POLITIK

Neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff: „Das Verfahren ist praktikabel“

Dtsch Arztebl 2015; 112(7): A-260 / B-226 / C-222

Osterloh, Falk

Die Pflegebedürftigkeit eines Menschen soll künftig besser ermittelt werden können. Erste Ergebnisse aus einem Feldtest legen nahe, dass das neue System funktioniert. Die Arbeit von Pflegekräften könnte sich dadurch deutlich verändern.

Zeit für soziale Betreuung: Künftig sollen sich Pflegekräfte auch Zeit dafür nehmen können, Pflegebedürftigen etwas vorzulesen. Foto: dpa

Vor ziemlich genau sechs Jahren hat der erste Pflegebeirat sein Gutachten vorgelegt. Um den Bedarf genauer abbilden zu können, solle es künftig fünf statt drei Pflegestufen geben, so der Rat der Experten. Der neue Pflegebegriff solle auch den Bedürfnissen Demenzkranker gerecht werden. Man müsse wegkommen von der Minutenpflege. Und es solle nicht mehr allein um Hilfe beim Waschen, Anziehen oder Kämmen gehen.

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Selbstständigkeit ermitteln

Die Ideen des Beirats fanden Beifall allerorten. Da eine Erneuerung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs jedoch nicht zum Nulltarif zu haben sein würde – 3,7 Milliarden Euro pro Jahr prognostizierte der Beirat damals –, ließ die Politik die Ideen jahrelang brach liegen. Eine gesamte Legislaturperiode verstrich, in der es die schwarz-gelbe Koalition bei Lippenbekenntnissen beließ. Union und SPD wollen es nun besser machen. Um ein finanzielles Fundament dafür zu erhalten, haben sie im vergangenen Jahr mit dem ersten Pflegestärkungsgesetz den Beitrag zur Pflegeversicherung um 0,3 Prozentpunkte angehoben.

Und auch zur Anwendung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs in der Praxis liegen jetzt erste Ergebnisse vor. Seit April 2014 hat der Medizinische Dienst des GKV-Spitzenverbandes (MDS) mit Unterstützung der Hochschule für Gesundheit in Bochum das sogenannte neue Begutachtungsassessment (NBA) erprobt. Im Wesentlichen beinhaltet es einen neuen Fragenkatalog, mit dem die Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) die Pflegebedürftigkeit der Betroffenen zu ermitteln versuchen.

Neu ist dabei, dass es nicht mehr darum geht, was die Pflegebedürftigen nicht mehr können, sondern darum, was sie noch können. Der Grad der Selbstständigkeit soll dabei anhand von sechs festgelegten Kriterien bestimmt werden, denen jeweils ein fester Punktwert zugeordnet ist: Hilfen bei Alltagsverrichtungen, psychosoziale Unterstützung, nächtlicher Hilfebedarf, Präsenz am Tag, Unterstützung beim Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen und die Organisation der Hilfen. Auf einer Skala von 0 bis 100 ergibt sich in der Summe der individuelle Pflegegrad.

86 Gutachter des MDK haben das neue Begutachtungsassessment nun im Rahmen einer sogenannten Praktikabilitätsstudie getestet. Welche Erfahrungen haben sie gemacht? „Das Gesamtfazit ist: Der NBA ist praktikabel“, resümierte der Geschäftsführer des MDS, Dr. rer. oec. Peter Pick, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Von den Gutachtern kam die Rückmeldung, dass das neue Verfahren gut umsetzbar ist und besser geeignet, die Pflegebedürftigkeit eines Menschen zu erfassen, als das alte System.“ Das gelte besonders für demenzielle und gerontopsychiatrische Erkrankungen.

Keine umfassende Pflege

Für die Pflegekräfte wird die neue „umfassende Sicht auf den Pflegebedürftigen zu erheblichen Veränderungen“ in ihrer Arbeit führen, glaubt Pick. Das hängt mit weiteren Änderungen durch das erste Pflegestärkungsgesetz zusammen. Denn Pflegebedürftige können sich nun auch für sogenannte Betreuungs- oder Entlastungsleistungen entscheiden. „Das können Aktivitäten sein, die auch eine soziale Betreuung der Pflegebedürftigen umfassen wie Begleitung beim Spaziergang oder das Spielen eines Spieles“, erklärt Pick. Deshalb werde aber nicht mehr Arbeit auf die Pflegekräfte zukommen, sondern die Art der Arbeit werde sich ändern. Denn obwohl mehr Geld für die Pflegeleistungen zur Verfügung stehe, sei eine umfassende Pflege auch unter den neuen Bedingungen nicht voll aus der Pflegeversicherung finanzierbar.

Falk Osterloh

@5 Fragen an… Dr. Peter Pick: www.aerzteblatt.de/61740 oder über QR-Code

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