POLITIK

Behandlungsfehler: Bemühungen um Transparenz

Dtsch Arztebl 2014; 111(26): A-1192 / B-1031 / C-974

Gerst, Thomas; Richter-Kuhlmann, Eva A.

Ein offener Umgang mit Komplikationen und Fehlern ist unabdingbar. Dieser Forderung sehen sich auch die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern verpflichtet. Die Auswertung ihrer Daten für das Jahr 2013 zeigt nur wenige Veränderungen gegenüber dem Vorjahr.

Foto: mauritius images

Über die Gesamtzahl der Behandlungsfehler in Deutschland gibt es keine exakten Daten, was darauf zurückzuführen ist, dass unterschiedliche Register nebeneinander geführt werden und das Ausmaß der nicht bemerkten oder nicht gemeldeten Behandlungsfehler nicht bekannt ist. Bei der Vorstellung der Daten der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern für das Jahr 2013 kritisierte Dr. med. Andreas Crusius, Präsident der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, das Verhalten der Krankenkassen, die gleichwohl auf völlig unzureichender Datengrundlage Aussagen zur Behandlungsfehlerhäufigkeit in Deutschland machten und die Patienten mit solchen politisch motivierten Kampagnen verunsichern würden.

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Crusius, der Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen ist, verwies bei der Pressekonferenz der Bundesärztekammer „Fehlerhäufigkeiten und Fehlerursachen in der Medizin“ am 23. Juni in Berlin auf den „bemerkenswerten Sachverhalt, dass, trotz des Anstiegs der Behandlungsfälle insgesamt, die Zahl der festgestellten Fehler in den vergangenen Jahren konstant geblieben ist“. Von 2012 nach 2013 sei die Zahl der Anträge bei den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen sogar leicht gesunken, ergänzte Rechtsanwalt Johann Neu, Geschäftsführer der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern. „Die Patienten fühlen sich offenbar gut behandelt; sie sind zufrieden“, folgerte er.

Bedingt durch die demografische Entwicklung sei die Zahl der ambulanten Behandlungsfälle in Deutschland zwischen 2004 und 2012 um 136 Millionen auf fast 700 Millionen jährlich angestiegen. Die Zahl der stationären Fälle habe sich um 1,8 Millionen auf 18,6 Millionen erhöht. Zudem habe, führte Crusius aus, die Arbeitsintensität bei weniger zur Verfügung stehenden Arztstunden in den vergangenen Jahren enorm zugenommen. Überlange Arbeitszeiten und ständiger Leistungsdruck erhöhten die Fehlerwahrscheinlichkeit. Crusius: „Ich will nichts relativieren. Jeder Behandlungsfehler ist einer zu viel, aber ich möchte die Dinge einordnen. Wir kehren nichts unter den Tisch. Wir machen unsere Fehler seit Jahren öffentlich.“ So würden beispielsweise die Ärztekammern mit den Daten der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bereits zum achten Mal vor die Presse treten.

Besonders wehrte sich Crusius dagegen, dass Fehler von Ärzten von einigen Medien häufig mit dem Schlagwort „Ärztepfusch“ gleichgesetzt werden. „Zu Pfusch gehört auch immer eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Auswirkungen des eigenen Handelns. Es wäre falsch und unredlich, Ärzten eine solche Haltung zu unterstellen“, betonte der Kammerpräsident. Die gelegentlich in den Medien herausgestellten Fälle, bei denen etwa bei einer Amputation das Bein verwechselt oder am Krankenbett das Medikament verwechselt wurde, seien bedauerliche Einzelfälle, stünden aber nicht beispielhaft für die Fälle, die von den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bearbeitet würden. Dort werde es aufgrund komplexerer Behandlungsabläufe immer anspruchsvoller, „die Ursachen von Komplikationen zweifelsfrei festzustellen“.

So zeigten die bearbeiteten Fälle, dass Komplikationen oder unerwünschte Behandlungsergebnisse eine Fülle von Ursachen in Wechselwirkungen haben können. „Nicht jeder therapeutische Misserfolg ist ein Behandlungsfehler“, stellte Crusius klar. Häufig führten die Begleiterscheinungen der Krankheit an sich zu Problemen, die nicht zu vermeiden wären.

Grafik 1
Die am häufigsten beteiligten Fachgebiete im Krankenhausbereich 2013

Gegenüber dem Jahr 2012 ist die Zahl der Anträge bei den Gutachter- kommissionen und Schlichtungsstellen 2013 nahezu konstant geblieben (12 232/12 173). Diese trafen 2013 insgesamt 7 922 Entscheidungen, wobei das Schwergewicht im Krankenhausbereich lag. Auf den niedergelassenen Bereich entfielen 2 385 Entscheidungen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen. Zum Vergleich: 672 Millionen Behandlungskontakte gab es dort im Jahr 2012.

„Nur in 1 864 Fällen (23,5 Prozent) wurde ein Behandlungsfehler und ein daraus resultierender Gesundheitsschaden festgestellt, der einen Anspruch des Patienten auf Entschädigung begründet“, erklärte Neu. In 379 Fällen gab es zwar laut Feststellung der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen einen Behandlungsfehler, es konnte jedoch keine Kausalität zu dem geltend gemachten Schaden erkannt werden. In 5 679 Fällen (71,7 Prozent) konnte kein Behandlungsfehler festgestellt werden. Die häufigsten Diagnosen, die zu Behandlungsfehlervorwürfen führten, waren wie in den Vorjahren Knie- und Hüftgelenkarthrosen sowie Unterschenkel- und Sprunggelenkfrakturen. Im niedergelassenen Bereich lagen die Fehlerschwerpunkte insbesondere in der Diagnostik, vor allem bei den bildgebenden Verfahren. Im Krankenhaus kommt es bei den Operationen am häufigsten zu Fehlern.

Grafik 2
Die Krankheiten, die in den 7 922 Sachentscheidungen im Jahr 2013 im Krankenhausbereich am häufigsten fehlbehandelt wurden

Die seit 1975 bei den Ärztekammern eingerichteten Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bieten in einem gebührenfreien Verfahren eine Begutachtung durch unabhängige Experten und außergerichtliche Streitschlichtung bei Behandlungsfehlervorwürfen an. „Das medizinische Gutachten ist das Kernstück des Arzthaftungsverfahrens“, erläuterte Prof. Dr. med. Walter Schaffartzik, Vorsitzender der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern. Es setze medizinische Fachkompetenz und die Kenntnis der Rechtsgebiete voraus. In rund 90 Prozent der Fälle würden die Entscheidungen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen von beiden Parteien akzeptiert und die Streitigkeiten beigelegt. Werde doch noch der Rechtsweg beschritten, würden die Entscheidungen der Schlichtungsstellen und Kommissionen überwiegend bestätigt, erklärte er.

Zufrieden mit den medizinischen Gutachten der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen zeigte sich auch der Berliner Patientenanwalt Frank Teipel: „Die Schlichtungsstelle ist häufig der schnellste Weg zu einem guten und qualitativ hochwertigen Gutachten“, sagte er. „Ich empfehle ihn oft meinen Mandanten.“ „Aus den Ergebnissen der Schlichtungsstellen können wir zudem Schwerpunkte für Fehler erkennen“, betonte zudem Neu. Diese würden für Fortbildungs- und Qualitätssicherungsveranstaltungen aufbereitet, um Strategien zur Fehlervermeidung zu entwickeln.

Thomas Gerst
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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