SPEKTRUM: Bücher
Politisch mißbraucht?
Dtsch Arztebl 1999; 96(17): A-1098 / B-932 / C-875


Psychiatrie in der DDR
Fundiert
Sonja Süß: Politisch mißbraucht? Psychiatrie und Staatssicherheit in der DDR, Ch. Links Verlag, Berlin, 1998,
776 Seiten, gebunden, 58 DM
Nach der Wende hatten Berichte in den Medien den dringlichen Verdacht erweckt, es habe auch in der DDR
einen systematischen politischen Mißbrauch der Psychiatrie gegeben. Jetzt liegt ein fundiertes Werk über die
Untersuchungen der letzten fünf Jahre zu diesem Thema vor. Die Autorin, zu DDR-Zeiten in der alternativen
Friedensbewegung engagiert, ist Psychiaterin. Sie war Mitglied zweier ostdeutscher
Untersuchungskommissionen zur Mißbrauchsfrage.
Die Ergebnisse der Kommission und der Auswertung der Stasi-Akten der Gauck-Behörde bilden die Grundlage
dieses Werkes. Zunächst wird die historische Entwicklung des Psychiatriemißbrauchs in der Sowjetunion
kursorisch wiedergegeben. Sonja Süß kommt wie die Kommission zu dem schlüssig belegten Ergebnis, daß es in
der früheren DDR keinen systematischen politischen Mißbrauch à la Sowjetunion gegeben hat. Der Ausdruck
"systematisch" enthält ein planmäßiges, auf klare Weisungen beruhendes Vorgehen. Hingegen gab es
systemimmanente, "obrigkeitsstaatliche Übergriffe", die Mißbrauchscharakter hatten. Hierfür bietet das Buch
manche Hinweise, die den klaren Kern der Aussage mit einer Grauzone umgeben: Ärzte wurden vom MfS als
Mitarbeiter (IM) angeworben, um Kollegen, Patienten oder andere auszuhorchen: dabei verletzten zwei Drittel
aller IM-Psychiater die ärztliche Schweigepflicht. Vor Staatsfestivitäten wurden "störende" psychisch Kranke
prophylaktisch zwangspsychiatrisiert, vereinzelt psychiatrische IM angehalten, Dissidenten in psychische Krisen
zu treiben. Diese Beispiele zeigen, daß es viele Möglichkeiten gibt, die Psychiatrie zu mißbrauchen. Wer sich ein
objektives Bild von dem Komplex "DDR und Psychiatrie" machen will, sollte das Buch lesen.
Helmut Bieber, Weßling
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