THEMEN DER ZEIT

Zwangsbehandlungen in der Psychiatrie: Zwang auf ein Minimum reduzieren

Dtsch Arztebl 2014; 111(42): A-1788 / B-1532 / C-1464

Bühring, Petra

Fachgesellschaft der Psychiater legt ethische Stellungnahme zur Selbststimmung und Anwendung von Zwang bei der Behandlung psychisch kranker Menschen vor.

Foto: Fotolia/Gina Sanders

Eine ethische Stellungnahme zur „Achtung der Selbstbestimmung und Anwendung von Zwang bei der Behandlung von psychisch erkrankten Menschen“ hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) vorgestellt. „Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht: Jeder Mensch hat das Recht, über seine Lebensführung und damit auch über Maßnahmen, die seine Gesundheit betreffen, selbst zu bestimmen.“ Mit diesem Satz wird die von zahlreichen Autoren konsentierte Stellungnahme eingeleitet. Sie soll in der Psychiatrie Tätigen als ethische Orientierung dienen.

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„Psychische Erkrankungen können in Einzelfällen die Selbstbestimmungsfähigkeit des Patienten einschränken. Wenn der Patient sich selbst oder Dritte erheblich gefährdet und in dieser Situation medizinische Maßnahmen ablehnt, geraten Ärzte und Therapeuten in eine schwierige ethische Dilemmasituation: Sollen sie zum Beispiel Patienten mit Suizidplänen ihren Willen lassen, oder dem ärztlichen Auftrag zur Heilung oder Gefahrenabwehr nachkommen und eine Zwangsbehandlung prüfen?“, fragte der Präsident der DGPPN, Prof. Dr. med. Wolfgang Maier, Bonn, bei einem Pressegespräch. Problematisch sei, dass die Zahl der Zwangseinweisungen ständig steige, die Zahl der Fixierungen werde gar nicht systematisch erfasst.

Ärztliche Maßnahmen ohne Einwilligung des Patienten stehen zudem im Konflikt mit den Grundrechten. Durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshofes sowie durch die Reform des Betreuungsgesetzes sind in jüngster Zeit die rechtlichen Rahmenbedingungen weiterentwickelt worden. Ebenso stellt die UN-Behindertenrechtskonvention gültiges Recht dar, die in besonderer Weise zum Schutz der Autonomie von Menschen mit Behinderungen verpflichtet.

Fixierungen sind demütigend

„Zwangsmaßnahmen dürfen nur zwei Zwecken dienen: zum einen den nichtselbstbestimmungsfähigen Patienten vor sich selbst oder andere durch ihn Gefährdete zu schützen, und zum anderen den Zustand der Selbstbestimmungsfähigkeit des Patienten – sofern möglich – wieder herzustellen“, sagte Prof. Dr. med. Dr. phil. Henrik Walter, Direktor des Forschungsbereiches Mind and Brain an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Zwangsmaßnahmen, insbesondere Fixierungen, würden von den Patienten als demütigend und leidvoll erlebt. Deshalb sei es geboten, alle kommunikativen und vertrauensbildenden Maßnahmen zwischen Arzt und Patienten zuvor auszuschöpfen. „Leider sieht der Gesetzgeber auch oftmals die Gabe von Medikamenten als schwerwiegenderen Eingriff an als die Fixierung des Patienten“, kritisierte Walter. Um die Patienten zu beruhigen und Zwangsmaßnahmen auf ein Minimum zu reduzieren, bedürfe es zudem Raum, Zeit für Gespräche und ausreichend Personal.

Toleranzschwelle nimmt ab

In den psychiatrischen Krankenhäusern, die zur Unterbringung verpflichtet sind, seien beispielsweise Gärten eine sinnvolle Einrichtung. Solche strukturellen Vorkehrungen müssten auch finanziert werden. „Die Reform der Krankenhausfinanzierung steht dem entgegen“, kritisierte DGPPN-Präsident Maier. „Wir müssen hier die Politik mit in die Pflicht nehmen.“

Grundsätzlich müsse einer gesellschaftlichen Haltung entschieden entgegengetreten werden, die als „lästig“ oder „störend“ empfundene Menschen unter dem Vorwand einer angeblichen Fremdgefährdung in psychiatrische Krankenhäuser abschieben will, forderte Walter. „Die Toleranzschwelle gegenüber abweichendem Verhalten nimmt immer mehr ab.“ Jemand, der auf der Straße Passanten beschimpft, sei nicht angenehm, aber er gehöre auch nicht unbedingt in die Psychiatrie. Die dort Tätigen bringe eine solche Einweisung in eine schwierige Doppelfunktion, da ihnen neben dem Behandlungsauftrag eine öffentlich-rechtliche Schutzrolle zugewiesen werde. Das Thema Zwangsbehandlung und Selbststimmung müsse schließlich auch in die ärztliche Weiterbildung aufgenommen werden, fordern die Autoren der Stellungnahme.

Petra Bühring

@Die Stellungnahme im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp14455

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