POLITIK

Ärzte in Weiterbildung: Unzufrieden in der Klinik – Respekt vor der Niederlassung

Dtsch Arztebl 2015; 112(6): A-216 / B-188 / C-184

Flintrop, Jens

An einer Umfrage des Hartmannbundes beteiligten sich 1 400 Nachwuchsärzte.

Zwei Drittel der Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung sehen ihre berufliche Zukunft in einem Anstellungsverhältnis – sei es im Krankenhaus (40,9 Prozent) oder in einem Medizinischen Versorgungszentrum beziehungsweise einer Arztpraxis (26,9 Prozent). Nur 26,8 Prozent wollen später selbstständig in eigener Praxis tätig sein. Das ist ein Ergebnis einer Befragung des Hartmannbundes (HB), an der sich 1 400 Nachwuchsärzte beteiligten.

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Ein Grund für dieses Umfrageergebnis sei, „dass die Ausbildung die jungen Ärztinnen und Ärzte zunächst einmal primär in die Klinik führt und sich trotz der dort zu bemängelnden Arbeitsbedingungen viele Kolleginnen und Kollegen grundsätzlich wohl fühlen“, kommentiert die Vorsitzende des HB-Arbeitskreises „Assistenzärzte“, Dr. med. Kathrin Krome. Dies sei unter anderem auch der Tatsache geschuldet, dass an der Klinik überwiegend im Team gearbeitet werde. Krome: „Viele verbinden mit der Niederlassung noch immer die Vorstellung, dort als Einzelkämpfer tätig zu sein, was ja beileibe längst nicht mehr der Fall ist.“ Auch in der Niederlassung könne man hervorragend in Kooperationen arbeiten oder sich mit Kollegen vernetzen.

Viele Kliniken suchen Ärzte – eigentlich eine gute
Basis, um bessere Arbeitsbedingungen einzufordern
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Viele Kliniken suchen Ärzte – eigentlich eine gute Basis, um bessere Arbeitsbedingungen einzufordern

„Es ist uns noch nicht in ausreichendem Maße gelungen, einer Generation, die so viel Wert auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf legt wie keine zuvor, deutlich zu machen, dass sie diesen Anspruch gerade in einer eigenen Praxis so gut umsetzen kann wie nirgends sonst“, zeigt sich der HB-Vorsitzende Dr. med. Klaus Reinhardt selbstkritisch. Andererseits seien aber auch politische Initiativen, wie die jetzt geplante Soll-Regelung zum Aufkauf von Arztsitzen durch die Kassenärztlichen Vereinigungen, nicht dazu geeignet, den jungen Assistenzärzten Mut für den Schritt in die Selbstständigkeit zu machen.

Ein Drittel der Befragten stufen ihre Bezahlung als
„gut“ oder sogar „sehr gut“ ein – ein beachtlich hoher
Wert
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Ein Drittel der Befragten stufen ihre Bezahlung als „gut“ oder sogar „sehr gut“ ein – ein beachtlich hoher Wert

Gefragt, ob die Nachwuchskampagnen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Kassenärztlichen Vereinigungen dazu beitragen könnten, den jungen Ärzten die Scheu vor der Niederlassung zu nehmen, antwortet Reinhardt: „Ich begrüße es sehr, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung auch durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit dem Propagandadruck der Krankenkassen gegen die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen etwas entgegenzusetzen versucht.“ Wert und Wirkung solcher Kampagnen seien allerdings – „zumindest kurzfristig“ – sehr schlecht einzuschätzen.

Durchschnittliche Bezahlung, mäßige Arbeitsbedingungen

Insgesamt bewerten immerhin 39 Prozent der Ärzte in Weiterbildung ihre Arbeitsbedingungen in der Klinik als „gut“ oder „sehr gut“ und 18,3 Prozent als „schlecht“ oder „sehr schlecht“ („durchschnittlich“: 42,7 Prozent). 34,9 Prozent stufen ihre Bezahlung als „gut“ oder „sehr gut“ ein und 15,6 Prozent als „schlecht“ oder „sehr schlecht“ („durchschnittlich“: 49,6 Prozent).

Bevorzugt im Team: Dass man heutzutage auch in
der eigenen Praxis kein Einzelkämpfer mehr ist, wissen viele nicht.
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Bevorzugt im Team: Dass man heutzutage auch in der eigenen Praxis kein Einzelkämpfer mehr ist, wissen viele nicht.

Mehr als 40 Prozent der Befragten geben an, dass ihre Weiterbildung nicht im Rahmen der Kernarbeitszeit durchgeführt wird. Viele Weiterbildungsassistenten sind also weiterhin gezwungen, lange Arbeitszeiten in Kauf zu nehmen. Auf die Frage, ob die zu erbringenden Weiterbildungsinhalte problemlos gemäß den Anforderungen der Ärztekammer durchgeführt werden könnten, antworten nur 42,5 Prozent mit „ja“: Regelmäßige Gespräche mit dem Weiterbilder führen gerade einmal 50,4 Prozent der Befragten. Dazu passt, dass knapp 80 Prozent der angehenden Fachärzte vor Beginn ihrer Weiterbildung kein Weiterbildungscurriculum erhalten haben. Zusammenfassend bewerten 31,5 Prozent der Befragten die Qualität ihrer Weiterbildung als „gut“ oder „sehr gut“ und 22,1 Prozent als „schlecht“ oder „sehr schlecht“ („durchschnittlich“: 46,4 Prozent).

Die gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht
weiterhin ganz oben auf der Prioritätenliste der jungen Ärztinnen und Ärzte.
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Die gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht weiterhin ganz oben auf der Prioritätenliste der jungen Ärztinnen und Ärzte.

Vor dem Hintergrund der nicht zufriedenstellenden Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern appelliert der HB-Vorsitzende an die jungen Kolleginnen und Kollegen, selbstbewusst zu sein: „Die meisten Kliniken reißen sich um Assistenzärzte. Das ist eigentlich eine gute Voraussetzung dafür, vernünftige Arbeitsbedingungen einzufordern und auch durchzusetzen“, betont Reinhardt. Sein Verband setze sich politisch für eine tatsächlich wirksame Überwachung der Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes an den Kliniken ein. Die quasi freiwillige Selbstkontrolle reiche hier ebenso wenig wie die stichprobenartige Kontrolle mit Vorankündigung durch das Gewerbeaufsichtsamt.

Auf der Wunschliste dessen, was sich ändern soll, damit der Arztberuf noch attraktiver wird, steht die „Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ an erster Stelle der Antworten. Hier habe sich in den vergangenen Jahren durchaus einiges getan, zumindest was das Bewusstsein für diese Her-ausforderung angehe, meint die Vorsitzende des HB-Arbeitskreises Assistenzärzte, Krome: „Das Problem ist, dass es bei der Umsetzung dieser Erkenntnisse an Entschlossenheit und Fantasie fehlt.“ Dass der Umfrage zufolge mehr als zwei Drittel der schwangeren Frauen ihre Pausenzeiten nicht einhalten könnten, sei ein gutes Beispiel dafür. „Bei vielen Arbeitgebern kann ich noch nicht erkennen, dass sie sich wirklich des Potenzials bewusst sind, das ihnen verloren geht, wenn es nicht endlich ernsthafte Fortschritte beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf gibt.“ Dies gelte im Übrigen sowohl im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern, aber auch für die Vereinbarkeit der beruflichen Verpflichtungen mit der Pflege von älteren Angehörigen.

Den wirtschaftlichen Druck nicht beim Personal abladen

Obwohl der jungen Generation oft unterstellt wird, sehr freizeitorientiert zu sein, haben 43 Prozent der Umfrageteilnehmer eine Opt-out-Regelung unterschrieben und akzeptieren somit freiwillig eine Wochenarbeitszeit von mehr als 48 Stunden. So mancher Kollege sehe vielleicht gerade in der Zeit der Familiengründung in der Opt-out-Regelung eine Chance, etwas dazuzuverdienen, mutmaßt Krome. Viele beschäftigten sich aber wohl auch nicht ausreichend mit der Frage der Opt-out-Regelung – „das zeigen auch viele Beratungen junger Ärzte und Ärztinnen, die wir im Verband machen“. Andererseits würden viele junge Ärztinnen und Ärzte jedoch auch „sanft“ von ihrem Arbeitgeber gedrängt, eine solche Vereinbarung zu unterschreiben – „da gilt es, Aufklärung zu leisten“.

„Wir brauchen flexible und intelligente Arbeitszeitmodelle, die auf die unterschiedlichen Bedürfnisse Rücksicht nehmen“, schlussfolgert der HB-Vorsitzende Reinhardt aus der Umfrage. Vor allem jungen Frauen – inzwischen die Mehrheit beim ärztlichen Nachwuchs – müssten bessere Perspektiven für ihre ärztliche Laufbahn geboten werden. Reinhardt: „Letztendlich, und dieses Thema wird uns immer stärker beschäftigen, müssen wir vor allem darauf achten, dass der steigende wirtschaftliche Druck an den Kliniken nicht beim ärztlichen Personal abgeladen wird.“

Jens Flintrop

Viele Kliniken suchen Ärzte – eigentlich eine gute
Basis, um bessere Arbeitsbedingungen einzufordern
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Viele Kliniken suchen Ärzte – eigentlich eine gute Basis, um bessere Arbeitsbedingungen einzufordern
Ein Drittel der Befragten stufen ihre Bezahlung als
„gut“ oder sogar „sehr gut“ ein – ein beachtlich hoher
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Ein Drittel der Befragten stufen ihre Bezahlung als „gut“ oder sogar „sehr gut“ ein – ein beachtlich hoher Wert
Bevorzugt im Team: Dass man heutzutage auch in
der eigenen Praxis kein Einzelkämpfer mehr ist, wissen viele nicht.
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Bevorzugt im Team: Dass man heutzutage auch in der eigenen Praxis kein Einzelkämpfer mehr ist, wissen viele nicht.
Die gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht
weiterhin ganz oben auf der Prioritätenliste der jungen Ärztinnen und Ärzte.
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Die gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht weiterhin ganz oben auf der Prioritätenliste der jungen Ärztinnen und Ärzte.

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