THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Dr. med. Martina Wenker und Prof. Dr. med. Friedemann Nauck: Die Medizinethik im Vordergrund

Dtsch Arztebl 2015; 112(4): A-128 / B-112 / C-108

Klinkhammer, Gisela; Richter-Kuhlmann, Eva

BÄK-Vizepräsidentin Martina Wenker und Palliativmediziner Friedemann Nauck bekräftigen die Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung und konkretisieren die Möglichkeiten einer fürsorglichen Medizin an einer Serie von Fallbeispielen.

Frau Dr. Wenker, Herr Prof. Nauck, warum halten Sie es für notwendig, dass wir im Deutschen Ärzteblatt eine Serie mit Kasuistiken zur ärztlichen Verantwortung in der Medizin am Lebensende veröffentlichen?

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Wenker: Wir erleben derzeit in der Öffentlichkeit eine intensive Diskussion über Sterbebegleitung und die damit verbundenen Maßnahmen zur Verbesserung der Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. Immer wieder werde ich von Kollegen angesprochen, die sich intensiv mit der ärztlichen Betreuung ihrer Patienten am Lebensende auseinandersetzen und um konkreten Rat fragen, wie sie in schwierigen Situationen entscheiden sollen.

Wir brauchen vor allem Zeit für die Betreuung schwerstkranker Patienten – darin sind sich Martina Wenker, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer und Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, und Friedemann Nauck einig. Nauck ist Direktor der Klinik für Palliativmedizin an der Georg-August-Universität Göttingen. Foto: Klinik für Palliativmedizin, UMG

Was sind die Hauptprobleme?

Wenker: Viele Kollegen wollen wissen, wie sie, auch und gerade in unserer modernen Hochleistungsmedizin, unter Beachtung von Selbstbestimmungsrecht und Patientenwille ein Sterben in Würde ermöglichen können. Angesichts unserer modernen Medizin mit vielen technischen und apparativen Möglichkeiten fällt es oft schwer, den richtigen Zeitpunkt für eine Therapiezieländerung zu erkennen und ärztliche Basisversorgung, gute Pflege und spirituelle Begleitung in den Mittelpunkt unserer Maßnahmen zu stellen. Dabei können die Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung mit ihrer klaren medizin-ethischen Orientierung hilfreich sein.

Nauck: Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin setzt sich für eine gute, curricular gestützte Aus-, Weiter- und Fortbildung ein, um zu zeigen, dass für die Behandlung körperlicher Symptome, psychischer, sozialer und spiritueller Probleme gute Linderungsmöglichkeiten und Lösungen erzielt werden können.

Könnten Sie einige Themen anreißen, die Sie in den kommenden Kasuistiken vorstellen werden?

Wenker: Ein mir persönlich sehr wichtiger Fokus wird sich auf die Situation von Patienten in der häuslichen Umgebung, in der Betreuung in Altenheimen, in der hausärztlichen Versorgung richten. Es wird zum Beispiel darum gehen, ob und wann man noch eine künstliche Ernährung oder eine Infusionsbehandlung einleiten soll oder ob nicht eine gute Mundpflege und pflegerische Versorgung die letzte Lebensphase ebenso erleichtern kann. Es wird darum gehen, ob man einen alten, nicht mehr ansprechbaren Menschen, welcher sich offensichtlich in der beginnenden Sterbephase befindet, noch notfallmäßig nachts ins Krankenhaus bringen muss. Und es wird um die Beachtung des erklärten oder mutmaßlichen Patientenwillens bezüglich einer Einstellung, Begrenzung oder Unterlassung lebensverlängernder Maßnahmen gehen. Dazu sind wir im Übrigen bereits jetzt gesetzlich verpflichtet, und daran wird und soll sich auch nichts ändern. Trotzdem fürchten viele Menschen, in der Sterbephase noch qualvoll durch Apparate am Leben gehalten zu werden.

Nauck: Mit der Serie wollen wir zudem Kollegen aufrufen, uns weitere Kasuistiken zu schicken. Wir würden uns damit gern auseinandersetzen, um besser erfassen zu können, welche Problemlagen von besonderem Interesse sind und dafür Handlungsoptionen aufzeigen.

Über Hospizarbeit und Palliativmedizin wird derzeit in der Gesellschaft intensiv diskutiert – ein in der „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen“ formuliertes Anliegen. Sind Sie zufrieden mit dieser Entwicklung?

Nauck: In den Medien finden die Themen Palliativmedizin und Hospiz meines Erachtens bislang nicht genug Widerhall. Meist wird doch eher reißerisch über negative Beispiele der Versorgung am Lebensende und den assistierten Suizid berichtet. Dennoch hat sich viel bewegt. Die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen wurde zu einer Nationalen Strategie weiterentwickelt und wird von vielen Organisationen unterstützt.

Wenker: Das stimmt. Dabei beeindruckt mich persönlich beispielsweise sehr, mit welchem Engagement alle an dem Chartaprozess Beteiligten sich auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind. Gilt es doch, eine umfassende Versorgung für jene Patienten zu gewährleisten, die aufgrund einer fortschreitenden lebensbegrenzenden Erkrankung mit Sterben und Tod unmittelbar konfrontiert sind.

Gibt es denn auch ausreichend Hospize und palliativmedizinische Angebote in Deutschland, wie in der Charta gefordert?

Nauck: Leider ist das regional sehr unterschiedlich. Wir haben viele stationäre Hospize, und auch die Etablierung der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung, kurz SAPV, ist mit großem Engagement angelaufen. Allerdings ist vielerorts die Finanzierung nicht gesichert. Und die ist das A und O für eine gute Qualität der Versorgung.

Was müsste unter der Voraussetzung einer stabilen Finanzierung noch etabliert werden, um diese Qualität zu erreichen?

Nauck: Wir brauchen die palliativmedizinischen Kompetenzen in allen Bereichen sowie Palliativbeauftragte in jedem Krankenhaus und jeder stationären Pflegeeinrichtung. Auch im ambulanten Bereich bedarf es einer Stärkung der palliativen und hospizlichen Angebote sowie einer sektorenübergreifenden Versorgung. Solange dies nicht gewährleistet ist, sollten SAPV-Teams ihre Kompetenz auch im Krankenhaus zur Verfügung stellen können und umgekehrt Krankenhausteams auch ambulant mitbehandeln dürfen.

Wenker: Und wir brauchen vor allem Zeit! Es gibt kaum etwas, was uns in der ärztlichen und pflegerischen Betreuung gerade schwerstkranker Patienten mehr fehlt. Im Rahmen einer minutengetakteten medizinischen Versorgung lassen sich weder im stationären noch im ambulanten Bereich Patienten in Würde begleiten.

Nauck: Richtig! Denn die Planung und Kommunikation von Therapiezieländerungen sind zeitaufwendig. Es ist einfacher, eine kostenintensive begonnene onkologische oder intensivmedizinische Therapie fortzusetzen, als eine palliativ ausgerichtete Versorgung auf den Weg zu bringen. Wenn die finanziellen Ressourcen optimaler eingesetzt würden, wäre vielen Patienten besser geholfen. Häufig wird die Wertigkeit dieser Behandlungsphase übersehen. Da müssen wir sensibler werden.

Seit 2009 spielt die Palliativmedizin eine größere Rolle bei der Ausbildung der Medizinstudierenden. Reicht das?

Wenker: Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Die Förderung einer intensiven Ausbildung, zudem aber auch einer kontinuierlichen ärztlichen Weiter- und Fortbildung in diesem Bereich dient einer nachhaltigen Verbesserung unserer ärztlichen Kompetenz in der Versorgung von schwerkranken Patienten. Denn die Medizin entwickelt sich rasant weiter, somit auch die Anforderungen an uns bei der Betreuung von schwerstkranken Patienten am Lebensende.

Als Fachgesellschaft kümmern Sie sich auch um die Forschung. Wie ist diese in der Palliativmedizin aufgestellt?

Nauck: Ehrlich gesagt: Da gibt es gerade im internationalen Vergleich noch deutliche Defizite. Forschung in der Palliativmedizin wurde bisher hauptsächlich durch nicht staatliche Förderer, wie etwa die Deutsche Krebshilfe, finanziert. Wir brauchen dringend spezifische Förderprogramme durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder das Bundesforschungsministerium.

Dennoch haben Sie für dieses Jahr das Erscheinen einer S3-Leitlinie angekündigt . . .

Nauck: Ja, wahrscheinlich noch im ersten Halbjahr 2015 wird die S3-Leitlinie zur onkologischen Palliativmedizin fertiggestellt sein. In diese ist sowohl viel Erfahrungswissen als auch die aktuelle wissenschaftliche Evidenz eingegangen.

Wenn Patienten den Lebenswillen verlieren, halten Sie dann den assistierten Suizid für eine mögliche Option?

Wenker: Meine Erfahrungen aus meiner langjährigen Tätigkeit in der pneumologischen Onkologie sind, dass Patienten, die aufgrund ihrer schweren Erkrankung den Lebenswillen verlieren und um Sterbehilfe bitten, mir damit signalisieren: Ich möchte so nicht mehr weiterleben. Ich habe bisher keinen Patienten erlebt, der mich gebeten hat, dass ich ihm einen Giftbecher auf den Nachttisch stellen möge. Patienten möchten auf Nachfrage, dass ich ihnen helfe, dass ich Schmerzen, Luftnot oder Übelkeit lindere. Nicht der ärztlich assistierte Suizid ist hier die Option, sondern eine fürsorgliche Medizin und ärztlicher Beistand beim Sterben.

Nauck: Es ist gut, dass derzeit das Thema mit viel Offenheit in der Gesellschaft diskutiert wird und wir Ärzte uns aktiv an dieser Diskussion beteiligen. Für mich ist Beihilfe zum Suizid keine ärztliche Aufgabe. Wenn aber Ärzte aufgrund ihrer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung in einer Dilemmasituation eine Gewissensentscheidung hin zur Beihilfe zur Selbsttötung getroffen haben, ist dies bisher nach meiner Kenntnis nie strafrechtlich sanktioniert worden.

Die Fragen stellten Gisela Klinkhammer und Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann.

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advokatus diaboli
am Freitag, 23. Januar 2015, 05:45

Dilemmasituation und Gewissensentscheidung!

"Wenn ... Ärzte aufgrund ihrer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung in einer Dilemmasituation eine Gewissensentscheidung hin zur Beihilfe zur Selbsttötung getroffen haben, ist dies bisher nach meiner Kenntnis nie strafrechtlich sanktioniert worden" so Nauck in dem Interview.

Nun - dem ist in der Tat so, weil die ärztliche Suizidassistenz strafrechtlich nicht zu sanktionieren ist!

Entscheidend ist vielmehr die Frage, ob das berufsrechtliche Verbot der Mitwirkung des Arztes bei einem freiwilligen Suizid eines Schwersterkrankten haltbar ist?!

Es macht keinen Sinn, diese Frage unbeantwortet zu lassen, wie sich unschwer aus dem Statement der BÄK (im Beisein sämtlicher Präsidenten der LÄK) ergibt, wo "nur" Minimalkompromisse verkündet wurden, obgleich in mehreren Kammerbezirken das geschriebene (!) Berufsrecht etwas anderes aussagt! Hierüber kann nicht hinweg getäuscht werden, auch nicht durch wohlgefällige "Sonntagsreden" des Präsidenten der BÄK!

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