POLITIK

Sterbehilfe: „Schmerzfreiheit ist immer möglich“

Dtsch Arztebl 2014; 111(35-36): A-1446 / B-1250 / C-1190

Klinkhammer, Gisela

Von den vielen Möglichkeiten, die die Medizin zur Begleitung Sterbender hat, wissen die meisten Menschen zu wenig. Foto: Laurent Villeret Picturetank/Agentur Focus

Äußerungen des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider haben die Debatte über organisierte Sterbehilfe neu entfacht. Politiker und Ärzte beziehen Stellung.

Anne Schneider und ihr Mann Nikolaus sind sich alles andere als einig. „Ich hoffe, wenn ich selbst an den Punkt kommen sollte, sterben zu wollen, dass mein Mann mich dann in die Schweiz begleitet. Dass er neben mir sitzen und meine Hand halten würde, wenn ich das Gift trinke“, sagte Anne Schneider, die vor kurzem an Brustkrebs erkrankte Frau des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“.

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Nikolaus Schneider vertritt dagegen die Position: „Begleitung bei weitgehender Schmerzfreiheit – die muss gesichert sein. Aber ein Giftcocktail ist ausgeschlossen.“ Er hat sich damit von der offiziellen Haltung seiner Kirche nicht entfernt. In der zweiten Auflage der gemeinsam von der EKD und der katholischen Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichten Stellungnahme „Sterbebegleitung statt aktiver Sterbehilfe“ aus dem Jahr 2011 heißt es: „Es gibt einen entscheidenden ethischen Unterschied zwischen Töten und Sterbenlassen, der nicht eingeebnet werden darf. Jede vorzeitige, direkte und gewollte Beendigung des Lebens bedeutet, das unantastbare Recht des Menschen auf sein Dasein zu verletzen, und stellt damit einen Verstoß gegen die Menschenwürde dar.“

Dennoch will Schneider dem Wunsch seiner Frau entsprechen. Die Liebe sei für ihn entscheidend: „Am Ende würde ich sie wohl gegen meine Überzeugung begleiten.“ Für diese Aussage erhielt der EKD-Vorsitzende, der wegen der Erkrankung seiner Frau im November sein Amt aufgeben wird, viel Verständnis. So fragte der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, ob es nicht ein „großer Unterschied ist, ob jemand aus Mitgefühl und lebenslanger Verbundenheit mit einem Schwerstkranken dessen letzten Wunsch erfüllt oder ob man aus dem Wunsch vieler Menschen, aus Angst vor unerträglichen Schmerzen oder langem Siechtum ein Geschäftsmodell macht und hierfür auch noch öffentlich wirbt?“. Die meisten Menschen wüssten allerdings zu wenig von den vielen Möglichkeiten, welche die Medizin zur Begleitung Sterbender hat, gibt Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery zu bedenken. Der Präsident der Bundesärztekammer: „Da müssen wir ansetzen und Hilfe zum Leben geben, nicht Hilfe zum Sterben.“

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) maßt sich kein Urteil an über Menschen, die in schwerster Not eine solche Entscheidung treffen. Er warnte im „Tagesspiegel“ aber auch davor, die „Selbsttötung zu einem Akt wahrer Freiheit“ zu verklären. Der Palliativmediziner und Vorsitzende der Deutschen Palliativstiftung, Thomas Sitte, erklärte, dass er seine Frau ebenfalls in die Schweiz begleiten würde. „Und ich würde sie bis zum Schluss bitten: Tu es nicht.“ Sitte fragt sich allerdings, warum Schneider und seine Frau ihre Überzeugung in zwei großen Interviews mitgeteilt hätten. „Es könnte Unsicherheit sein, es könnte aber auch die übergroße Betroffenheit sein.“

Zum Sterben in die Schweiz

Die Äußerungen des EKD-Vorsitzenden und eine jetzt veröffentlichte Studie haben die Debatte über eine gesetzliche Regelung der Sterbehilfe neu beflügelt. Die Zahl der Menschen, die in die Schweiz reisen, um dort einen assistierten Suizid in Anspruch zu nehmen, hat sich nämlich innerhalb von drei Jahren verdoppelt. Das berichten Autoren um Dr. Saskia Gauthier vom Institut für Rechtsmedizin in Zürich. Ihre Untersuchung ist im „Journal of Medical Ethics“ erschienen. Deutsche und Engländer sind laut der Erhebung die beiden größten Gruppen unter den ausländischen „Selbstmordtouristen“. Die Forscher diskutieren, ob das Phänomen des „Selbstmord-Tourismus“ in Deutschland, Großbritannien und anderen Ländern eine Diskussion über Sterbehilfe angeregt hat. Zahlreiche Politiker hierzulande haben jedenfalls im Vorfeld einer gesetzlichen Regelung zum assistierten Suizid zu dieser Thematik Stellung bezogen. So betonte Gröhe, dass er Angebote einer kommerziellen Sterbehilfe als „Geschäftemachen mit dem Tod“ ablehnt.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Brand, der für die Union die fraktionsübergreifenden Gruppenanträge koordiniert, machte in einem Interview mit dem Deutschlandradio darauf aufmerksam, dass Menschen, die sich schwach und alt fühlen, Sorge haben könnten, dass auf sie Druck ausgeübt würde. „Die Entwicklung in anderen europäischen Ländern zeigt das ja. Sie haben in den Niederlanden ein Recht auf Töten auf Verlangen. Sie haben in Belgien in den letzten Monaten erlebt, dass es einen weltweiten Tabubruch gegeben hat, dass mittlerweile Kinder unter die Sterbehilfe fallen, dass man dort die Initiative ergriffen hat, auch die Demenzkranken unter die Sterbehilfe fallen zu lassen. Ich behaupte, dass aus Deutschland niemand in die Schweiz fahren muss, um die Schmerzen lindern zu müssen.“

Diese Meinung teilt Palliativmediziner Sitte: „Das oft herbeizitierte Leiden wegen der Unwirksamkeit der stärksten Schmerzmittel gibt es jedenfalls nicht. Man kann jedem Menschen seine Schmerzen hundertprozentig nehmen mit dem Risiko, dass er dann vielleicht immer müder wird und letztendlich vielleicht sanft in den Tod hineinschläft. Ein Versterben als unerwünschte Wirkung ist nichts anderes als das Versterben eines Patienten am Lebensende mit Darmverschluss auf dem OP-Tisch oder kurz nach der Operation. Man will therapieren, es gibt aber Komplikationen, die man nicht beherrschen kann.“ Den meisten Menschen, die sich für Sterbehilfe aussprächen, geht es nach Auffassung von Sitte vorrangig um ein Recht auf das Festlegen des Todeszeitpunkts.

Möglicherweise ist das auch beim CDU-Abgeordneten und Bundestagsvizepräsidenten Peter Hintze der Fall. Weil er „stets für die Selbstbestimmung“ eintrete, hält er es für geboten, Menschen selbst entscheiden zu lassen. Hintze kann es sich nach eigener Aussage gut vorstellen, mit der SPD-Politikerin Carola Reimann einen gemeinsamen Gruppenantrag ins Parlament einzubringen. Reimann hält ein Verbot der organisierten Suizidbeihilfe für ein „verheerendes Signal des Gesetzgebers an die Bürger“. Häufig falle es dann noch schwerer als bisher, Wünsche nach Leidensverkürzung vorzubringen. „Schon heute wagen es viele schwerkranke Menschen nicht, mit ihrem Arzt vertrauensvoll über eine Beendigung ihrer Leiden zu sprechen, während umgekehrt Ärzte fürchten, sie würden sich strafbar machen.“ Solche Ängste der Bürger vor Gesprächen über Sterbewünsche und eine solche Verunsicherung der Ärzte würden dramatisch verstärkt, wenn der Bundestag ein strafrechtliches Verbot beschlösse. Brand vertritt dagegen die Auffassung, dass „wir mit unserem Vorstoß, die organisierte Sterbehilfe zu verbieten, offene Türen bei der Ärzteschaft einrennen“. Bundesärztekammer und auch Landesärztekammern wollten schließlich nicht in den Ruf kommen, dass Ärzte „nicht hin zum Leben arbeiten würden“.

Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin unterstützt das in der (Muster-)Berufsordnung der Bundesärztekammer zum Ausdruck gebrachte Verbot einer ärztlichen Mitwirkung am Suizid. „In den ganz seltenen Fällen, in denen man sich als Arzt dazu verpflichtet fühlt, dennoch beim Suizid eines Patienten Hilfestellung zu leisten, muss ich mich dann berufsrechtlich dafür auch verantworten. Und das müsste dann auch geahndet werden“, ergänzt Sitte gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Ärzte als Profis für das Leben

„Wir möchten nicht die Profis für den Tod sein. Wir sind die Profis für das Leben“, sagt Montgomery. Statt den klinisch sauberen, qualitätsgesicherten Tod zu vermitteln, sollten Ärztinnen und Ärzte aufklären und ein würdevolles Sterben in Kliniken und Hospizen ermöglichen. Aus diesem Grund habe auch der Deutsche Ärztetag in Düsseldorf die Bereitstellung der notwendigen finanziellen Mittel für eine bessere Betreuung von schwerstkranken und sterbenden Menschen, den flächendeckenden Ausbau der Palliativversorgung sowie eine Stärkung der Suizidprävention gefordert.

Gisela Klinkhammer

Kommentar

Gisela Klinkhammer, DÄ-Redakteurin

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, hat vor wenigen Jahren seine Tochter an Leukämie verloren. Jetzt ist seine Frau an Brustkrebs erkrankt, und er hat sich in zwei Interviews bereiterklärt, sie in die Schweiz zu begleiten, wenn sie sich dort mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation das Leben nehmen wolle. Und das, obwohl er – ganz im Sinne der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland – organisierte Sterbehilfe ablehnt.

Diese Haltung ist über jede Kritik erhaben. Dennoch darf sie nicht dazu führen, organisierte oder gewerbsmäßige Sterbehilfe in einem falschen Licht zu sehen. Gerade die Palliativmediziner werden nicht müde zu betonen, dass sie den Menschen ihre Schmerzen nehmen und die Leiden lindern können. Nur eine hervorragende Palliativmedizin kann davor bewahren, nicht aus unnötiger Verzweiflung heraus die falschen Entscheidungen zu treffen. Aufgabe der Politik wäre es deshalb, eine flächendeckende palliativmedizinische Versorgung sicherzustellen und nicht, die organisierte Sterbehilfe zu legalisieren und damit letztlich aufzuwerten.

Leserkommentare

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enterich
am Montag, 8. September 2014, 15:54

Schmerzfreiheit nicht immer möglich, andere Erfahrungen.

Anspruch und Wirklichkeit liegen leider weit auseinader, wie ich beim Tod meines Schwiegervaters erleben mußte.:
Er war selber Arzt und litt mit 91 J. an einer AVK der Beine, die ihm zunehmende Schmerzen verursachte, welche am Wochenende vor seinem Tod unerträglich wurden. Der Wochenend- Notdienst wurde von einem Assistenzarzt des hiesigen Krankenhauses versehen. Der Kollege sagte zu meiner Besuchsanforderung, dass er zuerst die Notfallsprechstunde beenden müsse, bevor er kommen könne. Nach 2 Stunden kam er endlich, hatte aber weder ein geeignetes Analgeticum in seiner Tasche noch ein BTM- Rezept. Ich mußte das Tramadol erst aus der diensthabenden Apotheke besorgen und dann dem schwer Leidenden verabreichen.
Der Wirkung folgte am nächsten Tag die Nebenwirkung in Form einer noch schmerzhafteren Harnverhaltung womit der Kollege bei einem so alten männlichen Patienten hätte rechnen müssen. Der jetzt angefragte Hausarzt erklärte sich ausser Stande einen Katheter zu schieben und verwies uns an die Notaufnahme des Krankenhauses. Dort wurde meinem Schwiegervater nach Krankenwagentransport und Erledigung der Aufnahmeformalitäten durch einen Pfleger endlich der Blasenkatheter gelegt.
Am folgenden Tag verstarb mein Schwiegervater, geschwächt durch die Strapazen der letzten Tage.
Herr Professor Montgomery fordert Hilfe zum Leben und nicht zum Sterben zu geben. Diese Hilfe sei auch immer möglich. Nach dieser Erfahrung mit den letzten Tagen meines Schwiegervaters weiß ich, wie schwer sie selbst für betroffene Ärzte zu erreichen ist. Die letzten Tage meines eigenen Vaters waren dagegen erfreulicher. Er konnte in Frieden im eigenen Bett sterben weil er von seiner Hausärztin täglich- auch an den Wochenenden- betreut wurde.
Dr. U. Müller, Coesfeld
Augenarzt i. R.
CHAMUNDA
am Mittwoch, 3. September 2014, 08:32

Mein Leserbrief für das Ärzteblatt von gestern Abend zu Ihrem Artikel Sterbehilfe

Ich vergaß gestern Abend (es war schon spät!) meine Daten anzuhängen.

Dr.med Gertrud Perach
Psychotherapeutin mit Spiritueller Ausrichtung
Gutleutstr.53
79115 Freiburg

Tel.: 0761-472749
Fax.: 0761-482593
Mail: sai_g_trud@hotmail.com

Ich vergaß auch, meine Zeilen abzuspeichern und möchte Sie freundlich bitten,
sie mir zukommen zu lassen.
Vielen Dank im Voraus

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