MEDIZINREPORT

Masern: Die Impflücken sind zu groß

Dtsch Arztebl 2015; 112(9): A-375 / B-322 / C-317

Grunert, Dustin

In Berlin ereignet sich momentan einer der größten Masernausbrüche der letzten Jahre. Für Infektiologen ist dies keine große Überraschung, denn der Impfschutz der Bevölkerung ist noch lange nicht ausreichend.

Masernviren (Paramyxoviren) unter dem Transmissions- Elektronenmikroskop. Foto: Hans R. Gelderblom, Freya Kaulbars. Kolorierung: Andrea Schnartendorff/RKI

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie 53 Staaten der europäischen Region hatten sich 2011 auf einer Konferenz in Bonn darauf verständigt, dass die Masern bis zum Jahr 2015 in jedem der Staaten eliminiert sein sollten. Ein großes Ziel: Es dürfte ab diesem Zeitpunkt keine andauernde Zirkulation einheimischer Masernviren mehr geben. Jeder neu aufgetretene Erkrankungsfall müsste importiert worden sein. Allerdings nur maximal ein Fall pro eine Million Einwohner und Jahr – in Deutschland demnach höchstens 80 Fälle.

Heute scheint das Ziel ferner zu sein als vor vier Jahren. Derzeit ereignet sich ein großer Masernausbruch in Berlin und in Teilen Ostdeutschlands. Insgesamt erkrankten allein in der Hauptstadt seit Oktober 574 Personen (Stand 23.2.) an der Virusinfektion, ein Kleinkind ist bereits verstorben. Zum Vergleich: 2011 waren es bundesweit 1 608 Erkrankungen, 2012 sogar nur 165.

Der derzeitige Ausbruch in Berlin hat sich anfangs vornehmlich unter Asylsuchenden aus Balkanstaaten verbreitet. Seit Februar 2014 findet ein weitläufiger Masernausbruch in Bosnien und Herzegowina statt. Der WHO wurden bis Juli 2014 bereits 2 204 Masernfälle gemeldet. „Dort sind im Zusammenhang mit den kriegerischen Auseinandersetzungen in den Neunzigerjahren die Impfprogramme zusammengebrochen“, erklärte der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO), Dr. med. Jan Leidel, dem Deutschen Ärzteblatt. „Wenn diese Menschen dann in einer Aufnahmestation zusammenkommen, erreicht man irgendwann eine kritische Masse, die einen solchen Ausbruch begünstigt.“

Doch mittlerweile ist der Ausbruch nicht nur auf Flüchtlinge beschränkt, sondern grassiert vor allem unter der übrigen Berliner Bevölkerung. Ende Januar waren es 57 Prozent der Erkrankten, mit steigender Tendenz. Wie kann es – trotz Impfempfehlung – zu einer derartigen Verbreitung des Virus kommen?

Um größere Ausbrüche zu verhindern und die Masern zu eliminieren, müssten mindestens 95 Prozent der Gesamtbevölkerung in allen Regionen des Landes die zweifache Impfung erhalten. Nur so könnte eine Herdenimmunität gewährleistet werden. Dabei würde die große Menge der Geimpften, die gegen das Virus immun sind, die Wenigen schützen, die nicht geimpft werden können. Die Impfquoten zu MMR (Mumps, Masern, Röteln) sind hierzulande aber noch unzureichend (Grafik), obwohl sie in den letzten Jahren stark verbessert werden konnten. Dies zeigen auch die bundesweiten Schuleingangsuntersuchungen, bei denen der Impfstatus erhoben wird: Hatten 1998 nur 15 Prozent der Kinder die zweifache MMR-Impfung erhalten, stieg der Anteil kontinuierlich auf 77 Prozent in 2005 bis hin zu 92,4 Prozent in 2012.

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Mit steigendem Alter sinkt die Zahl der mindestens einfach gegen Masern Geimpften. Die STIKO empfiehlt eine Impfung für alle, die nach 1970 geboren worden sind.

„Im Großen und Ganzen ist die MMR-Impfung der kleinen Kinder gut. Sie erfolgt aber leider häufig zu spät, oft erst mit drei, vier oder sogar fünf Jahren“, sagte Leidel. Nur ein Drittel der Kinder erhalte rechtzeitig die zweite Impfung. Die STIKO empfiehlt die erste Impfung nach dem ersten und die zweite vor Vollendung des zweiten Lebensjahres. In Ausnahmefällen könne auch bereits ab einem Alter von neun Monaten geimpft werden. Vorher sei eine Impfung nicht sinnvoll, da die Wirksamkeit durch das Vorhandensein mütterlicher Antikörper und durch die Unreife des kindlichen Immunsystems häufig stark vermindert sei.

Trotz der flächendeckend relativ hohen Rate an geimpften Kindern kann es dazu kommen, dass sich viele nicht Immunisierte an einem Ort sammeln. „Ein klassisches Setting, wo viele nicht Geimpfte zusammenkommen, sind Waldorfschulen“, erklärte Leidel. Dort kämen viele Kinder von Eltern zusammen, die der MMR-Impfung bis heute sehr skeptisch gegenüberstünden. Im Jahr 2013 kam es in einer solchen Schule in Erftstadt aus diesem Grund zu einem großen Ausbruch. 54 Personen erkrankten, drei mussten hospitalisiert werden. Während des Ausbruchs überprüften Mitarbeiter des Gesundheitsamtes den Impfstatus der Schüler, also den Impfpass oder den Nachweis einer bereits durchgemachten Masernerkrankung. Weniger als die Hälfte konnte einen Impfnachweis vorlegen. Gleichzeitig waren im gesamten Landkreis 94,2 Prozent der Kinder zweifach geimpft. Trotz einer Quote, die nah an den geforderten 95 Prozent liegt, kann es also doch zu größeren Ausbrüchen kommen.

Deshalb wird derzeit in der Großen Koalition offen über eine Impfpflicht in Kindergärten und Schulen nachgedacht. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) kritisierte Impfgegner scharf in der „Welt am Sonntag“ (22.2.): „Die irrationale Angstmacherei mancher Impfgegner ist verantwortungslos.“ Wer seinem Kind den Impfschutz verweigere, gefährde nicht nur das eigene Kind, sondern auch andere. „Das kann zu schweren Gesundheitsschäden führen“, so Gröhe.

Keine Hinweise auf besonders impfskeptisches Milieu

In Berlin ist der Fall jedoch etwas anders gelagert. Zwar begann der Ausbruch unter einer großen Anzahl von nichtgeimpften Flüchtlingen. Auch alle weiteren Erkrankungen, die auf den Virustyp D8 zurückzuführen sind, stammen daher. Es liegen bisher jedoch keine Hinweise dazu vor, dass sich die Erkrankung in der übrigen Berliner Bevölkerung vor allem unter Impfskeptikern verbreitet. „Das ist eher Ausdruck einer Großstadt, in der viele Menschen dicht aufeinander leben und in der sehr viele Nichtgeimpfte vorhanden sind“, erklärte Leidel. Unter den Berlinern sind vor allem Erwachsene erkrankt. Der Hauptanteil ist nach 1970 geboren und zwischen 18 und 43 Jahre alt.

In den 1970er Jahren wurde in Deutschland mit den Impfungen gegen Masern begonnen. Die STIKO empfiehlt eine MMR-Impfung seit 2010 für Personen ab dem Jahrgang 1970. Es ist davon auszugehen, dass die meisten Menschen, die früher geboren worden sind, bereits einmal mit den Masern infiziert waren. Es wird eine Impfung mit zwei Dosen empfohlen. Bis zum Jahr 1990 war jedoch nur eine Einmalgabe der Vakzine üblich. Daraus folgt: Jeder dieser einfach Geimpften müsste sich noch einmal immunisieren lassen.

Doch viele Erwachsene kennen ihren Impfstatus nicht. „Viele Menschen wissen zwar, wo der Impfausweis ihres Hundes oder ihrer Katze ist, nicht aber, wo der eigene liegt“, scherzte Leidel. Aus diesem Grund startete die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung 2012 die Kampagne „Deutschland sucht den Impfpass“. Die sogenannten Kinderkrankheiten wie die Masern werden nämlich zu häufig „auf die leichte Schulter“ genommen. Eine Ansteckung wird immer weniger als Bedrohung wahrgenommen.

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Es ist unverantwortlich, seine Kinder nicht zu impfen, weil...

„Der Erfolg des Impfens ist einer seiner größten Gegner“, meinte Leidel. In dem Maße, wie einst gefürchtete Krankheiten zurückgedrängt würden, verlieren sie ihren Schrecken. Demgegenüber steige unverhältnismäßig stark die Sorge über mögliche Nebenwirkungen der Impfung – obwohl die Gefährlichkeit des Masernvirus auch im derzeitigen Ausbruch in Berlin wieder klar aufgezeigt wird. Mehr als ein Viertel aller Erkrankten musste hospitalisiert werden. 89 Prozent der Infizierten gab an, nie gegen Masern geimpft worden zu sein.

Auch bei anderen Infektionskrankheiten gibt es größere Lücken. Der Keuchhusten nimmt an Häufigkeit zu und auch gegen Pneumokokken sind viele der über 60-Jährigen nicht geimpft.

Gutes Impfmanagement für eine gute Impfquote

Leidel sieht hier die Ärzte in der Pflicht. Pädiater seien es gewohnt, sich den Impfausweis vorlegen zu lassen. Bei Allgemein- und Hausärzten sei das jedoch nicht Standard. „Ich würde jedem Arzt empfehlen, dass er ein vernünftiges Impfmanagement in seiner Praxis betreibt“, fasst er zusammen. Dazu gehöre es auch, dass der Patient schon am Empfang darauf hingewiesen wird, beim nächsten Besuch seinen Impfausweis mitzubringen. Allein dieser Hinweis erleichtere es, fehlende Impfungen zu erkennen und nachzuholen.

„Man muss aktiv auf die Patienten zugehen“, erklärt Leidel und führt eine Umfrage zur Pneumokokken-Impfung an. Viele über 60- Jährige wären zur Impfung bereit gewesen, wenn man mit ihnen darüber gesprochen hätte. Selbst Skeptiker könne man teilweise schon in einem kurzen Gespräch vom Nutzen einer Impfung überzeugen.

Dustin Grunert

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Mit steigendem Alter sinkt die Zahl der mindestens einfach gegen Masern Geimpften. Die STIKO empfiehlt eine Impfung für alle, die nach 1970 geboren worden sind.

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