POLITIK

Weiterbildung zum Facharzt: Mehr Zeit in der Praxis, besser finanziert

Dtsch Arztebl 2015; 112(10): A-394 / B-342 / C-334

Korzilius, Heike

Für den ärztlichen Nachwuchs soll es einfacher werden, einen Teil der Weiterbildung in den Praxen niedergelassener Ärzte zu absolvieren. Dafür müssen die Gehälter denen im Krankenhaus angeglichen werden, fordern Kassenärztliche Bundesvereinigung und Bundesärztekammer.

Ein gemeinsames Konzept zur ambulanten Weiterbildung wollen BÄK und KBV dem diesjährigen Deutschen Ärztetag vorlegen. Das kündigten Max Kaplan (links) und Regina Feldmann an. Foto: Lisa Große

Deutschland steuert auf einen Ärztemangel zu: In absehbarer Zeit wird es vor allem in ländlichen und strukturschwachen Regionen zu wenige Hausärzte und grundversorgende Fachärzte, wie Augen- oder HNO-Ärzte, geben. Um den ärztlichen Nachwuchs für diese Fachgebiete, aber auch für eine Niederlassung in eigener Praxis zu begeistern, sollen die Möglichkeiten ausgebaut werden, einen Teil der Weiterbildung zum Facharzt im ambulanten Bereich abzuleisten.

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Voraussetzung dafür ist jedoch eine angemessene Finanzierung der Weiterbildungsstellen. Das ist nach Analysen von Bundesärztekammer (BÄK) und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) die Ausgangslage. Zur Diskussion über Modelle der Förderung und Finanzierung ambulanter Aus- und Weiterbildung hatten beide Organisationen am 24. Februar zu einer Tagung nach Berlin geladen. Denn über den besten Weg zur Problemlösung gibt es auch bei BÄK und KBV „unterschiedliche Vorstellungen“, wie BÄK-Vizepräsident, Dr. med. Max Kaplan, erklärte.

Er betonte jedoch zugleich, dass die BÄK sich vehement für eine Stärkung der ambulanten Weiterbildung im Rahmen der anstehenden Novellierung der (Muster-)Weiterbildungsordnung einsetze. Dabei sollten künftig Tätigkeiten, die vorrangig im ambulanten Sektor vorgehalten würden, spezifisch abgebildet werden. Außerdem sei geplant, dass Weiterbildungsverbünde voll umfängliche Weiterbildungsbefugnisse erhalten. So könne eine sektorenübergreifende Weiterbildung ohne Unterbrechung sichergestellt werden, sagte Kaplan.

Der Ausbau der ambulanten Weiterbildung scheitert zurzeit in erster Linie an den unterschiedlichen Finanzierungen in Praxen und Krankenhäusern. Während in den Kliniken die Kosten für die Tarifgehälter der Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung in die Fallpauschalen einkalkuliert sind, können niedergelassene Ärzte, die einen Weiterbildungsassistenten einstellen, ihr Honorarvolumen nicht derart ausweiten, dass sich die Stelle refinanziert. Die KBV plädiert deshalb für eine Stiftung, um die ambulante Weiterbildung für alle Fachgruppen zu finanzieren. „Schluss mit der sektoralen Ungleichbehandlung bei der Vergütung von Ärzten in Weiterbildung“, forderte KBV-Vorstand Dipl.-Med. Regina Feldmann. „Wir brauchen in beiden Bereichen eine eigene Finanzierungsgrundlage.“

Die Idee der Stiftung ist angelehnt an Vorbilder in anderen europäischen Ländern, erläuterte KBV-Referent Dr. Branko Trebar das Modell. In Trägerschaft von KBV, BÄK, gesetzlicher und privater Krankenversicherung sowie der Deutschen Krankenhausgesellschaft soll sie die Gehälter der Ärzte während ihres ambulanten Weiterbildungsabschnitts finanzieren und zugleich Infrastrukturmaßnahmen fördern: Verbundweiterbildungen, universitäre Kompetenzzentren und ambulante Weiterbildungsstätten. Kämen alle Fachgruppen in den Genuss einer Förderung, beliefen sich die Kosten auf 540 Millionen Euro jährlich, rechnete Trebar vor. Ein solches Modell entkoppele die Weiterbildung von der Finanzierung ärztlicher Leistungen.

Bartmann: „Der Arzt in Weiterbildung leistet Arbeit“

Genau das sieht die BÄK aber kritisch. Der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien, Dr. med. Franz Bartmann, räumte zwar ein, dass es Finanzierungslücken gebe. Er warnte aber vor einer „kompletten Trennfinanzierung“ der Weiterbildung, wie sie das Stiftungsmodell vorsieht. „Der Arzt in Weiterbildung leistet Arbeit“, betonte Bartmann. „Wir betreiben Weiterqualifikation im Beruf.“ In Deutschland ende die Ausbildung zum Arzt mit dem dritten Staatsexamen. „Das bedeutet: Mit der Approbation bin ich zur Heilkunde berechtigt“, sagte Bartmann. Eine Trennfinanzierung hielte er für fatal: „Dann dürften wir erst nach zwölf Jahren die Approbation ausstellen.“

Bartmann plädierte dafür, zunächst die Weiterbildungsordnung zu novellieren und danach über Finanzierungsmodelle zu diskutieren. Das Stiftungsmodell sei nicht die einzige Lösung. Man könne auch Leistungszuschläge im ambulanten Bereich und eine Neuberechnung der DRGs erwägen.

Feldmann: Anknüpfen an das jetzige Förderprogramm

Mit der Stiftungsidee knüpfe man an die guten Erfahrungen an, die man mit dem Förderprogramm Allgemeinmedizin gemacht habe, erklärte hingegen KBV-Vorstand Feldmann. Aufgelegt wurde das Förderprogramm 1999. Damals wurden im ambulanten Bereich zunächst 1 500, später 3 000 Stellen paritätisch von Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen mit 4 000 DM beziehungsweise 2 040 Euro monatlich bezuschusst.

Dadurch wollte man eine finanzielle Benachteiligung des hausärztlichen Nachwuchses verhindern. Denn angehende Allgemeinärzte müssen zwei Jahre der Weiterbildung in einer Hausarztpraxis verbringen. Die Förderkontingente wurden jedoch nie ausgeschöpft. Einen „Schub“, so Feldmann, bekam das Programm, als 2010 die Förderung auf 3 500 Euro monatlich angehoben und strukturelle Fördermaßnahmen etabliert wurden.

Dazu gehörten beispielsweise auf Landesebene eingerichtete Koordinierungsstellen, die für einen reibungslosen Ablauf der Weiterbildung und einen koordinierten Wechsel zwischen stationären und ambulanten Abschnitten sorgen sollten. Auf diese Weise habe man einen weiteren Rückgang der Abschlüsse in Allgemeinmedizin verhindern können, erklärte Feldmann.

Das Stiftungsmodell hat die KBV vor drei Jahren in die Diskussion eingebracht. Feldmann bedauerte, dass man einer Entscheidung noch nicht nähergekommen sei und auch die Politik die Idee nicht aufgreife. Der Entwurf des Versorgungsstärkungsgesetzes sieht lediglich vor, die Vergütung der Ärzte im Förderprogramm Allgemeinmedizin auf die im Krankenhaus übliche anzuheben und sie in voller Höhe auszuzahlen. Außerdem sollen statt 5 000 nun 7 000 Stellen finanziert werden. Der Vorstoß, fünf Prozent der Fördermittel für Infrastrukturmaßnahmen wie universitäre Kompetenzzentren, Mentorenprogramme und „Train the Trainer“-Angebote zu verwenden, scheiterte im Bundesrat.

Einer der Befürworter der Fünf-Prozent-Lösung ist der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach. Im Vergleich zur Stiftung sei das zwar nur die „kleine Lösung“. Es gehe aber darum, die Versorgung in der Fläche sicherzustellen und jetzt zu handeln. Denn es dauere im Durchschnitt 16 Jahre, bis ein Allgemeinarzt fertig aus- und weitergebildet sei. „Das System funktioniert nicht mit zehn Prozent Generalisten. Es ist auch nicht finanzierbar“, sagte Gerlach.

Derzeit werden von rund 10 000 Facharztanerkennungen jährlich lediglich 1 000 in Allgemeinmedizin ausgesprochen. Es gelte, durch einen verlässlichen finanziellen Rahmen die Weiterbildung in der Praxis attraktiver zu machen, sagte Feldmann. Im Zuge der „Ambulantisierung“ würden viele Leistungen, die früher nur am Krankenhaus erbracht wurden, dort kaum oder gar nicht mehr vorgenommen. Viele angehende Fachärzte wünschten sich deshalb größere und verbindlichere ambulante Abschnitte während der Weiterbildung.

Trotz unterschiedlicher Vorstellungen: Dem Deutschen Ärztetag wollen BÄK und KBV im Mai ein gemeinsames Konzept zur Förderung der ambulanten Weiterbildung vorlegen.

Heike Korzilius

AUSBILDUNG MAL ANDERS

Im Rahmen der Fachtagung von BÄK und KBV zu „Praxisorientierung in Aus- und Weiterbildung“ präsentierten mehrere Referenten Best-Practice-Beispiele ihrer Region:

  • So berichtete Prof. Dr. med. Markus Herrmann, Institut für Allgemeinmedizin der Universität Magdeburg, von einem Projekt zur Werbung für die landärztliche Tätigkeit: Zum Sommersemester 2014 wurde Medizinstudierenden das Thema „Landärztliche Medizin“ als Wahlfach angeboten. Kern des Projekts waren zwei Seminarwochenenden im Altmarkkreis, bei denen es in Referaten, Interviews und Diskussionen um Vor- und Nachteile des Arztseins auf dem Land ging. Dem Nachwuchs berichteten niedergelassene Ärztinnen und Ärzte aus der Region über ihre Erfahrungen. Hinzu kam ein Austausch mit Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und einer Bank zu finanziellen und rechtlichen Fragen einer Niederlassung.

„Alle Teilnehmer konnten sich am Ende sehr viel eher vorstellen, eine landärztliche Tätigkeit wahrzunehmen“, so Herrmann. Infos: www.aerzteblatt.de/15394

  • Ein Erfolg ist auch die Kampagne „Land.in.Sicht“, mit der Medizinstudierende zur Famulatur in ländliche Praxen gelockt werden. Das Projekt stellten die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) und die KV Bayerns auf die Beine. Die bvmd warb dafür, sich für praktische Erfahrungen und eine finanzielle Anerkennung aufs Land zu begeben, die KV motivierte Niedergelassene und wählte geeignete Praxen aus. Die Kampagne sei gut angekommen, berichteten Pascal Nohl-Deryk und Jonas Heismann, bvmd: Bereits in der ersten Runde, im Sommer 2014, kamen auf 35 Plätze in Bayern mehr als 100 Bewerbungen.

Fast 90 Prozent der Teilnehmer konnten sich danach vorstellen, in der gewählten Fachrichtung zu arbeiten, 96 Prozent halten eine Tätigkeit in der ambulanten Versorgung nun für denkbar. Zufrieden waren laut Nohl-Deryk und Heismann Studierende wie Ärzte. Die KBV prüft deshalb, das Angebot bundesweit auszudehnen: Sie will die administrativen Kosten übernehmen und es so allen KVen erleichtern, Famulaturen à la „Land.in.Sicht.“ anzubieten. Infos: www.aerzteblatt.de/nachrichten/58927

  • Arbeiten, wo Bedarf ist – darauf will die Abteilung für Allgemeinmedizin der Universität Marburg interessierte Medizinstudierende mit dem Schwerpunktcurriculum Primärversorgung vorbereiten. Teilnehmer vermittelt sie an erfahrene Allgemeinärztinnen und -ärzte, bei denen sie auch von Anfang an Patienten mitversorgen. „Der besondere Reiz besteht darin, breite Erfahrungen zu sammeln, Menschen in ihrem Kontext zu verstehen und dort zu arbeiten, wo junge Mediziner besonders gebraucht werden“, so die Uni-Info. Auch wissenschaftliches Arbeiten und Famulaturen im Ausland werden unterstützt.

„Es macht eine Menge Arbeit“, räumt Priv.-Doz. Dr. med. Stefan Bösner ein. Doch das Echo ist groß – übrigens auch in der Presse. Infos: www.uni-marburg.de/fb20/allgprmed/lehre/schwer.pdf. Filmbeitrag: www.rtl-hessen.de/video/7015/neue-aerzte-braucht-das-land. Rie

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