner
sich goldene Nasen verdienen.
Solche unmenschliche Selbstüberhöhung taugt ideal zur verdrängenden narzißtischen Selbstbespiegelung, wie
ausdauernd und selbstlos man doch ist und vielleicht auch noch mehr (früher!) war. Um nicht verdrängte
Bedürfnisse anhand alternativer Lebenswege bemerken zu müssen, überträgt man diese "Ideale" als ein Muß auf
nachfolgende Generationen ohne jegliches Verständnis für Zusammenhänge außerhalb dieser Durchhalteparolen.
Man muß sich nicht wundern, wenn dann "weiche" Patientenbedürfnisse außerhalb schulmedizinischwissenschaftlich-technisch korrekter Grundversorgung bei soviel erzwungener ärztlicher Selbstverachtung
einfach auf der Strecke bleiben.
Christian Ulrichs, Bergstraße 69, 45770 Marl
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.