POLITIK

Sterbehilfe-Debatte: Fünf Positionen zeichnen sich ab

Dtsch Arztebl 2014; 111(47): A-2044 / B-1740 / C-1664

Richter-Kuhlmann, Eva

Soll es ein Gesetz geben, dass die ärztliche Beihilfe zum Suizid offiziell gestattet? Die Meinungen darüber gehen im Deutschen Bundestag auseinander. Mit einer gesetzlichen Regelung der Sterbehilfe wird Mitte 2015 gerechnet.

Emotional, offen, ernsthaft und angemessen war die fast fünfstündige „Orientierungsdebatte“ zur Sterbehilfe, bei der sich die Abgeordneten des Deutschen Bundestages am 13. November über ihre Positionen, persönlichen Erfahrungen und Gefühle zu diesem Thema austauschten. Sie bildete den Auftakt zu dem „vielleicht anspruchsvollsten Gesetzgebungsverfahren dieser Legislaturperiode“, wie Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) zu Beginn sagte.

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Debatten ohne Fraktionszwang hat es im Parlament gerade bei bioethischen Fragen schon häufiger gegeben. Doch immer lagen Gesetzentwürfe vor. Diesmal nicht. Ruhig, zeitlich diszipliniert und ohne Zwischenrufe hörten die Parlamentarier den 48 Rednern zu. Atheisten wie Christen berichteten über ihre Erfahrungen mit Sterben und Tod sowie über ihre Gedanken bezüglich einer künftigen gesetzlichen Regelung zum assistierten Suizid, die für Mitte des nächsten Jahres vorgesehen ist.

Zugegen waren bei der Debatte im Bundestag auch viele interessierte Besucher, unter ihnen die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Prof. Dr. med. Christiane Woopen, und der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. „Die Diskussion der Abgeordneten ist hervorragend“, würdigte er vor Ort die Debatte. Er begrüßte gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt, dass sich schon bald zwei deutliche Bekenntnisse abzeichneten: zum einen der ausdrückliche Vorsatz, die Palliativmedizin in Deutschland zu stärken, und zum anderen ein breiter Konsens zum Verbot der gewerbsmäßigen Sterbehilfe durch Vereine.

Falsche Interpretation des ärztlichen Standesrechts

„Allerdings sehe ich einen Irrtum in der Interpretation des ärztlichen Standesrechts“, sagte Montgomery. Wenn ein Arzt beispielsweise sedierende Medikamente verabreiche, gehe es um einen Zielwechsel in der Therapie, nicht um Beihilfe zum Suizid. Erneut stellte er klar, dass die Mehrheit des Deutschen Ärztetages jegliche Form einer gesetzlichen Zulassung des ärztlich assistierten Suizids ablehne. Dabei verwies er auf die (Muster-)Berufsordnung der Bundesärztekammer, die festhält, dass „Ärztinnen und Ärzte . . . Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen haben. Es ist ihnen verboten, Patientinnen und Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“ In den Berufsordnungen einiger Landesärztekammern sei zwar das Wort „dürfen“ durch „sollen“ ersetzt worden, räumte der Präsident ein. „Bundesweit ist jedoch klar verankert, dass sich ein Arzt für den Erhalt des Lebens einsetzen muss“, betonte er. „Das Berufsethos verpflichtet, Hilfe zum Leben zu leisten, nicht Hilfe zum Sterben.“

Dies war bei der Debatte jedoch genau der Punkt, an dem die Meinungen am weitesten auseinandergingen. Insgesamt kristallisierten sich fünf Positionen heraus:

Eine erste Gruppe um Abgeordnete der großen Koalition, Peter Hintze (CDU), die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Carola Reimann und Prof. Dr. med. Karl Lauterbach (auch SPD), plädiert für eine gesetzliche Zulassung ärztlich assistierter Sterbehilfe. „Verzweifelte Menschen sollen sich nicht an Sterbehilfevereine wenden müssen, sondern sich ihrem Arzt anvertrauen können“, sagte Reimann. Dabei formulierten die Abgeordneten in
einem bereits vorliegenden Positionspapier sieben Voraussetzungen für die ärztliche Hilfe bei der Selbsttötung: Unter anderem müsse der Sterbende volljährig und voll einsichtsfähig sein; es müsse sich um eine unheilbare Krankheit handeln, die unumkehrbar zum Tod führe; der Patient müsse erkennbar leiden und umfassend über andere, besonders palliative Behandlungsmöglichkeiten beraten worden sein. „Mit unserem Positionspapier wollen wir mehr Rechtssicherheit für die Ärzte“, betonte Reimann.

„Bevölkerungsmehrheit für Suizidbeihilfe durch Ärzte“

Der Theologe Hintze sagte, für ihn sei es nicht mit der Menschenwürde vereinbar, „wenn aus dem Schutz des Lebens ein Zwang zum Qualtod wird“. Ein Arzt müsse dem Patienten beim friedlichen Einschlafen helfen dürfen. „Das will auch die große Mehrheit der Bevölkerung“, erklärte er. Der Arzt Lauterbach berichtete, dass zu „Seriensterbehelfern“ und entsprechenden Organisationen auch viele Menschen mit Depressionen gingen, die eigentlich gerettet werden könnten. „Das können wir durch eine solche Regelung unterbinden.“

Eine zweite Position wurde von vielen Unionsabgeordneten vertreten: Michael Brand lehnt ebenso wie Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (beide CDU) den ärztlich assistierten Suizid ab. „Wir sollten keine Tür öffnen, die man später nicht mehr schließen kann“, warnte Brand. Durch sie könnten Menschen geschoben werden, die nicht dort hindurch geschoben werden wollten. Die Gruppe um Brand sieht in einem gesetzlich verankerten „Ja“ zur ärztlichen Suizidassistenz die Gefahr, dass der begleitete Suizid durch den Arzt zum „Normalfall“ wird. Ein Regelangebot würde zu einer schleichenden Werteverschiebung hin zur Tötung auf Verlangen führen, sagte Brand.

„Auch die Ärzteschaft wehrt sich gegen eine solche Regelung“, erläuterte Gröhe. „Das sollten wir ernst nehmen. Wir lehnen deshalb jedes Sonderstrafrecht für Ärzte ab.“ In der Palliativmedizin sei es bereits möglich, lebensverlängernde Maßnahmen auszusetzen. „Das Recht schweigt bisher zu solchen Lebensdramen. Auch künftig darf es keine Verklärung der Selbsttötung und keine Darstellung des assistierten Suizids als offizielle Option geben,“ betonte der Minister.

Unionsfraktionschef Volker Kauder plädierte ebenfalls für ein umfassendes Sterbehilfeverbot und gegen eine ärztlich begleitete Selbsttötung. In der Palliativmedizin sei die aktive Gabe von schmerzlindernden Mitteln zulässig, selbst wenn dabei eine lebensverkürzende Nebenfolge in Kauf genommen wird, sagte er. „Regelungen diesbezüglich sollten wir dem ärztlichen Standesrecht überlassen.“

Ein drittes Konzept stellten die SPD-Politikerinnen Eva Högl und Kerstin Griese vor. Sie verfolgen einen „Weg der Mitte“ und wollen den Ärzten Freiraum in ethischen Grenzsituationen bewahren. Die SPD-Abgeordneten warnen vor einer ausdrücklichen Erlaubnis und befürchten sozialen Druck auf Betagte und Schwerstkranke, die Option des ärztlich assistierten Suizids auch wahrzunehmen. Sie wollen stattdessen die bestehenden Möglichkeiten der Hilfe am Ende des Lebens erhalten.

Eine vierte Position wird weitgehend von Grünen-Abgeordneten vertreten. Elisabeth Scharfenberg und Dr. med. Harald Terpe wollen die Beihilfe zum Suizid nicht nur für Angehörige, sondern auch für nahestehende Menschen nicht strafbewährt gestalten. Dazu sollen auch Ärzte zählen, falls sie in einem engen Vertrauens- und Fürsorgeverhältnis zum Patienten stehen. Sie plädieren für ein strafrechtliches Verbot von geschäftsmäßiger Suizidbeihilfe wie auch der öffentlichen Werbung dafür.

Ein fünftes Konzept kommt von der Grünen-Abgeordneten Renate Künast. Sie sieht grundsätzlich keinen rechtlichen Änderungsbedarf. Auch Sterbehilfevereine will sie nicht gänzlich verbieten, sondern nur streng regulieren. Lediglich kommerziell arbeitende Sterbehilfevereine sollen nach ihrer Ansicht verboten werden. Es gebe keine Zahlen, die belegten, dass die Vereine die Suizidrate erhöhten, sagte sie. Eine ähnliche Meinung vertrat die Linken-Politikerin Petra Sitte.

Ungewöhnliche Debatte – ungewöhnliche Sitzordnung: Bundesgesundheitsminister Gröhe nahm nicht auf der Regierungsbank, sondern unter den Abgeordneten Platz. Fotos: dpa

Breit unterstützt: Ausbau des Hospiz- und Palliativangebots

Generelle Einigkeit herrschte bei den Abgeordneten darüber, dass die Palliativmedizin in Deutschland gestärkt werden müsse. Gröhe, der erst zwei Tage zuvor den Ausbau von Hospiz- und Palliativangeboten angekündigt hatte, erhielt während der Debatte Unterstützung von vielen Rednern. Er setzt dabei besonders auf die enge Zusammenarbeit von Hospizdiensten und Pflegeeinrichtungen mit niedergelassenen Ärzten. „Ziel ist ein flächendeckendes Hospiz- und Palliativangebot in ganz Deutschland“, sagte der Bundesgesundheitsminister.

Anfang nächsten Jahres sollen die Gesetzentwürfe zur Neuregelung der Sterbehilfe vorgestellt werden. Entscheiden will das Parlament im Sommer 2015.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

@Die fünf Positionspapiere:
www.aerzteblatt.de/142044

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 2. Dezember 2014, 15:37

Brief an fünf Parlamentariergruppen zu ihren Positionen

Einer ausführliche, Quellen-gestützte Veröffentlichung von Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann (Redaktion Deutsches Ärzteblatt) unter
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/60855/Engagierte-Bundestagsdebatte-zur-Sterbehilfe-Fuenf-Positionen-kristallisieren-sich-heraus
habe ich folgendermaßen kommentiert und die betreffenden Gruppen der beteiligten MdB angeschrieben:

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Mitglieder des Deutschen Bundestages,
als Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Entwürfe einer gesetzlichen Regelung zur Sterbehilfe möchte ich Ihnen zur [morgigen] Orientierungsdebatte über Sterbehilfe im Deutschen Bundestag ein persönlich-ärztliches Statement übermitteln. Weshalb ich das tue? Ich bin seit 1975 ärztlich tätig; seit 1992 als familienorientierter Hausarzt („von der Wiege bis zur Bahre“) im Zentrum von Dortmund als Vertragsarzt der Gesetzlichen Krankenversicherung niedergelassen. Täglich, ganz besonders bei Hausbesuchen und in der Palliativmedizin, bin ich mit Fragen konfrontiert, wie meine Patientinnen und Patienten und auch ich selbst den Blick auf das Lebensende fokussieren, diskutieren und kommunizieren können.
Dabei gibt es zwei Aufsätze, die ich in jüngster Zeit publiziert habe, und die ich Ihnen in der Anlage vorstellen möchte:

Der eine Beitrag, veröffentlicht als Editorial in der Zeitschrift „DER ALLGEMEINARZT 13/2011, ist sehr persönlich, weil er im Rückblick auf den Tod meiner Lebensgefährtin im Jahr 2010 geschrieben wurde.
Der zweite Beitrag auf meinem Blog „Schätzlers Schafott“ bei SpringerMedizinOnline ist polemisch, sozusagen ein „Salzkorn in der Suppe“ des Sterbehilfe-Diskurses.
Ich würde mich über Rückmeldungen sehr freuen und verbleibe mit freundlichen Grüßen,
Dr. med. Thomas G. Schätzler
Facharzt für Allgemeinmedizin
Kleppingstr. 24
44135 Dortmund
Anlagen
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„Helfen, Heilen, Lindern, Schützen und …“
Nach dem Kieler Ärztetag Anfang Juni 2011 heißt es jetzt in § 16 der ‚Musterberufsordnung‘ MBO: „Ärztinnen und Ärzten haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Es ist ihnen verboten, Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten“. Das ethische Dilemma wird dabei nicht ergriffen. Denn es geht um drei wesentliche Punkte:
Schwerstkranke, von Tod und Sterben gezeichnete Patientinnen und Patienten verspüren unter einer subjektiven bzw. objektiven Belastungsgrenze und Überforderung den Wunsch nach Endlichkeit, nach Abschied und Erlösung von ihrem Dasein. Im günstigsten Fall können der Wunsch verbal oder nonverbal konkludent geäußert und das Ende des Leidens eingefordert werden. Häufig ist diese Möglichkeit gerade n i c h t gegeben. Angehörige, Ärzte und therapeutisches Personal sind dann auf Vermutungen, Ahnungen und Analogien angewiesen. Der vermeintliche Wille der Patienten muss reflektiert, hinterfragt, gesucht und hoffentlich gefunden werden.
Ärztinnen und Ärzte, Angehörige und nichtärztliche Berufsgruppen funktionieren in der Regel über ein positives (selten negatives) Helfer-Syndrom. Sie regenerieren ihre Empathie und Arbeitsfähigkeit über objektiv und subjektiv empfundene Entlastung, Erleichterung oder Linderung, wie infaust die Prognose ihrer Schutzbefohlenen auch sein mag. Ohne positive Rückmeldungen laufen sie Gefahr, in Frustration, Resignation und Aggression zu geraten. Der Wunsch der Sterbenden kollidiert dann mit dem professionellen Selbstverständnis der Helfer. Und diese müssen destruktive Impulse aushalten, wenn die Sterbenden nach Erlösung verlangen.
Unser Rechts- und Wertesystem soll zuallererst das "Mensch-Sein" als Mosaik vielschichtiger Facetten von bio-psycho-sozialen Entitäten, kultureller Reflexion, Kommunikation, Geselligkeit und Einsamkeit, Sexualität und Sinnlichkeit, Genuss und Reue, Freude und Glück, Angst und Schmerz, Krankheit und Gesundheit reflektieren. Da treffen Glaube, Hoffnung, Liebe zusammen mit Solidarität und Verantwortung. Im Spannungsbogen von Sexualität, Schwangerschaft, Geburt, Leben, Sterben und Tod gibt es das Prinzip "Liebe" (Neues Testament), das Prinzip "Verantwortung" (Hans Jonas) und das "Prinzip Hoffnung" (Ernst Bloch).
Doch dann setzt oft das absolute "Helfer-Syndrom" mit unvermittelter Macht und Nachdruck ein. Den Patienten dürfe man doch nicht so einfach sterben lassen, da müsse man doch etwas tun. Man verfällt in einen wilden Aktionismus: Aktive Sterbehilfe, assistierter Suizid, Erlösungspflicht.
Können wir, also Sie und ich, so schwer es manchmal fällt, den sterbenskranken Patienten nicht dort abholen, wo er sich gerade befindet? In seiner Todesangst, seinem Lebensüberdruss, seinem Schmerz, seiner Not, seiner Pein, seiner Depression, seiner Hoffnungslosigkeit? Aber auch in seiner Hoffnung auf Erlösung, seiner Leichtigkeit, seines Abschieds, seines Dahinschwebens, seines Hinscheidens und seiner Vergänglichkeit? Abwarten und begleiten? Trost, Hilfe und Intervention nur dann geben, wenn es wirklich sinnvoll und notwendig ist, vom ersten bis zum letzten Atemzug des Menschen?
„Helfen, Heilen, Lindern, Schützen“ … und „Loslassen“
Dr. med. Thomas G. Schätzler, Facharzt für Allgemeinmedizin in Dortmund
Ich widme dieses Editorial meiner Ende 2010 im 55. Lebensjahr verstorbenen Lebensgefährtin. Sie ist mit Mut, Stärke, Tapferkeit und nie endender Menschenfreundlichkeit im Kreise ihrer 4 Kinder und 2 Enkel ihren Weg gegangen.
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Sterben-„light“ - Aktive oder passive Sterbehilfe – ein Luxusproblem?

Statt der "Pille danach" die "Pille davor" fürs freie, humane und selbstbestimmte Leben? Einverstanden. Nur: Dann will ich auf keinen Fall mehr den Spruch hören: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“!
Manchmal verstehe ich diese Welt n i c h t mehr: Da haben gut 1,8 Milliarden Menschen auf der Welt nicht genug zu essen. Einer von 8 Menschen weltweit muss abends hungrig Schlafen gehen (Quelle: State of Food Insecurity in the World, FAO, 2013). Diese Menschen würden a l l e s tun, um besser und sicherer leben zu können. Und wir, in unserer selbstzufriedenen, gut situierten postindustriellen Gesellschaft, zermartern uns in Politik, Medien, Feuilleton, Öffentlichkeit und Wissenschaft den Kopf, wie wir im sozialen Miteinander mit aktiver, passiver Sterbehilfe, ärztlich assistiertem Suizid, organisierter und individueller Sterbehilfe, Sterbewunsch und-wirklichkeit umgehen sollen?
Wir wollen weitgehend schmerzfrei mit "Sectio caesarea" geboren werden; verlangen beschützende Welten und Schulen für unsere Kinder, die gleichzeitig nur noch „daddeln“ wollen; fordern die „schmerzfreie Stadt“ (Modellprojekt Münster/Westfalen); füllen uns mit „Junk-Food“, „Fast-Food“ und „Convenience“-Produkten ab, bis hin zum metabolischen Syndrom; Rauchen und Saufen, bis der Arzt kommt; lassen uns von „Wetten-dass“, „Festival der Volksmusik“, „Dschungel-Camp“, „Verbotene Liebe“, DSDS, prekären Container-Shows, „Musikantenstadl“ o. ä. bis zur Besinnungslosigkeit einlullen; sollen das Haus möglichst nur mit Ganzkörper-Sturz- und Un(m)fall-Protektoren verlassen; fürchten uns bei jeder Art von Sex vor Geschlechtskrankheiten, ungewollten Schwangerschaften und entgrenzender, kommunikativer Lustentfaltung; haben Angst vorm Chef; Buckeln lieber nach Oben und Treten gerne nach Unten. Legen im Auto den „Sicherheitsgurt“ an, wenn wir zum Bier und Kippen holen zur Tankstelle fahren, um anschließend zu Hause auf der Couch Autorennen, Motocross, Motorrad-Stunts, Rallye Paris-Dakar oder nur die „Tour de France“ in der TV-„Glotze“ Chips-futternd mit möglichst spektakulären Stürzen anzuschauen.
Und dann stellen wir fest, dass unser Leben vorbei ist, das wir keine Lust mehr auf dieses tägliche Einerlei und die Anstrengungen haben, mit 95 Prozent Transpiration und maximal 5 Prozent Inspiration. Verlieren uns in Ereignislosigkeit, Langeweile, Depressionen, „falschem“ Selbstmitleid und kultureller Vereinsamung. Und wenn dann die Stunde der Wahrheit, der kulturellen Reflexion und der Lebensbilanz bzw. des Abschied-Nehmens gekommen ist, wünschen wir uns „Absolute Selbstbestimmung“; den „palliativen Notausgang“; „das Recht, mit einem durch die Krankenkassen bezahlten Medikamentencocktail aus dem Leben zu gehen, wann immer ein Mensch dies möchte, sei er alt oder jung, krank oder gesund“; „trotz Hospiz und medizinischer Sterbebegleitung selbstbestimmt aus dem Leben scheiden“. Menschen „müssen sich frei dafür entscheiden können“, sie seien „bei professionellen Sterbebegleitern besser aufgehoben“?
Der Leitsatz lautet nicht mehr „mein Bauch gehört mir“ oder „Du darfst“ sondern „Ich sterbe, wann i c h will“. Programmatisch der Satz aus einem Kommentar: „Ich möchte, wenn immer es möglich ist, bei mir zu Hause, wo ich gelebt habe und glücklich war, einen Cocktail einnehmen, der gut schmeckt und mich dann sanft einschlafen lässt.“
Wenn das die gesellschaftliche Forderung nach „Sterben-light“, nach passiver Sterbehilfe und assistiertem Suizid ist, die ebenso konsens- wie salonfähig gemacht werden soll, bin ich sofort dabei. Rezeptfreier Verkauf, wie bei der „Pille-danach“, in allen Apotheken Deutschlands, als „Pille davor“, wenn's ans selbstbestimmte, freie und humane Sterben geht: D a s wäre doch die Lösung!
Dann bräuchten wir keinen geschwätzigen Assessor-Juristen ohne Fachexpertise und wissenschaftliche Referenzen, der von Medizin offenkundig keine Ahnung hat. Dann bräuchten wir keine ausgewiesenen ärztlichen Palliativmediziner, Bedenkenträger, „Ober-Ethiker“ und Bundesärztekammer-„Bonzen“, angeblich ohne jede Empathie und Sachverstand? Keine „Gesundheits“- „Kranken“- und sonstige Kassen- bzw. Ministerial-Bürokratie.
Auf einer Sache müsste ich dann allerdings strikt beharren. Wenn nach medizinischer Hard-, Soft und Pillenware jetzt die „Death-ware“ in den pharmazeutischen Handel käme, will ich auf gar keinen Fall mehr den Spruch hören: „Zu Risiken und Nebenwirkungen, fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“!
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Zum Blog "Schätzlers Schafott" mit allen Beiträgen
publiziert am: 21.1.2014 17:22 Autor: Thomas G. Schätzler Quelle:
http://www.springermedizin.de/aktive-oder-passive-sterbehilfe--ein-luxusproblem/4927976.html

klausenwächter
am Freitag, 28. November 2014, 11:36

Abwendung von ärztlichen Grundhaltungen

>> Hier und heute ist die Abwendung von der ionischen Ärzteschule unverkennbar. An die Stelle des Versprechens „Nie werde ich, auch nicht auf eine Bitte hin, ein tödlich wirkendes Gift verabreichen oder auch nur einen Rat dazu erteilen.“ ist das wissenschaftliche Bekenntnis getreten. Hier und heute ist die Abwendung von der ionischen Ärzteschule unverkennbar. An die Stelle des Versprechens „Nie werde ich, auch nicht auf eine Bitte hin, ein tödlich wirkendes Gift verabreichen oder auch nur einen Rat dazu erteilen.“ ist das wissenschaftliche Bekenntnis getreten. <<
klausenwächter
am Dienstag, 25. November 2014, 06:49

Dammbruch

"Allen diesen Formen des Missbrauchs und der Verachtung der Medizin werden die Konzepte der ärztlich-pflegerischen RAHME [aramäisch Barmherzigkeit, ... Anmerkung an anderer Stelle] und der modernen Paliativmedizin entgegengestellt. ... eine aktive Sterbehilfe ist nicht erforderlich, ethisch nicht zu rechtfertigen und rechtlich unzulässig." [Oduncu, F.: Euthanasie Syn. Sterbehilfe. In: SPRINGER LEXIKON MEDIZIN Hrsg. P. Reuter. Springer Verlag Berlin Heidelberg New York 2004: 656.

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