SPEKTRUM: Bücher
Lehrbuch der Psychotraumatologie
Dtsch Arztebl 1999; 96(17): A-1100 / B-934 / C-877


Psychotraumatologie
Junge Disziplin
Gottfried Fischer, Peter Riedesser: Lehrbuch der Psychotraumatologie. UTB für Wissenschaft, Ernst Reinhardt
Verlag, München, Basel, 1998, 383 Seiten, 17 Abbildungen, 20 Tabellen, gebunden, 78 DM
Die Psychotraumatologie beschäftigt sich mit der "Erforschung seelischer Verletzungen in
Entstehungsbedingungen, aktuellem Verlauf sowie ihren unmittelbaren und Langzeitfolgen" (Zitat Seite 348).
In den psychotherapeutischen Universitätsinstituten von Hamburg und Köln widmet man sich der Forschung auf
diesem neuen Wissensgebiet, das als eigenständiges Fach etabliert werden soll.
Der allgemeine Teil des Lehrbuches befaßt sich hauptsächlich mit einem Verlaufsmodell der psychischen
Traumatisierung, ausgehend von der auslösenden Situation über die Reaktion bis zum traumatischen
Prozeßgeschehen.
Differentielle Psychotraumatologie meint einerseits die Zusammenstellung einer Typologie der Traumata, zum
anderen aber auch die subjektiven Dispositionen, Abwehr- und Coping-Stile, direkte und mittelbare (Langzeit)Folgen. Wesentliches Interesse beansprucht dabei die These der beiden Autoren, daß ein beträchtlicher Anteil
von depressiven Erkrankungen und von Borderline-Störungen auf unbewältigte Versuche zur
Traumaverarbeitung zurückgehen dürften. Bei der Traumatherapie wird ein integrativer psychodynamischbehavioraler Ansatz vorgestellt.
Im speziellen Teil werden die Themen Holocaust, Folter und Exil, Kindheitstrauma, Vergewaltigung und
Gewaltkriminalität näher erörtert, letzteres angereichert mit einer Darstellung von Forschungsergebnissen aus
dem Kölner Opferhilfe Modellprojekt. Etwas zu kurz geraten angesichts ihrer immensen Bedeutung scheinen
dagegen die abschließenden Kapitel über traumatische Faktoren bei Arbeitslosigkeit, bei lebensbedrohlichen
Erkrankungen und beim Mobbing.
27 zum Teil sehr ausführliche Kasuistiken und ein Glossar mit 116 Fachtermini runden ein Lehrbuch ab, das
ohne Übertreibung als das Standardwerk einer jungen Disziplin bezeichnet werden kann.
Wolfgang Schweizer, Neuenmarkt
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