POLITIK

Informationsmanagement: Datenvielfalt und Komplexität nehmen zu

Dtsch Arztebl 2015; 112(14): A-610 / B-521 / C-509

Krüger-Brand, Heike E.

Die wachsende Bedeutung von Informationstechnologie für Gesundheitsversorgung und klinische Forschung stellt neue Anforderungen an die medizinische Dokumentation.

Fotolia massimo

Das Fachgebiet der medizinischen Dokumentation sieht sich vor großen Herausforderungen: Es durchlebt den Wandel von klassischen Dokumentationsaufgaben, etwa in klinischen Tumorregistern und Studien, hin zum Informationsmanagement in komplexen IT-gestützten Szenarien. Mobile Anwendungen, vernetzte und integrierte Systeme verändern die Datenerfassung, gleichzeitig steigt die verfügbare Datenmenge, vor allem durch genomische Analysen und Bildverarbeitung, rapide an. Zunehmend unterliegen Bereitstellung und Nutzung der Daten zudem Gesetzen und Regularien. Ein Beispiel dafür ist die Nutzung von Routinedaten für die klinische Forschung. Mit der wachsenden Komplexität steigen die Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit.

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„Das Thema Informationsmanagement in der Medizin ist zunehmend wichtig. Die Bedeutung und der Aufwand werden jedoch häufig unterschätzt“, betonte Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. habil. Jochen Bernauer, Hochschule Ulm, bei der 13. Fachtagung des Fachverbands für Dokumentation und Informationsmanagement in der Medizin e.V. in Ulm. Die neuen Anforderungen in Forschung und Versorgung haben laut Tagungspräsident Bernauer in der Ausbildung zu einer wachsenden Vielfalt und Spezialisierung geführt und gehen mit der Tendenz zur Akademisierung des Berufsfeldes einher. Das spiegele sich auch in den zahlreichen Bachelor- und Masterstudiengängen an Hochschulen und Universitäten für dieses Fachgebiet wider, so Bernauer.

Herausforderungen durch die personalisierte Medizin

Die Schwierigkeiten, die mit dem Informationsmanagement für die personalisierte Medizin verbunden sind, beschrieb Prof. Dr. med. Dr. med. habil. Klaus Kuhn, Technische Universität München. Bei der personalisierten Medizin gehe es darum, individuelle Unterschiede in den gesamten Prozess der Prävention, Diagnostik und Therapie einzubeziehen und dabei klinische, genetische, genomische und Umweltfaktoren zu berücksichtigen – ein „neues, umfassendes, molekularbiologisch fundiertes Verstehen von Krankheit“, so Kuhn.

Während die Verfügbarkeit genomischer Information bei immer geringeren Kosten drastisch zunehme, fehlten jedoch methodische Ansätze und mathematische Modelle, um die äußerst heterogenen Daten zu integrieren und zu interpretieren, sagte Kuhn. Drei Aufgaben sind ihm zufolge zu bewältigen: Es müssen zunächst entsprechende Infrastrukturen dafür aufgebaut werden, um neues Wissen zu gewinnen. Als ein Beispiel hierfür nannte Kuhn die derzeit im Aufbau befindliche Nationale Kohorte, Deutschlands größte prospektive Gesundheitsstudie mit 200 000 Probanden. Darüber hinaus müssten die neuen Erkenntnisse unter Einbezug regulatorischer und methodischer Aspekte evaluiert werden, um etwa ungesicherte Anwendungen zu vermeiden. Und schließlich seien die Ergebnisse in die klinische Praxis zu übertragen und zu klären: Welche dieser neuen Daten werden wie dokumentiert?

Weitere Herausforderungen stellen die Standardisierung von Daten und Metadaten sowie die Gewährleistung von Datenschutz und Datensicherheit dar. „Ich sammle, ich verwende, ich share – und ich habe heute viel zu wenig ein Bewusstsein von den Risiken“, betonte Kuhn. Es sei immer schwieriger, dabei die Sicherheit zu gewährleisten.

Ein Portal für medizinische Formulare, das die standardisierte Dokumentation in der Versorgung und in der Forschung unterstützen soll, stellte Prof. Dr. med. Martin Dugas, Universität Münster, vor. „Ein Viertel bis ein Drittel ärztlicher Arbeitszeit hat mit Dokumentation zu tun“, erklärte der Medizininformatiker. So sind elektronische Patientenakten sehr unterschiedlich und umfassen laut Dugas typischerweise im Krankenhaus mehr als hundert Formulare, die sich zudem häufig verändern. Auch nimmt der Umfang bei klinischen Studienprotokollen zu: Während vor zehn Jahren im Durchschnitt pro Patient 55 Seiten auszufüllen waren, sind es Studien zufolge heute 180 Seiten.

Hinzu kommt: Medizinische Datenmodelle sind häufig heterogen, und die den Studien zugrunde liegenden (leeren) Formulare sind zudem geheim: „99 Prozent der medizinischen Formulare sowohl in der Routineversorgung wie auch in der Forschung sind nicht für die Scientific Community zugänglich“, kritisierte Dugas. „Es gibt astronomisch viele Formulare. Die Wahrscheinlichkeit, dass von diesen zwei Formulare kompatible Daten liefern, die ist Null.“ Daher seien eine Abstimmung und ein Austausch notwendig, damit man zu einer kompatiblen Dokumentation komme. Vor diesem Hintergrund ist an der Universität Münster ein öffentlich zugängliches Internetportal für medizinische Formulare entstanden (http://medizinische-formulare.de). Es soll dazu beitragen, dass Formulare künftig schneller, besser und standardisiert entwickelt werden. „Copy-and-Paste ist gerade erwünscht“, betonte Dugas. Ziel sei es, von guten Dokumentationskonzepten zu lernen. Auch eine bessere Integration in die elektronische Patientenakte sei wichtig.

Derzeit sind mehr als 9 000 Formulare mit mehr als 300 000 Items im System hinterlegt. Diverse Suchfunktionen und Schlüsselwörter erleichtern die Orientierung. Die Formulare können in verschiedenen Formaten (wie Excel, ODM, PDF, CDA) heruntergeladen werden. Nutzer können eigene Formulare hochladen, Formulare online diskutieren und demnächst auch bewerten. Außerdem sind die Formulare mehrspachig hinterlegt.

Das Portal unterstützt eine neue Art von Dokumenationsanalyse, führte Dugas an zwei Beispielen aus der Onkologie aus. So habe man die Dokumentation beim Mamma- und beim Protstatakarzinom an den Unikliniken Münster und Erlangen ausgewertet. Der Vergleich ergab 57 relevante Formulare zur Anamnese, Diagnostik und Therapie. Beim Prostatakarzinom wurden je Patient 1 000 Datenelemente, beim Mammakarzinom 1 200 Datenlemente identifiziert. Bestimmte Datenlemente waren auf bis zu 16 Formularen enthalten. „Die hätte man in der Routine bis zu 16 Mal in den Formularen eingeben müssen“, erläuterte Dugas. Das häufigste Item war das Erstdiagnosedatum, gefolgt vom ICD-Kode.

Sein Fazit: „Dokumentation ist wichtig, sehr kompliziert und im klinischen und Forschungskontext extrem verbesserungswürdig.“ In diesem Zusammenhang verwies er auf das kürzlich publizierte Memorandum „Open Metadata“* zur Weiterentwicklung der Dokumentation. Weit oben steht ihm zufolge dabei die Forderung nach mehr Transparenz darüber, wie an den einzelnen Standorten die verschiedenen Krankheiten dokumentiert werden, damit man überhaupt diskutieren könne, was das beste Verfahren sei. „Hierfür ist ein freier Zugang zu den Formularen erforderlich“, erklärte Dugas.

In welchen Bereichen und Prozessen lassen sich mobile Devices in der klinischen Dokumentation effizienzsteigernd verwenden? Mit dieser Frage beschäftigte sich Markus Stein, Ethianum Heidelberg. Beispiel mobile Visite: Braucht der Arzt tatsächlich ein Tablet am Krankenbett? Nein, meinte Stein. „Beim Patienten sucht der Arzt vorrangig das direkte Gespräch.“ Allenfalls sei der Einsatz beim Aufklärungsgespräch sinnvoll, etwa präoperativ, um den Patienten anhand von Bildern den OP-Verlauf zu erläutern. Anders sei die Sitation für die Pflegekräfte: Diese könnten beispielsweise durch eine Anforderungs-App (Auswählen: kleines Blutbild, Röntgen der Lunge, Konsil Neurologie et cetera) während der Visite bei der Aufnahme ärztlicher Anordnungen am Krankenbett effizient unterstützt werden. Im Hintergrund könnten die Anforderungen bereits automatisiert im KIS angelegt werden, so dass die Pflegekraft später am stationären Arbeitsplatz die Angaben nur noch komplettieren müsste und das normals Order-Entry-Verfahren starten könnte. „Das wäre in der Tat ein Effizienzgewinn, weil im Hintergrund die richtigen Anforderungen bereits angelegt werden, ohne dass Zwischenmedien wie Papier erforderlich sind“, erläuterte Stein.

Ein weiteres Beispiel ist die Vitaldatenerfassung auf Normalstation, die tägliche Messung etwa von Puls, Temperatur, Blutdruck. Da die Messgeräte oft bereits digital sind, könnte durch eine automatische Übertragung per Bluetooth-Kommunikation auf das Tablet oder Smartphone die Zwischendokumentation auf Papier und das fehlerträchtige manuelle Übertragen am stationären Arbeitsplatz ins Krankenhausinformationssystem (KIS) entfallen. „Allein die Zwischendokumentation macht etwa ein Drittel einer Vollzeitkraft auf Normalstation im Jahr aus“, berichtete Stein. Durch die automatisierte Übertragung ins KIS stehen die Daten zudem anschließend allen Berechtigten unmittelbar zur Verfügung.

Heike E. Krüger-Brand

* www.egms.de/static/de/journals/mibe/2014–10/mibe000150.shtml

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