POLITIK: Aktuell
Bereitschaftspraxis im Klinikum rechts der Isar: Münchner Projekt weckt Zuversicht
Dtsch Arztebl 1999; 96(10): A-606 / B-494 / C-466


Die Kooperation zwischen Klinik und Hausärzten rechnet sich - für alle Beteiligten. Das zeigen die
ersten Ergebnisse des in Deutschland einmaligen Modellprojektes.
Die Hausärzte der Bereitschaftspraxis im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München haben
in den ersten drei Monaten mehr als 2 500 Patienten behandelt. Das Klinikum wurde dadurch in der
Notfallversorgung der ambulanten Patienten entlastet. 90 Prozent der Patienten konnten ambulant versorgt
werden. In acht Prozent der Fälle mußten die Patienten per Überweisung in eine fachärztliche Klinikambulanz
weitergeleitet werden. Nur zwei Prozent der Patienten mußten aufgrund der Schwere der Erkrankung stationär
eingewiesen werden. Die in der Bereitschaftspraxis behandelten Patienten wurden fast ausschließlich von einem
niedergelassenen Arzt weiterversorgt.
Das sind die ersten Ergebnisse des Modellprojektes, das auf Initiative des Klinikums am
1. Oktober 1998 gestartet wurde. Die Bereitschaftspraxis, die abends, am Wochenende und an Feiertagen
geöffnet ist, übernimmt die Behandlung von Patienten mit allgemeinmedizinischen Erkrankungen. Die Räume,
die das Klinikum zur Verfügung stellt, umfassen mehrere Sprechzimmer, EKG, Sonografie und einen
Operationsraum für die kleine Chirurgie. Im Bedarfsfall können die Praxisärzte auf alle Spezialuntersuchungen
und Notfalleinrichtungen der Uniklinik zurückgreifen.
Der Rückgang der Patientenzahl in der chirurgischen und internistischen Notaufnahme des Klinikums betrug in
den Öffnungszeiten der Praxis bis zu 50 Prozent. Die Zahl der stationären Aufnahmen und die Arbeitsunfälle,
die nicht in der Praxis versorgt werden können, sind konstant geblieben.
Die Analyse der Patientenströme ergab, daß der hohe Rückgang der Patientenzahl in den Polikliniken fast
ausschließlich auf Patienten mit allgemeinmedizinischen Erkrankungen zurückzuführen ist. Die
Bereitschaftspraxis hat offenbar keine zusätzliche Nachfrage ausgelöst, da der Rückgang der Patientenzahl in
den Polikliniken etwa der Zahl der in der Bereitschaftspraxis behandelten Patienten entspricht.
Die Auswertung von 300 Fragebogen ergab, daß die Hausärzte nur Patienten versorgt haben, die ohnehin in das
Klinikum gekommen wären. 70 Prozent der Patienten hätten sich in jedem Fall an die Polikliniken gewendet,
wenn es die Bereitschaftspraxis nicht gegeben hätte. 20 Prozent hätten einen niedergelassenen Arzt oder den
Hausarzt aufgesucht, wenn sie ihn erreicht hätten. Mehr als zwei Drittel gaben an, die Praxis zuvor nicht gekannt
zu haben.
Mehr als 90 Prozent der Patienten, die selbst entscheiden, ob sie in eine Notfallambulanz der Klinik oder in die
Praxis gehen möchten, beurteilten die Bereitschaftspraxis als sehr gut. Sie loben die Freundlichkeit und die
fachliche Kompetenz der Allgemeinärzte, schätzen die geringen Wartezeiten und die patientenorientierte
Gesprächsführung.
Die Kooperation der Praxis- und Klinikärzte wurde nicht evaluiert, sie hat sich jedoch spürbar verbessert. Dies
drückt sich bereits in gemeinsamen Diskussionsrunden über klinische Themen aus, die Relevanz für den
Praxisalltag haben.
Seit dem Wintersemester 1998/99 wird die Bereitschaftspraxis auch in die Ausbildung der Medizinstudenten
einbezogen. 85 Prozent der Studenten des allgemeinmedizinischen Kurses haben im Wintersemester das
Angebot einer freiwilligen halb- oder ganztägigen Hospitation wahrgenommen.
Ökonomisch kann das Modell noch nicht abschließend bewertet werden. Aus Sicht der Klinik wirken sich
kurzfristig der Rückgang der Sachleistungen und die Überweisungen aus der Praxis positiv aus. Mittelfristig
wird es möglich sein, Personal aus den Polikliniken in andere Bereiche, zum Beispiel in die klinische Forschung,
umzusetzen. Dadurch werden die Ambulanzen finanziell entlastet. Es wird erwartet, daß die Einnahmeausfälle,
die mit dem Rückgang der Patientenzahl verbunden sind, mehr als kompensiert werden.
Für die Praxisärzte dürften sich ihre Investitionen und ihr Einsatz für die Bereitschaftspraxis rechnen.
Berufspolitisch positiv zu beurteilen ist, daß die ambulanten Gelder der Notfallversorgung nun aus dem
Krankenhaus in den vertragsärztlichen Sektor überführt werden.
Dr. med. Martin Siess
Dr. med. Lothar Schmittdiel
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