SEITE EINS

Gutachten des Sachverständigenrats: „Abwarten ist keine Option“

Dtsch Arztebl 2014; 111(26): A-1179 / B-1019 / C-963

Rieser, Sabine

DÄ plus
das Gutachten des Sachverständigenrats

Sabine Rieser, Leiterin der Berliner Redaktion

Gutachten zur Reform des Gesundheitswesens sind in Berlin nichts Besonderes – mit Ausnahmen. Zu denen gehören die Expertisen des Sachverständigenrats (SVR) zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Sie enthalten durchweg weitreichende, detaillierte Reformvorschläge, die meist lange diskutiert werden.

Der jüngste, mehr als 600 Seiten starke Band befasst sich mit bedarfsgerechter Versorgung. Er enthält Reformideen für die Bereiche Arzneimittel, Medizinprodukte und Rehabilitationsleistungen. Doch am neugierigsten waren viele auf die Vorschläge der sieben Ratsmitglieder zu den Perspektiven für ländliche Regionen.

Anzeige

„Unsere Analysen zeigen, dass die bisherigen Maßnahmen bei weitem nicht ausreichend sind, um einer sich abzeichnenden Unterversorgung in strukturschwachen, ländlichen Regionen entgegenzuwirken“, betonte der SVR-Vorsitzende Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach bei der Vorstellung des Gutachtens. Deshalb empfiehlt der Rat, möglichst bald „deutlich stärkere Anreize für eine Tätigkeit in ländlichen Regionen zu setzen und entschlossene Maßnahmen zum Abbau von Überversorgung in Ballungsgebieten zu ergreifen.“ Abwarten sei keine Option, sagte Gerlach.

Zu den Vorschlägen, die ohne Zweifel Kontroversen auslösen werden, zählt der Landarztzuschlag: Ärztinnen und Ärzte, die in einem Planungsbereich mit einem Versorgungsgrad von unter 90 Prozent (Hausärzte) beziehungsweise von unter 75 Prozent (grundversorgende Fachärzte) praktizieren, sollen einen Zuschlag von 50 Prozent auf die Regelversorgung bekommen. Finanzieren sollen ihn alle Ärzte, die in gut versorgten Gebieten tätig sind.

Im Gegenzug wird empfohlen, für alle Planungsbereiche mit einem Versorgungsgrad von mehr als 200 Prozent den Aufkauf frei werdender Arztsitze durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) gesetzlich vorzuschreiben. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat das umgehend kritisiert. „Dies wird der Versorgungsrealität nicht gerecht“, sagte KBV-Vorstand Regina Feldmann. „Neben dem Versorgungsgrad muss die lokale Versorgungssituation berücksichtigt werden.“ Häufig würden KVen und Krankenkassen einen Sonderbedarf feststellen. „Das heißt: Die zusätzlichen Arztstellen werden auch gebraucht.“

Der SVR hat zur Begründung seiner Vorschläge für Perspektiven im ländlichen Raum darauf verwiesen, dass alle bisherigen Maßnahmen der Selbstverwaltung die „zunehmende Fehlverteilung der Kapazitäten“ zwischen Stadt und Land nicht hätten aufhalten können. Und: „90 Prozent aller Facharztabschlüsse erfolgen aktuell im spezialisierten Bereich, nur noch knapp zehn Prozent im Bereich Innere und Allgemeinmedizin.“ Um dieses Ungleichgewicht zu verringern, wollen die Gesundheitsweisen eine Stärkung der Allgemeinmedizin an den Universitäten forcieren und beispielsweise medizinische Fakultäten, die das Fach Allgemeinmedizin nachhaltig fördern, im Rahmen der Hochschulfinanzierung belohnen.

Für die Sommerfeste in Berlin hat der Rat Gesprächsstoff geliefert. KBV und KVen werden noch weitere Vorschläge entdecken, die sie für falsch und nicht zielführend halten. Gleichwohl erstreckt sich der Dank im Vorwort des Gutachtens ausdrücklich auch auf manchen Experten aus KVen und KBV. Das klingt zumindest konstruktiver als zu Zeiten des viel zitierten Gutachtens zu Über-, Unter- und Fehlversorgung vom Dezember 2000.

Sabine Rieser
Leiterin der Berliner Redaktion

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige