MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Alzheimersche Krankheit: Kommen therapeutische Amyloid-Antikörper zu spät?

Dtsch Arztebl 2014; 111(35-36): A-1472 / B-1268 / C-1207

Gulden, Josef

Die Alzheimer-Krankheit ist neuropathologisch durch die Ablagerung von Amyloid-Plaques und Neurofibrillen definiert. Eine seit langem verfolgte therapeutische Strategie versucht, das lösliche ß-Amyloid zu neutralisieren. Da aktive Immunisierungen schwere Nebenwirkungen hatten, wird eine Art „passive Immunisierung“ mit monoklonalen Antikörpern erprobt. Nun liegen die Daten aus großen Phase-III-Studien mit den Amyloid-Antikörpern Solanezumab und Bapineuzumab vor.

In den Studien EXPEDITION 1 und 2 erhielten jeweils circa 1 000 Patienten mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz (AD) 18 Monate lang alle vier Wochen 400 mg Solanezumab oder Placebo i.v. Beim primären Endpunkt, den Änderungen in den kognitiven Skalen ADAS-cog und ADCS-ADL nach 80 Wochen, waren die Differenzen zwischen den Armen minimal und nicht signifikant. In der Subgruppe mit leichter Demenz gab es leichte Verbesserungen in kognitiven und funktionellen Parametern.

In zwei Studien mit Bapineuzumab wurden ebenfalls Patienten mit leichter bis mittelschwerer AD eingeschlossen: 1 121 Träger des Apolipoprotein-E-Gens (ɛ4-Allel) und 1 331 Patienten ohne ɛ4-Allel. Bapineuzumab oder Placebo wurde alle 13 Wochen infundiert, insgesamt über 78 Wochen. Auch hier gab es keine nennenswerten Unterschiede zwischen den Gruppen bei ADAS-cog- und der Disability Assessment for Dementia (DAD)-Skala.

ADAS-cog (Alzheimer’s Disease Assessment Scale*) bei Patienten mit Apolipoprotein-E-Gen (ε4-Allel) unter Behandlung mit Bapineuzumab und Placebo
Grafik
ADAS-cog (Alzheimer’s Disease Assessment Scale*) bei Patienten mit Apolipoprotein-E-Gen (ε4-Allel) unter Behandlung mit Bapineuzumab und Placebo

Fazit: Das Konzept, das ß-Amyloid bei Alzheimerpatienten durch Antikörper unschädlich zu machen und damit den Krankheitsverlauf zu verbessern, hat sich bislang nicht bewährt. Mögliche Gründe: Die Erkrankung war bei den Studienteilnehmern zu weit fortgeschritten, um mit dieser Strategie klinische Effekte zu erzielen. Derzeit laufen Antikörper-Studien bei Patienten mit präklinischer Erkrankung. Außerdem, so Prof. Dr. med. Hans Förstl, München, „sind alte demente Patienten keine Alzheimer-Amyloid-Mäuse. Sie leiden neben einer Anreicherung von Amyloid- und Tau-Proteinen unter weiteren neurodegenerativen, vaskulären und entzündlichen Erkrankungen.“ Daher sei auch bei einer klaren Diagnose „Demenz vom Alzheimertyp“ ein Amyloid-Ansatz allein nicht sehr erfolgversprechend, das heißt „bescheidenere Erwartungen sind angebracht“, so Förstl. Möglicherweise müsse man mehrere Strategien kombinieren, um verschiedene Facetten der zugrunde liegenden Neuropathologie effektiv zu behandeln. Josef Gulden

  1. Doody RS, et al.: Phase 3 trials of solanezumab for mild-to-moderate Alzheimer´s disease. NEJM 2014; 370: 311–21. MEDLINE
  2. Salloway S, et al.: Two phase 3 trials of bapineuzumab in mild-to-moderate Alzheimer´s disease. NEJM 2014; 370: 322–33. MEDLINE
ADAS-cog (Alzheimer’s Disease Assessment Scale*) bei Patienten mit Apolipoprotein-E-Gen (ε4-Allel) unter Behandlung mit Bapineuzumab und Placebo
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ADAS-cog (Alzheimer’s Disease Assessment Scale*) bei Patienten mit Apolipoprotein-E-Gen (ε4-Allel) unter Behandlung mit Bapineuzumab und Placebo

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