THEMEN DER ZEIT

Alternde Bevölkerung: Einmal mehr – Vorbild Skandinavien

Dtsch Arztebl 2015; 112(19): A-862 / B-727 / C-703

Schmitt-Sausen, Nora

Der demografische Wandel bringt Gesundheitssysteme an ihre Grenzen. Die Skandinavier erproben innovative Ansätze, besonders weitsichtig sind die Finnen.

Mobil im Alter: Die Stadt Helsinki hat für ihre älteren Mitbürger einen „Bewegungsgarten“ eingerichtet. Foto: picture alliance

Demografischer Wandel und Urbanisierung: Nicht nur in Deutschland sorgen diese Schlagworte für Unruhe. Nahezu alle westlichen Industriestaaten trifft das Phänomen – die einen mehr, die anderen weniger.

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Zu denen, die überproportional betroffen sind, gehören die Länder Nordeuropas. Insbesondere Finnland und Schweden kämpfen trotz einer vergleichsweise hohen Geburtenrate mit einer Überalterung der Gesellschaften. Die Alterspyramide kehrt sich dort schneller um als hierzulande, der Babyboom setzte etwa zehn Jahre früher ein. Die Folge: Im Jahr 2030 werden nach offiziellen Schätzungen allein 26 Prozent der Finnen älter sein als 65 Jahre, heute sind es 18 Prozent. Noch dazu gehört Finnland mit weniger als 5,5 Millionen Einwohnern zu den am dünnsten besiedelten Ländern Europas – und ist dabei fast so groß wie Deutschland. Gerade in den ländlichen Gebieten im Norden des Landes leben nur wenige Menschen, und es sind meist Ältere; die Jungen zieht es in Metropolen wie Helsinki. Da die skandinavischen Gesundheits- und Sozialsysteme aus Steuergeldern finanziert und staatlich organisiert werden ist sicher: Die demografischen Entwicklungen werden die finanziellen Grundlagen der skandinavischen sozialen Sicherungssysteme stark belasten.

Die Gemeinden sind am Zug

Die Finnen haben bereits seit geraumer Zeit erkannt, dass sie handeln müssen – und gelten heute in der EU als Vorbild im Umgang mit dem demografischen Wandel. Eine zentrale Rolle kommt dabei den Gemeinden zu, die im finnischen System verantwortlich für alle grundsätzlichen Fragen sind, die Gesundheit und Soziales betreffen. Per Gesetz pocht die finnische Zentralregierung darauf, dass die Gemeinden die Lebenssituation ihrer Senioren laufend überprüfen und Angebote zur Verfügung stellen, um Gesundheit und Wohlbefinden der Alten zu stärken. Zentrale Stichworte sind dabei Prävention, frühes Eingreifen, gut ausgebildetes Pflegepersonal, Bewertungssysteme und die Definition von Versorgungsstandards. Übergeordnetes Ziel ist eine bestmögliche, ambulante Versorgung, denn die Finnen bleiben traditionell so lange zu Hause, wie nur möglich und werden vom staatlichen Pflegedienst betreut. Das intensive Bemühen um die Senioren bezeichnet die OECD als vorbildlich. Sie urteilt: „Finnland ist eines der wenigen OECD-Länder, das einen nationalen Qualitätsrahmen für die Versorgung älterer Menschen hat.“

Der andere Essenslieferant: Die digital vernetzte, sprechende Gefrierschrank-Heizofen-Kombination versorgt finnische Senioren zu Hause mit Mahlzeiten. Foto: Menumat

Selbstständigkeit wahren

Nicht nur der Staat, sondern auch nicht-staatliche Akteure und die Wirtschaft nehmen sich inzwischen verstärkt dem Problem der Überalterung an. Aus Finnland stammen innovative Ansätze, um die Selbstständigkeit von Senioren zu wahren und ihnen das Leben im Alter zu erleichtern. Finnische Unternehmen bringen Entwicklungen wie Medikamentenerinnerungshilfen oder Nachtlichter mit Bewegungsmelder auf den Markt. Sie konzipieren komplexe Lösungen, wie beispielsweise den elektronisch gesteuerten Mahlzeitenlieferanten Menumat. Die digital vernetzte, sprechende Gefrierschrank-Heizofen-Kombination versorgt finnische Senioren daheim mit Essen. 18 fertig zubereitete, tiefgefrorene Mahlzeiten hält der Kochroboter bereit. Wenn sie aufgebraucht sind, bringt ein Lieferwagen Nachschub. Bereits 1 500 finnische Senioren greifen täglich auf diesen Service zurück.

Auch beim hochsensiblen Thema Arbeitsmarktpolitik preschen die Finnen voran, weil sie erkannt haben, dass Handeln unausweichlich ist: Dem Land gehen schlicht die Arbeitnehmer aus. Schätzungen zufolge wird im Jahr 2025 der Anteil der finnischen Rentner zu der erwerbstätigen Bevölkerung 45 Prozent betragen – ein Spitzenwert innerhalb der EU.

Ein Beispiel, wie auch diesem Problem zu begegnen ist, liefert Helsinki. Die Stadt ist die größte Gemeinde Finnlands und zählt mit 40 000 Beschäftigten zu den größten Arbeitgebern des Landes. Sie strebt an, „der altersfreundlichste Arbeitgeber des Landes zu werden“. Zu den Kernzielen zählt, die berufliche Gesundheit der Angestellten zu fördern und Arbeitnehmer länger im Beruf zu halten. Älteren Arbeitnehmern werden Sportkurse angeboten, flexible Arbeitszeitmodelle vorgeschlagen, und es werden neue Arbeitsaufgaben für sie definiert. Die Finnen sind bei dem, was sie tun, erfolgreich: Im Jahr 2012 wurde das Age-Management Programm der Stadt Helsinki von der Europäischen Kommission ausgezeichnet.

Auch andere skandinavische Länder rüsten sich für die Zukunft. Die Schweden beispielsweise diskutieren aktuell darüber, nicht-ärztlichem Personal wie Krankenschwestern und Physiotherapeuten mehr Verantwortung zu übertragen, um Versorgungslücken zu schließen. Es ist ein Ansatz, den die Finnen bereits seit Jahren verfolgen. In den dortigen Gesundheitszentren, die für die ambulante Versorgung zuständig sind, übernehmen Krankenschwestern Leistungen, für die in anderen Ländern ein Arzt zuständig ist. Viele Patienten bekommen beim Gang in diese medizinischen Zentren erst gar keinen Arzt zu Gesicht.

Groß geschrieben – und erfolgreich umgesetzt – wird in Nord-europa auch der Ansatz „Synergien schaffen“. In den nördlichen Grenzregionen von Finnland und Schweden wird dies sogar länderübergreifend praktiziert. Um die Basisgesundheitsversorgung der in der Region lebenden Bevölkerung gewährleisten zu können, arbeiten die Staaten Hand in Hand. Längst haben sich dort auch Teampraxen etabliert, in denen verschiedene Ärzte gemeinsam für einen Patienten zuständig sind.

Auch in der Telemedizin sind die Skandinavier Deutschland einen Schritt voraus. Gerade in dünn besiedelten Gebieten werden Sprechstunden heute schon regelmäßig über das Internet abgehalten. In Nordnorwegen beispielsweise werden Patienten, die an chronisch obstruktiver Lungenerkrankung leiden, nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus zu Hause per Telemedizin betreut. Die Patienten bekommen einen speziellen Laptop und ein Ergometer nach Hause geliefert. Der Computer erfasst die Messwerte und liefert die Daten an die betreuende Klinik. Die auf dem Ergometer vorgenommene Physiotherapie wird per Videoleitung aus der Ferne begleitet. Direkt angesprochen werden die Patienten dennoch – aus der Distanz. „Wir sparen Krankenhauskosten, Arztbesuche und Fahrstrecken. Die Zufriedenheit der Patienten ist groß, weil ihr Zuhause zum Mittelpunkt der Versorgung wird“, berichtete Undine Knarvik vom Norwegischen Zentrum für Integrierte Versorgung und Telemedizin in Tromsø auf einer Tagung der Herbert Quandt-Stiftung und den Nordischen Botschaften in Berlin Ende des vergangenen Jahres.

Patientenakten in die Cloud

Anders Ekholm vom schwedischen Institut für Zukunftsstudien, der ebenfalls auf der Tagung zu den Rednern zählte, glaubt, dass die Bedeutung der Telemedizin im Norden weiter voranschreiten wird. „In der Zukunft wird künstliche Intelligenz den großen Teil der ärztlichen Diagnosearbeit übernehmen und Medikamente verschreiben können. Ärzte kümmern sich dann nur noch um die interessantesten Fälle.“ Skepsis gegenüber der Digitalisierung? Nicht wirklich. Probleme mit der Datenflut? Fehlanzeige. Patientenakten liegen in Nordeuropa schon längst in der Cloud.

Nora Schmitt-Sausen

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