THEMEN DER ZEIT

Kasuistik: Einstellen einer künstlichen Ernährung bei schwerer Alzheimer-Demenz

Dtsch Arztebl 2015; 112(9): A-374 / B-321 / C-313

Der Sohn und Betreuer eines 83-jährigen Bewohners einer Altenpflegeeinrichtung bittet das Heim und den behandelnden Hausarzt, die künstliche Ernährung bei seinem Vater einzustellen.

Bei dem alten Mann wurde vor vier Jahren eine Alzheimer-Demenz diagnostiziert. Vor etwa einem Jahr erlitt er einen schweren Schlaganfall und ist seither nicht mehr ansprechbar. Er starrt vor sich hin, reagiert aber auf Schmerzempfinden. Den Wunsch nach Beendigung der künstlichen Ernährung begründet der Sohn damit, dass sein Vater zeitlebens sehr auf Selbstständigkeit bedacht war und nie jemandem zur Last fallen wollte. Er habe als Betreuer seines Vaters dem Legen der Magensonde vor einem Jahr nur deshalb zugestimmt, weil unmittelbar nach dem Schlaganfall noch Hoffnung auf Besserung bestand. Diese Hoffnung habe sich nicht erfüllt, weshalb er es nun als seine Pflicht ansehe, dem Willen seines Vaters Geltung zu verschaffen. Seine Mutter und sein Bruder würden dies genauso einschätzen. Eine Patientenverfügung gibt es nicht.

Anzeige

Heimleitung und Hausarzt reagieren ablehnend auf den Wunsch des Sohnes: Die Heimleiterin kann nicht verstehen, warum der Wunsch nach Einstellen der Ernährung gerade jetzt geäußert wird. Der Zustand des Vaters sei doch seit Monaten stabil. Ein Einstellen der Ernährung zum jetzigen Zeitpunkt wäre deshalb den Pflegenden weder vermittel- noch zumutbar. Der Hausarzt kann den Wunsch des Sohnes zwar nachvollziehen, hält ein Einstellen der Ernährung zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch für rechtlich nicht zulässig, da der Patient nicht sterbend ist.

Fragestellung

Für den behandelnden Hausarzt stellt sich die Frage, ob er zum jetzigen Zeitpunkt den mutmaßlichen Patientenwillen gemäß Maßgabe des als Betreuer eingesetzten Sohnes des Patienten entgegen der Einschätzung der Pflegeheimleitung durchsetzen darf, obwohl sich der Patient noch nicht im Sterbeprozess befinde.

Kommentar aus medizinethischer und medizinrecht- licher Sicht

Patienten mit einer schweren Demenz haben, wie alle Patienten, ein Recht auf Behandlung, Pflege und Zuwendung. Art und Ausmaß ihrer Behandlung sind gemäß der medizinischen Indikation vom Arzt zu verantworten. Medizinische Maßnahmen sind mit dem Patientenvertreter zu besprechen. Dabei ist der zuvor geäußerte oder der mutmaßliche Wille des Patienten zu achten. Einmal eingeleitete medizinische Maßnahmen sind regelmäßig daraufhin zu überprüfen, ob sie weiterhin indiziert sind und noch dem Patientenwillen entsprechen. Andernfalls sind sie einzustellen. Das gilt auch dann, wenn sich der Patient noch nicht im Sterbeprozess befindet.

Im vorliegenden Fall hat der behandelnde Hausarzt daher die Indikation der künstlichen Ernährung regelmäßig zu überprüfen. Die Sondenernährung eines Demenzpatienten bedarf einer besonders sorgfältigen Stellung der Indikation in Abhängigkeit vom individuellen Krankheitsstadium. Durchaus positive Effekte sind zu erwarten bei noch gutem Allgemeinzustand und bei erhaltener Mobilität. Bei terminaler Demenz dagegen ist eine Lebensverlängerung, eine Reduktion von Komplikationen oder eine Besserung der Lebensqualität nicht belegt. Deutsche und europäische Leitlinien zur Ernährung von geriatrischen Patienten empfehlen bei Patienten mit schwerer Demenz keine Sondenernährung.

Falls der Arzt die Indikation für die weitere Sondenernährung bejaht, muss der Sohn und Betreuer den mutmaßlichen Willen des Patienten feststellen und dabei die anderen Angehörigen und nahestehenden Personen einbeziehen. Sind sich diese – wie hier – einig über den mutmaßlichen Patientenwillen und gibt es keine gegenteiligen Anhaltspunkte, muss der Arzt dem Patientenwillen Folge leisten und die künstliche Ernährung beenden. Dazu sind auch das Pflegeheim und sein Personal verpflichtet.

Expertenteam: Erik Bodendieck, Dr. med. Stefan Krok, Prof. Dr. jur. Volker Lipp, Prof. Dr. med. Friedemann Nauck, Prof. Dr. phil. Alfred Simon, Dr. med. Martina Wenker

Umgang mit Sterben

Unter www.aerzteblatt.de/umgangmitsterben hat das Deutsche Ärzteblatt ein Glossar der wichtigsten Begriffe sowie weitere Beiträge zum Thema „Umgang mit Sterben“ zusammengestellt. Die Seite wird sukzessive um die Beiträge der Serie mit palliativmedizinischen Kasuistiken ergänzt.

1.
Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM): Demenz – Langfassung. 1. Auflage. Stand 2008. www.degam.de/leitlinien-51.html (zuletzt geprüft: 09.02.2015).
2.
Lipp V, Brauer D, Behandlungsgrenzen und „Futility“ aus rechtlicher Sicht, Zeitschrift für Palliativmedizin 2013; 14(03): 121–6. CrossRef
1.Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM): Demenz – Langfassung. 1. Auflage. Stand 2008. www.degam.de/leitlinien-51.html (zuletzt geprüft: 09.02.2015).
2.Lipp V, Brauer D, Behandlungsgrenzen und „Futility“ aus rechtlicher Sicht, Zeitschrift für Palliativmedizin 2013; 14(03): 121–6. CrossRef

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

ruheständler
am Donnerstag, 26. Februar 2015, 21:17

Kasuistik: Einstellen einer künstlichen Ernährung bei schwerer Alzheimer-Demenz Dtsch Arztebl 2015; 112(9): A-374 / B-321 / C-313

Der in der gegenwärtigen Diskussion wichtige Artikel zu einer Kasuistik lässt leider im Kommentar die gar nicht so seltene Konstellation völlig außer Acht, dass der Hausarzt bei der ihm aufgetragenen regelmäßigen Überprüfung der Indikation der künstlichen Ernährung eines Patienten mit terminaler Demenz entsprechend der deutschen und europäischen Leitlinien zur Ernährung von geriatrischen Patienten auch zu dem Ergebnis kommen kann, dass eben eine Weiterführung nicht angezeigt ist. Wenn sich dann die Angehörigen oder Betreuer einer folgerichtigen Beendigung der Sondennahrung entgegenstellen (aus welchen Gründen auch immer), wäre für diesen Fall schon die Meinung des Expertenteams interessant und für den Hausarzt auch hilfreich.
Dr.med.Gert Hoyer, Weida