POLITIK

Befragung der Ärzte in Weiterbildung: Im Großen und Ganzen zufrieden

Dtsch Arztebl 2015; 112(3): A-74 / B-64 / C-64

Korzilius, Heike

Fast 80 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung in Baden-Württemberg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein würden ihre Weiterbildungsstätte weiterempfehlen. Defizite sehen sie bei der Organisation der Weiterbildung.

Eine qualitativ hochwertige Weiterbildung zum Facharzt darf nicht dem Zufall überlassen werden, denn sie dient letztlich der Patientensicherheit. Inwieweit der ärztliche Alltag diesem Anspruch gerecht wird, war bereits 2009 und 2011 Gegenstand zweier bundesweiter Befragungen von Assistenzärzten und Weiterbildern. Im vergangenen Sommer fand die Evaluation der Weiterbildung in deutschen Krankenhäusern und Arztpraxen erstmals dezentral statt. Das Ergebnis ähnelte dem der beiden bundesweiten Umfragen: Der ärztliche Nachwuchs erteilte der Weiterbildung mit 2,44 wie schon 2009 (2,54) und 2011 (2,44) erneut eine gute Gesamtbeurteilung. Knapp 80 Prozent der Assistenten, die sich an der jüngsten Befragung beteiligten, würden ihre Weiterbildungsstätte weiterempfehlen.

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Die Ärztekammern Baden-Württemberg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein hatten im vergangenen April rund 15 000 Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung aufgefordert, einen Online-Fragebogen auszufüllen. Es gab knapp 40 Fragen zu beantworten, die sich auf vier Fragenkomplexe bezogen: Was? – Vermittelte Fachkompetenzen, Wie? – Kompetenzen der Weiterbilder, Womit? – Organisation der Weiterbildung und Wo? – Ausstattung und Qualität der Weiterbildungsstätte.

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Kompetenz der Weiterbilder

Niedrige Teilzeitquote trotz hohem Frauenanteil

Die Beteiligung der Assistenzärzte fiel mit knapp 20 Prozent niedriger aus als in den Jahren zuvor (2009: 32,8 Prozent, 2011: 38,6 Prozent). Einen ähnlichen Wert erreichte auch der Online-Rücklauf in Westfalen-Lippe, das in einer eigenen Evaluation rund 6 600 Assistenzärzte befragt hatte. Allerdings schickten dort gut 50 Prozent der Nachwuchsmediziner den zusätzlich per Post versendeten Fragebogen zurück (siehe „79 Prozent empfehlen ihre Klinik“ in diesem Heft). In Nordrhein erklärt man sich das damit, dass online offenbar noch nicht „allumfassend akzeptiert“ wird.

Ziel der dezentralen Befragung war es, im Rahmen eines Pilotprojekts den alten, bundesweiten Fragebogen, der sich an einem Schweizer Modell orientierte, abzuspecken und besser auf die Situation in Deutschland zuzuschneiden. Außerdem wurden ausschließlich die Ärzte in Weiterbildung befragt und nicht, wie in den Jahren zuvor, auch die Weiterbilder. Unter Federführung der Ärztekammer (ÄK) Nordrhein entwickelten Baden-Württemberg, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern einen wissenschaftlich validierten und im Vergleich zu den früheren Befragungen deutlich kürzeren Fragebogen.

Der Trend, dass zunehmend Frauen den Arztberuf ergreifen, spiegelt sich in der Beteiligung an der Online-Befragung wider: 58,63 Prozent der Antwortenden waren Frauen, 39,94 Prozent Männer, 1,43 Prozent machten keine Angaben zur Person. Überrascht zeigten sich die Kammern angesichts des Frauenüberschusses über die niedrige Teilzeitquote: Nur 13,79 Prozent der Befragten gaben an, mit reduzierter Stundenzahl zu arbeiten.

Offenbar wirkt sich inzwischen auch die gute Arbeitsmarktlage für angehende Fachärzte aus. 74 Prozent der Befragten stimmten einer anonymisierten Veröffentlichung ihrer Beurteilungen selbst für den Fall zu, dass weniger als vier Kollegen aus der eigenen Abteilung an der Umfrage teilgenommen haben. „Das drückt in gewisser Weise das gestiegene Selbstbewusstsein der jungen Ärztinnen und Ärzte aus“, meinte Rudolf Henke, Präsident der ÄK Nordrhein. „Ich freue mich, dass das Verhältnis zwischen angehenden Fachärzten und ihren weiterbildenden Kollegen laut unserer Evaluation im Großen und Ganzen ein gutes ist.“

Denn der ärztliche Nachwuchs zeigt sich mit seinen Weiterbildern recht zufrieden. Gut die Hälfte findet, dass ihre Weiterbilder über sehr gute Fähigkeiten verfügen, eigenständiges Lernen zu fördern. 75 Prozent erklären, ihr Weiterbilder nehme sie ernst und behandle sie wie einen vollwertigen Mitarbeiter. Zeitnahes und regelmäßiges Feed-back zu ihrer Arbeit erhalten allerdings nur 43 Prozent der Assistenten. Während ebenfalls nur 43 Prozent der Weiterzubildenden die didaktischen Fähigkeiten ihrer Weiterbilder schätzen, bescheinigen ihnen mehr als 80 Prozent sehr hohe praktisch-medizinische Fähigkeiten. „Mit diesen Ergebnissen erhalten wir ein aktuelles Bild, wie die Weiterzubildenden die Qualität der Weiterbildung vor Ort und das Engagement der Weiterbilder einschätzen“, kommentierte Dr. med. Andreas Crusius, Präsident der LÄK Mecklenburg-Vorpommern.

Gut schneidet auch die Bewertung der Weiterbildungsinhalte ab: Knapp 63 Prozent der Befragten sind überwiegend oder vollkommen zufrieden mit der Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten, die für eine eigenständige und eigenverantwortliche ärztliche Tätigkeit erforderlich sind. Weitere 22 Prozent finden, das sei „eher“ der Fall. Nachholbedarf gibt es dagegen bei spezifischen Inhalten: 32 Prozent sehen Defizite bei der ärztlichen Gesprächsführung, 53 Prozent der Weiterzubildenden wünschen sich eine bessere Vermittlung der Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens. Außerdem fühlen sich 52 Prozent nur schlecht auf die Betreuung Sterbender vorbereitet. Das sei insbesondere vor dem Hintergrund der Debatte um den assistierten Suizid interessant, fand Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) und der ÄK Hamburg. Es sei gut, wenn diese kritischen Punkte in die geplante Novellierung der Weiterbildungsordnung mit einfließen könnten. Dort sollten grundlegende Kenntnisse in besonderer Weise verankert und sichtbar werden.

Wie bei den vorangegangenen Befragungen auf Bundesebene vermissen die Assistenten in den vier Kammerbereichen strukturierte Weiterbildungspläne (75 Prozent). Allerdings sind fast 77 Prozent der Auffassung, dass sie die in den Weiterbildungsrichtlinien enthaltenen Mindestzahlen von Untersuchungen und Behandlungen an ihrer Weiterbildungsstätte erfüllen können. Die vereinbarten Arbeitszeitregelungen werden hingegen nur bei 46 Prozent der Ärzte vollkommen oder überwiegend eingehalten.

Gute Weiterbildung ist zum Qualitätskriterium geworden

Der Präsident der Landesärztekammer (LÄK) Baden-Württemberg, Dr. med. Ulrich Clever, appellierte an die angehenden Fachärzte, sich an Befragungen zur Situation in der Weiterbildung zu beteiligen. Nur so könne diese verbessert werden. „Durch die Veröffentlichung der Ergebnisse der Evaluation erhoffen wir uns, dass künftig die Weiterbildungsassistenten bei ihrer Stellensuche hierauf zurückgreifen werden, um ihren Weiterbildungsbefugten zu finden“, ergänzte Dr. med. Michael Schulze, Vorsitzender des Ausschusses „Ärztliche Weiterbildung“ der LÄK Baden-Württemberg. Bislang ist das noch nicht der Fall. 72,8 Prozent der Befragten gaben an, dass frühere Bewertungen bei der Wahl ihrer Weiterbildungsstätte keine Rolle gespielt hätten. Bei der Bundesärztekammer, die für die früheren Befragungen federführend war, erklärt man das damit, dass erstmals 2011 die Evaluationsergebnisse für alle Weiterbildungsstätten veröffentlicht wurden. Das sei vermutlich nicht mehr in den Köpfen, hieß es. Die Arbeitsmarktsituation habe sich verändert. Die Assistenten könnten sich heute ihre Weiterbildungsstätte aussuchen. Eine gute Weiterbildung sei zu einem Qualitätskriterium geworden.

Die Pilotbefragung liefert Impulse für Verbesserungen

Für den Ausschussvorsitzenden Schulze lässt sich aus der aktuellen Befragung, insbesondere aus den Fragekomplexen „Wie“ und „Womit“, erkennen, an welchen Stellen der Weiterbildungsprozess verbessert werden kann. „Daran ließen sich Ideen knüpfen, die Weiterbilder durch entsprechende Maßnahmen besser auf ihre Aufgabe vorzubereiten und im Austausch mit den Ärztekammern dafür Sorge zu tragen, dass die Organisation der Weiterbildung letztlich vom Anfang bis zum Ende möglichst reibungslos und mit Freude am Ergebnis betrieben werden kann“, erklärte er. Aus der Pilotbefragung ergäben sich regional wichtige Impulse, meinte auch BÄK-Präsident Montgomery. Sie gelte es mit Unterstützung der Ärztekammern in vielfältigen Kontakten zwischen Weiterbildungsbefugten und Assistenten umzusetzen. Für den weiteren Prozess gehe es darum, die gewonnenen Erfahrungen mit dem Fragebogen-Tool zu nutzen, um eine Teilnahme für die Assistenten attraktiver zu machen. Wichtig sei nun, das Positive der jüngsten Umfrage herauszustellen, gleichzeitig aber an den Problemen zu arbeiten, erklärte Nordrheins Kammerpräsident Henke. „Weiterbildung ereignet sich nicht von allein, sondern sie muss täglich aufs Neue gelebt werden.“

Heike Korzilius

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Kompetenz der Weiterbilder

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