MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Patientensicherheit: Stationäre Mortalität und Personalschlüssel korrelieren

Dtsch Arztebl 2014; 111(26): A-1211 / B-1046 / C-988

Gerste, Ronald D.

Wegen des ökonomischen Drucks in den Gesundheitsversorgungssystemen Europas gibt es den Trend, mit möglichst reduziertem Bettenkontingent möglichst kurz stationär zu behandeln. Bei Einsparungen liegt der Pflegebereich im Fadenkreuz der Ressourcenverteiler, während die Wirtschaftlichkeit einer besonders kompetenten Pflege kaum zu evaluieren ist. Eine internationale Studiengruppe unter Federführung des Center for Health Outcomes and Policy Research der University of Pennsylvania hat die Auswirkungen der Arbeitsbelastung und der Ausbildung im Pflegebereich auf das Wohl von Krankenhauspatienten und vor allem ihre Mortalität untersucht. Analysiert wurden die Daten von mehr als 420 000 Patienten eines Alters von mindestens 50 Jahren, die sich in circa 300 Krankenhäusern in 9 europäischen Ländern chirurgischen Eingriffen (in rund 50 % am Bewegungsapparat) unterzogen hatten. Die Arbeitsbelastung der Schwestern wurde in der Patient/nurse-Ratio ausgedrückt; der Ausbildungsstand im Prozentsatz derer, die einen Bachelor-Abschluss hatten. Gemäß dieser, als Parameter für pflegerische Kompetenz nicht unstrittigen Definition müssten Spanien und Norwegen mit 100 % Bachelor-Krankenschwestern das meiste gut ausgebildete Pflegepersonal haben, England und die Schweiz das wenigste (28 und 10 %).

Resultat der Studie: Mit der Arbeitslast der Pfleger und Pflegerinnen steigt die Mortalität der Patienten: mit jedem zusätzlichen Patienten, den eine Schwester versorgen muss, nimmt die Wahrscheinlichkeit, dass ein chirurgischer Patient binnen 30 Tagen nach der Aufnahme stirbt, um 7 % zu. Um ebenfalls 7 % nimmt hingegen die Sterblichkeit mit jeder 10%igen Zunahme des Anteils der mit einem Bachelor-Abschluss ausgestatteten Patienten ab (p ≤ für beides 0,002). In Kliniken, in denen 60 % der Krankenschwestern einen Bachelor haben und sich im Durchschnitt um 6 Patienten kümmern, liegt die Sterblichkeit um 30 % unter jener von Kliniken, in denen die Schwestern nur in 30 % einen Bachelor-Abschluss vorweisen können und im Durchschnitt eine jede von ihnen 8 Patienten versorgt.

Fazit: Arbeitsbelastung und Qualifikation sind wichtige Determinanten der Behandlungsqualität im Krankenhaus. Das belegt nach Einschätzung von Prof. Dr. med. Daniel Grandt, Universitätsklinikum Saarbrücken, auch diese große Studie. Das Ergebnis sei naheliegend und gelte nicht nur für Pflegekräfte, sondern auch für Ärzte und Apotheker: „In Deutschland gibt es im Unterschied zu den untersuchten Ländern bisher keine Akademisierung der praktisch Pflegenden, so dass die Ergebnisse nicht direkt übertragbar sind. Übertragbar und zwingend anzuwenden aber ist die Erkenntnis, dass der Zusammenhang zwischen Personalschlüssel und Behandlungsqualität/Patientensicherheit so deutlich ist, dass Diskussionen über die Personalausstattung von Krankenhäusern nicht mehr entkoppelt davon erfolgen dürfen.“

Dr. med. Ronald D. Gerste

Aiken LH, et al.: Nurse staffing and education and hospital mortality in nine European Countries: a retrospective observational study. Lancet 2014, 383: 1824–30. MEDLINE

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