

Die Bereitschaft von Ärzten, sich in der humanitären Hilfe zu
engagieren, wächst. Bei der Vielzahl von Hilfsorganisationen
ist das "Wie und Wo" häufig ein Problem.
Mehr und mehr Ärzte in Deutschland sind daran interessiert, mit einer Nothilfeorganisation oder einer
Organisation der Entwicklungszusammenarbeit in Ländern der "dritten Welt" zu arbeiten. Sie stehen vor vielen
Fragen: Welche Einsatzmöglichkeiten und Hilfsorganisationen gibt es? Welche Anforderungen werden gestellt?
Oder grundsätzlich: Was ist humanitäre Hilfe? Sie ist als zeitlich begrenzte, reaktive Einmischung in die inneren
Angelegenheiten eines Staates gedacht, um akute Not zu lindern.
Bei der Bewältigung natürlicher Katastrophen kann die Illusion aufrechterhalten werden, humanitäre Hilfe
bewege sich im politischen Niemandsland der Barmherzigkeit. Bei politisch-militärischen Krisen muß sie auch
während bewaffneter Auseinandersetzungen geleistet werden, noch bevor politische Lösungen gefunden sind.
Der Autor Horand Knaup ("Hilfe, die Helfer kommen") vertritt die These, humanitäre Hilfe lasse sich von der
Politik instrumentalisieren und als Deckmäntelchen für deren Versagen mißbrauchen, sie ergreife Partei, anstatt
neutral zu sein, stütze bestehende Machtsysteme, verlängere Kriege und zerstöre gewachsene Strukturen.
Wer im Rahmen eines medizinischen Hilfseinsatzes tätig werden will, muß sich mit den Möglichkeiten und
Grenzen der Hilfsprojekte und der eigenen Persönlichkeit auseinandersetzen. Viele Ärzte wollen eine Medizin
ausüben, die den Menschen in den Vordergrund stellt. Eine Medizin, in der die fünf Sinne noch ihren Wert
haben und in der mit einfachen technischen Mitteln gezielt diagnostiziert und behandelt wird. Sie möchten dort
helfen, wo sie am nötigsten gebraucht werden, zum Ausgleich der Ungerechtigkeiten zwischen Nord und Süd
beitragen, Hilfe zur Selbsthilfe geben oder mit ihren Kenntnissen zum Strukturaufbau beitragen.
Abenteuerlust und Fernweh sowie die Herausforderung, sich unter schwierigen Bedingungen zu bewähren, sind
tiefgründende Antriebe. Manche sind auch einer langjährigen Routine überdrüssig und möchten noch einmal
beruflich "etwas erleben". Die Flucht vor persönlichen Problemen, zunehmend auch Arbeitslosigkeit, sind
weitere Motive.
Tragfähige Motive
Entscheidend für das Gelingen einer Auslandstätigkeit sind die individuelle Belastbarkeit und die Tragfähigkeit
der Motivation. Sie müssen über Mißerfolge, Enttäuschungen und Heimweh hinweghelfen. Die beste
Voraussetzung bietet eine gesunde Mischung der Motive.
Nothilfeeinsätze in der humanitären Hilfe erfordern eine ärztliche Tätigkeit in Krisengebieten, in denen
Menschen durch Kriege, Naturkatastrophen oder den Zusammenbruch von Gesellschaftsstrukturen akut in Not
geraten sind. Wichtig ist dort schnelle personelle und materielle Hilfe, um zerstörte Versorgungsstrukturen
wieder aufzubauen. Die Arbeit liegt überwiegend im medizinischen und sozialen Bereich unter Einbeziehung
von lokalen Strukturen und Personal.
Die langfristigen Projekte der Entwicklungszusammenarbeit knüpfen an, wo Not- und Katastrophenhilfe enden -
die Übergänge sind fließend. Basisgesundheitsdienste zur Verbesserung der Strukturen im Gesundheitswesen
werden unterstützt und aufgebaut. Neben der Behandlung akuter Krankheiten geht es unter anderem um
Prävention, Gesundheitsaufklärung, Verbesserung von Hygiene, Ernährung und Unterkünften. Qualifiziertes
Personal wird lehrend und beratend zur Unterstützung einheimischer Programme entsendet.
Die verschiedenen Hilfsorganisationen bieten je nach Einsatzwunsch und Qualifikation unterschiedliche
Arbeitsplätze an. Der Arzt sollte sich also entscheiden, in welchem Bereich, Nothilfe oder
Entwicklungszusammenarbeit, und in welcher Funktion er tätig werden möchte: als medizinisch tätiger Arzt,
Berater, Gutachter oder medizinischer Koordinator.
Das Grundanforderungsprofil aller Organisationen ist eine mehrjährige, mindestens zweijährige
Berufserfahrung, eine Facharztweiterbildung ist empfehlenswert. Hilfreich sind Erfahrungen in Chirurgie,
Geburtshilfe und Gynäkologie. Gerade in den Langzeitprogrammen sollte der Arzt in der Lage sein, selbständig
einen Kaiserschnitt, eine abdominale Hysterektomie oder eine Appendektomie durchzuführen, da er oft als
einziger Arzt einen Distrikt versorgt. Gute internistische und pädiatrische Kenntnisse sind von Vorteil. Diese
hohen Anforderungen sollten nicht abschrecken. Im Rahmen verschiedener Programme werden auch
Ophthalmologen, Orthopäden, Zahnärzte oder Psychiater benötigt.
Fachwissen vermitteln
Interessierten Ärzten sollte bewußt sein, daß sie überwiegend einheimischen Ärzten und Pflegepersonal
Fachwissen vermitteln sollen. Dazu reicht ein abgeschlossenes AiP oft nicht aus. Weitere Voraussetzung ist, daß
man zumindest Englisch oder Französisch spricht. Tropenmedizinische Erfahrungen sind wünschenswert.
Verschiedene Organisationen verlangen Kenntnisse etwa in Public Health oder Auslandserfahrung.
Neben dem fachlichen Wissen sind auch menschliche Fähigkeiten gefordert: Teamfähigkeit, gute physische und
psychische Konstitution, Organisationstalent, hohe Belastbarkeit, Einfühlungsvermögen, Aufgeschlossenheit und
Respekt gegenüber fremden Kulturen sowie Anpassungsfähigkeit an schwierige Situationen.
Den ersten Kontakt zu einer Hilfsorganisation knüpft der Arzt meist durch ein persönliches Gespräch oder eine
schriftliche Bewerbung mit kurzem Lebenslauf. Die Hilfsorganisationen klären dann, ob er sich für eine
Entsendung eignet. Er wird in die Personaldatei aufgenommen und intern auf einen möglichen Einsatz
vorbereitet. Bei Bedarf wird ein Arzt aus der Personaldatei ausgewählt und, sofern verfügbar, ins Ausland
entsandt. Diese Vorgehensweise erfolgt in der Regel für Kurzzeiteinsätze.
Bei Langzeitprojekten werden die Ärzte gezielt auf das Partnerland vorbereitet. Diese zwei- bis dreimonatige
Vorbereitung beinhaltet Landeskunde, einen Sprachkurs, die Vorbereitung auf den Arbeitsplatz sowie den Kurs
"Medizin in Entwicklungsländern", der aus einem allgemeinen Teil und einem Teil über Tropenkrankheiten
besteht.
Jeder an einem Auslandseinsatz interessierte Arzt sollte frühzeitig eigene Vorbereitungen treffen. Eine
Teilnahme an Tropenkursen ist dringend zu empfehlen. Das international anerkannte Diplom der Tropenmedizin
oder der Tropenmedizin und Hygiene dauert 12 Wochen und wird in Europa von 23 Instituten angeboten.
Viele Universitäten bieten eine Weiterbildung zum "Master of Public Health" an. Die deutschen
Aufbaustudiengänge dauern meist zwei Jahre und können berufsbegleitend absolviert werden. International
dauert das Postgraduierten-Studium als Vollzeitstudium in der Regel ein Jahr. Diese Zusatzausbildung
qualifiziert für eine Evaluations-, Beratungs- oder Managementtätigkeit im Ausland. Ein einjähriges
Aufbaustudium "Humanitäre Hilfe" bietet die Ruhr-Universität in Bochum an.
Der Zeitrahmen eines Hilfseinsatzes ist abhängig von der Art des Projektes: Mit wenigen Ausnahmen läßt sich
sagen, daß die Einsätze bei Projekten der Entwicklungszusammenarbeit ein bis drei Jahre, die Einsätze im
Bereich der Nothilfe zwischen drei und 12 Monaten dauern.
Kurzzeiteinsätze erfolgen oft auf ehrenamtlicher Basis. Die Hilfsorganisationen übernehmen
Aufwandsentschädigungen, Reise- und Versicherungskosten sowie Kosten für Verpflegung und Unterkunft im
Partnerland. In Langzeitprogrammen erhält der Arzt in der Regel einen Arbeitsvertrag mit einer Vergütung in
Anlehnung an den Bundesangestelltentarif.
Für Auslandseinsätze am besten geeignet ist ein Allroundtalent: Besonnen, erfahren, für die speziellen
Erfordernisse ausgebildet, mit einem Schuß kalkulierter Risikobereitschaft und Abenteuerlust sowie mit einer
Portion Altruismus ausgestattet - und sofort einsatzbereit! Aber: Je komplexer das Anforderungsprofil, desto
älter der Kandidat, desto häufiger die Einbindung in Strukturen, familiäre Bande oder berufliche Zwänge, die
einem spontanen oder zeitlich unbegrenzten Einsatz entgegenstehen. Im konkreten Fall gehen die
Hilfsorganisationen deshalb meist pragmatisch vor.
Das Auslandsbüro der Ärztekammer Berlin unterhält eine Datenbank, die derzeit 1 500 Ärzte verzeichnet, die für
einen Auslandseinsatz zur Verfügung stehen. Künftig will sich das Büro verstärkt um eine Erleichterung solcher
Einsätze für Ärzte bemühen. Probleme bestehen bei der Freistellung, der Arbeitsplatzsicherung und der
Anrechenbarkeit auf die Weiterbildung. Im Rahmen eines Qualifizierungsmodells setzt sich das Büro für die
Entwicklung ein- bis zweiwöchiger Module ein, die auf die speziellen Probleme einer Arbeit im Ausland
vorbereiten sollen.
Adressenliste der Hilfsorganisationen und Informationen: Auslandsbüro der Ärztekammer Berlin, Flottenstraße
28-42, 13407 Berlin. Der 3. Kongreß "Theorie und Praxis der humanitären Hilfe" findet vom 15. bis 17.
Oktober in Berlin statt. Daniel Sagebiel
Einsatzbeispiele
1 Entwicklungszusammenarbeit in einem Basisgesundheitsdienst/Distriktkrankenhaus, Einsatzzeit ein bis drei
Jahre oder je nach Aufgabe
1 Management und Koordination von Flüchtlingslagern, Einsatzzeit drei bis 12 Monate
1 Einsätze in Krankenhäusern oder Einrichtungen in Katastrophengebieten, Einsatzzeit drei bis sechs Monate
1 Surgical Field Hospitals: chirurgische, orthopädische, traumatologische oder anästhesiologische Tätigkeit,
Einsatzzeit ab einem Monat, besser drei bis sechs Monate
1 Kurzzeiteinsätze in Katastrophengebieten, Einsatzzeit eine bis sechs Wochen
1 Beratung, Ausbildung und Training, Einsatzzeit Wochen oder Monate
1 Medizinische Koordination oder Gutachtertätigkeit in Hilfsprojekten, Einsatzzeit je nach Bedarf
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