MEDIZINREPORT

Diagnostik von Demenzen: Frühe, spezifische Diagnostik durch Hausärzte ist möglich und sinnvoll

Dtsch Arztebl 2015; 112(8): A-332 / B-287 / C-283

Eichler, Tilly; Thyrian, Jochen René; Hoffmann, Wolfgang

Demenzen werden im Allgemeinen in der Primärversorgung zuerst erkannt. Daten einer interventionellen Studie weisen auf Optimierungsbedarf der Diagnostik hin.

Kernspin (Koronarschnitt) des Kopfes einer Patientin mit Alzheimer Demenz: Hippocampus und zerebraler Cortex sind atrophiert. Beim Hausarzt sind kognitive Tests die Methode der Wahl. Foto: mauritius images

Dem Welt-Alzheimer-Bericht von 2011 zufolge werden Demenzen in der Grundversorgung häufig nicht erkannt oder erst in einem fortgeschrittenen Erkrankungsstadium diagnostiziert (1). Selbst in hoch entwickelten Industrieländern erhalten lediglich 20 bis 50 Prozent der Menschen mit Demenz eine formelle Diagnose. Aufgrund unterschiedlicher Symptomatik, Prognose und therapeutischen Optionen fordern evidenzbasierte Leitlinien (2, 3) neben der syndromalen auch eine ätiologische Differenzialdiagnostik. Für Deutschland fehlen Primärdaten aus dem allgemeinärztlichen Versorgungsbereich, sowohl zu Diagnoseraten als auch zur Differenzialdiagnostik der Demenz.

Die DelpHi-MV-Studie ist eine laufende bevölkerungsbasierte, cluster-randomisierte und kontrollierte Interventionsstudie im hausärztlichen Bereich zur Optimierung der ambulanten Versorgung von Patienten mit Demenz in Mecklenburg-Vorpommern. Ein wichtiges Ziel der Studie ist die Verbesserung der Frühdiagnostik der Demenz.

Um Studienteilnehmer für die Studie zu rekrutieren, werden zu Hause lebende Patienten ab 70 Jahren von teilnehmenden Hausarztpraxen mit dem kognitiven Test DemTect (4) auf Demenz gescreent. Vorläufige Analysen der aktuell noch andauernden Studie deuteten bei 17 Prozent der gescreenten Patienten auf eine Demenz hin (DemTect < 9). Es erklärten sich 59 Prozent der positiv auf Demenz gescreenten Patienten zur Teilnahme an der DelpHi-Studie bereit. Die vorliegende Analyse beruht auf Daten von 243 Studienteilnehmern. Die bestehenden formalen Demenzdiagnosen (ICD-10) inklusive des Datums der Diagnosestellung wurden aus der Patientenakte des behandelnden Hausarztes entnommen.

Bei 40 Prozent der positiv auf Demenz gescreenten Patienten war zu einem Zeitpunkt vor dem Screening eine formale Demenzdiagnose dokumentiert. Von diesen Patienten hatten 53 Prozent ausschließlich eine unspezifische Demenzdiagnose (F03). Die Diagnose vaskuläre Demenz (F011) war bei 24 Prozent der Patienten und die Diagnose Demenz bei Alzheimer-Krankheit (F00/G30) bei 19 Prozent gestellt worden.

Die Ergebnisse dieser Zwischenauswertung weisen darauf hin, dass in der primärärztlichen Versorgung Demenzen auch in Deutschland häufig nicht diagnostiziert werden. Die Diagnoseraten liegen im Bereich internationaler Vergleichsdaten. Der hohe Anteil an unspezifischen Demenzdiagnosen ist kritisch zu diskutieren, da erst eine ätiologische Differenzialdiagnostik eine optimale Behandlung und Versorgung der Menschen mit Demenz ermöglicht und zudem die Voraussetzung ist für die Identifikation und Therapie reversibler Ursachen der kognitiven Beeinträchtigungen wie zum Beispiel Depression oder Vitamin-B12-Mangel.

Dr. rer. med. Tilly Eichler

Dr. rer. med. Jochen René Thyrian

Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann

Die Autoren arbeiten am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Greifswald (Helmholtz-Gemeinschaft)

Originalarbeit: Eichler T, Thyrian J, Hertel J, et al.: Rates of formal diagnosis in people screened positive for dementia in primary care: Results of the DelpHi-trial. J Alzheimers Dis 014; 42: 451–8.
Open access: http://iospress.metapress.com/content/251w3851817u6661/fulltext.pdf?page=1

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0815
oder über QR-Code

1.
World Alzheimer Report 2011: The benefits of early diagnosis and intervention.
www.alz.co.uk/research/WorldAlzheimerReport2011.pdf
2.
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) und Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) (2009). S-3 Leitlinie „Demenzen“ www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/kurzversion-leitlinien/s3-leitlinie-demenz-lf.pdf
3.
Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e.V. (DEGAM) (2008). DEGAM-Leitlinie Nr. 12: Demenz. Düsseldorf: omikron publishing.
4.
Kalbe E, Kessler J, Calabrese P, et al.: DemTect: a new, sensitive cognitive screening test to support the diagnosis of mild cognitive impairment and early dementia. Int J Geriatr Psychiatry 2004; 19: 136–43. CrossRef MEDLINE
Frühe, spezifische Diagnostik durch Hausärzte ist möglich und sinnvoll
Kernspin (Koronarschnitt) des Kopfes einer Patientin mit Alzheimer Demenz: Hippocampus und zerebraler Cortex sind atrophiert. Beim Hausarzt sind kognitive Tests die Methode der Wahl. Foto: mauritius images
1.World Alzheimer Report 2011: The benefits of early diagnosis and intervention.
www.alz.co.uk/research/WorldAlzheimerReport2011.pdf
2.Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) und Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) (2009). S-3 Leitlinie „Demenzen“ www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/kurzversion-leitlinien/s3-leitlinie-demenz-lf.pdf
3.Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e.V. (DEGAM) (2008). DEGAM-Leitlinie Nr. 12: Demenz. Düsseldorf: omikron publishing.
4.Kalbe E, Kessler J, Calabrese P, et al.: DemTect: a new, sensitive cognitive screening test to support the diagnosis of mild cognitive impairment and early dementia. Int J Geriatr Psychiatry 2004; 19: 136–43. CrossRef MEDLINE

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