POLITIK

Pflegende Angehörige: Den Fokus verschieben

Dtsch Arztebl 2014; 111(31-32): A-1352 / B-1166 / C-1110

Richter-Kuhlmann, Eva

Während in der Pflegediskussion die Bedürfnisse von Pflegebedürftigen im Mittelpunkt stehen, bleiben die psychischen und physischen Belastungen von pflegenden Angehörigen oft unbeachtet. Die KBV möchte das ändern.

Foto: Photothek

Nach ihnen selbst wird selten gefragt: „Wie geht es ihr/ihm?“ Diese Frage hören pflegende Angehörige stattdessen meist von Ärzten und medizinischen Betreuern. Quasi automatisch steht in unserer Gesellschaft das Wohlergehen des Pflegebedürftigen im Mittelpunkt – und das oftmals jahrelang und meist auch, ohne dass Pflegende sich beklagen oder eigene Bedürfnisse äußern. Doch die psychische und auch physische Belastung hinterlässt bei ihnen Spuren, denen ernsthafte Erkrankungen folgen können.

Anzeige

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) möchte künftig pflegende Angehörige stärker in den Fokus zu rücken, auch von den betreuenden Ärztinnen und Ärzten. Sie sollen in die Lage versetzt werden, erste Anzeichen der Überlastung bei pflegenden Angehörigen besser zu erkennen und ihnen dann gezielt Unterstützung anzubieten.

Helfen soll dabei ein neues Versorgungskonzept für pflegende Angehörige, das die KBV im Rahmen ihrer Vertragswerkstatt auf Grundlage des § 73c SGB V entwickelt hat. Bei der Erstellung unterstützt wurde sie von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) und dem Angehörigenverband „wir pflegen e.V.“. Ärzte, die daran teilnehmen möchten, benötigen die Zusatzqualifikation „psychosomatischen Grundversorgung“; die Leistungen sollen mit 85 Euro im Jahr extrabudgetär vergütet werden.

Der Hausarzt ist oft der erste Ansprechpartner

„Wir müssen auch auf die Menschen achtgeben, die ihr eigenes Wohl hinter das einer ihnen nahestehenden Person stellen“, betonte Regina Feldmann, Vorstand der KBV, bei der Vorstellung des Versorgungsvertrags Anfang Juli in Berlin. „Jetzt liegt es an den Krankenkassen, diesen Faden aufzunehmen und das Angebot ihren Versicherten anzubieten.“

Der Bedarf ist groß: Die Gesellschaft für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geht davon aus, dass mehr als 4,7 Millionen Deutsche von ihren Angehörigen betreut werden. „Die Zahl der pflegenden Angehörigen ist nicht bekannt“, sagte Dr. phil. Hanneli Döhner vom Angehörigenverband „wir pflegen“. „Die ganze Gesellschaft kann betroffen sein: Partner im höheren Lebensalter, aber auch Kinder und Jugendliche.“ Hauptsächlich seien es Frauen, die pflegen. 86 Prozent der Hauptpflegepersonen seien älter als 40 Jahre, erläuterte Prof. Dr. med. Adelheid Kuhlmey, Wissenschaftliche Direktorin des Zentrums für Human- und Gesundheitswissenschaften der Charité Berlin.

Auch der Sachverständigenrat stellte in seinem jüngsten Gutachten fest, dass künftig pflegende Angehörige vermehrt in einem hohen Lebensalter sein werden. „Dazu braucht es Konzepte“, sagte Feldmann und verwies auf eine Versichertenbefragung der KBV vom Mai diesen Jahres, deren Ergebnisse Ende Juli vorgestellt werden sollen. Eine Erkenntnis nannte sie vorab: „70 Prozent derer, die selbst pflegen, geben an, sich emotional stark belastet zu fühlen. Nur 50 Prozent haben darüber einmal mit ihrem Hausarzt gesprochen.“ Dies zeige, dass pflegende Angehörige eine schwer erreichbare Zielgruppe seien, konstatierte Feldmann. „Diese Menschen neigen oft dazu, das eigene Wohl unterzuordnen.“

„Um ein Gesundheitsrisiko, das durch die Pflege eines Angehörigen ausgeht, zu erkennen, bedarf es der Kenntnis der häuslichen Situation und des Umfelds“, bestätigte Prof. Dr. med. Thomas Lichte, Mitglied des DEGAM-Vorstands und Hausarzt in der Lüneburger Heide. Ferner sollten auch Medizinische Fachangestellte in der Praxis einbezogen werden, die mit der persönlichen Situation der Betroffenen oftmals noch besser vertraut sind.

Unterstützung erhielt das Angebot bereits vom Patientenbeauftragen der Bundesregierung sowie Bevollmächtigten für Pflege, Staatssekretär Karl-Josef Laumann (CDU). Das Augenmerk nicht nur auf die Pflegebedürftigen, sondern auch auf die pflegenden Angehörigen zu richten, sei angesichts des großen Bedarfs an häuslicher Pflege unerlässlich, bestätigte er bei der Vorstellung des Vertrags. Das KBV-Konzept könne da einen wichtigen Beitrag leisten.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige