POLITIK

Pro & Kontra: Tierversuche

Dtsch Arztebl 2015; 112(24): A-1080 / B-904 / C-874

Mertens, Thomas; Bee, Eva Kristina

Kein Selbstzweck: Immer öfter kann auf Tierversuche verzichtet werden. Aber ohne eine Zwischenbewertung und Weiterentwicklung im Tiermodell ist medizinischer Fortschritt und Patientensicherheit nicht möglich.

PRO

Prof. Dr. med. Thomas Mertens, Institut für Virologie, Universitätsklinikum Ulm. Foto: Gesellschaft für Virologie
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Tierversuche sind in vielen Bereichen der Biowissenschaften methodischer Bestandteil des Erkenntnisgewinns, ganz besonders in der Medizin. Sie werden in klinisch-operativen Fächern, der Onkologie, der Herz-Kreislauf-Forschung, der Infektions- und Impfstoff-Forschung, der Pharmakologie, den Neurowissenschaften, der Entzündungsforschung durchgeführt. In allen Bereichen der Forschung sind Tierversuche nicht Selbstzweck, sondern durch sie werden spezifische wissenschaftliche Hypothesen oder Therapieverfahren überprüft, die in anderen verfügbaren Systemen, wie Zellkulturmodellen, nicht verifizierbar sind.

Die Translation von Grundlagenerkenntnissen oder von Neuentwicklungen an Medikamenten, Impfstoffen, Medizinprodukten oder Operationsverfahren in die Anwendung am Patienten ist ohne eine Zwischenbewertung und Weiterentwicklung im Tierversuch nicht denkbar. Die Alternative wäre die direkte Prüfung am Menschen, die mit dem hohen und weiter wachsenden Sicherheitsbedürfnis moderner Bürgergesellschaften nicht vereinbar wäre. Das Tierexperiment erfährt daher spezifische Wertschätzung dort, wo die Erkenntnisse für den Menschen prädiktiv und in anderen Modellsystemen nicht zu erlangen sind.

Die rigorose Verschärfung des Tierversuchsrechts, die gesetzlich vorgeschriebene biometrische Planung, verbunden mit dem Ausbau der zuständigen Kontrollbehörden hat die Nutzung von Versuchstieren in den vergangenen Jahren massiv erschwert. Diese Maßnahmen haben den Tiereinsatz in der Medizin wirkungsvoll gebremst. Zudem werden seit Jahren beständig neue Maßnahmen zum Schutz der Tiere und zur Reduktion ihrer Belastung erforscht und umgesetzt (Narkose, Analgesie; strenge Kriterien zum Versuchsabbruch, Selbstbeschränkung der Wissenschaften). Tatsächlich lassen sich zunehmend mehr wissenschaftliche Fragen ohne Tierversuche bearbeiten. Dennoch wird es auf lange Zeit nicht möglich sein, sie vollständig zu ersetzen, ohne substanzielle Verluste an Patientensicherheit und an Forschungsqualität in Kauf zu nehmen.

Die biomedizinische Forschung hat auf sehr vielen, wenn auch nicht allen Gebieten der Medizin zu einer enormen Verbesserung der Therapiemöglichkeiten geführt. Dennoch sind zum Beispiel akute und chronische Virusinfektionen ein fortdauerndes Problem für die globale Gesundheit und für Millionen Todesfälle verantwortlich. Dieser Bedrohung kann man nur durch intensive Forschung an Therapeutika und Impfstoffen entgegentreten. In den letzten Jahren sind große Erfolge erzielt worden, die ohne Tierversuche nicht möglich gewesen wären. Die Medikamenten- und Impfstoff-Forschung müsste ohne Tierversuche in Europa nahezu vollständig eingestellt werden, da die Wirksamkeit und Sicherheit neuer Medikamente und vor allem Impfstoffe, zunächst nur am Gesamtorganismus von immunkompetenten Tieren geprüft werden kann. Hierfür gibt es keine Alternative, auch nicht Zellkulturen, Chiptechnologie und Computersimulationen.

Derzeit vollzieht sich offensichtlich ein gesellschaftlicher und politischer Abwägungsprozess, in dem entschieden werden muss, ob wir in Zukunft weiterhin großen Seuchen mit Hilfe der biomedizinischen Forschung entgegentreten wollen oder ob wir den Tierschutz einseitig höher gewichten als das Leben und die Gesundheit von Millionen von Menschen. Eine vollständige Abschaffung von Tierversuchen gemäß der Petition „Stop Vivisection“ an das Europäische Parlament hätte gravierende negative Folgen für die Forschung in Europa und letztlich für die Patientenbehandlung und Prophylaxe weltweit.

Eine Versachlichung des Themas wäre dringend zu wünschen. Hierzu gehört auch das Wissen über den tatsächlichen Ablauf von Tierversuchen, die nichts mit dem Klischee der „Vivisection“ zu tun haben und auch nichts mit dem Horrorszenario von Tierquälerei, die jeder ernsthafte Forscher ablehnen wird, sondern eher der Behandlungssituation eines Patienten entspricht.

Prof. Dr. med. Thomas Mertens
Institut für Virologie, Universitätsklinikum Ulm

Doppelt unethisch: Tierversuche sind weder ethisch zu rechtfertigen noch haben sie einen großen medizinischen Nutzen. Alternative Methoden wie Biochips liefern inzwischen aussagekräftigere Ergebnisse.

Kontra

Dr. med. Eva Kristina Bee, Vorstandsmitglied von Ärzte gegen Tierversuche e.V., Foto: privat

Tierversuche sind aus medizinischen Gründen abzulehnen. Erkrankungen des Menschen können durch Tierexperimente weder in ihren wirklichen Ursachen erforscht noch geheilt werden. Die im Labor künstlich hervorgerufene Schädigung des Tieres hat, außer gewissen Symptomen, nichts mit der menschlichen Erkrankung und den ihr zugrunde liegenden Ursachen zu tun. Die weitgehende Ausrichtung der medizinischen Forschung am Tierversuch ist maßgeblich verantwortlich dafür, dass es bei der Bekämpfung der heutigen Massenkrankheiten wie Krebs, Herz- und Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und rheumatologischen Erkrankungen keinen Durchbruch gibt.

Diese Ansicht teilen auch die Initiatoren der europäischen Bürgerinitiative „Stop Vivisection“, allesamt selbst Experten. Sie begründen ihre Initiative mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass tierversuchsfreie Testmethoden im Gegensatz zum Tierversuch verlässliche, für den Menschen relevante Ergebnisse liefern. Europaweit hatten sich über 1,15 Millionen Bürger beteiligt, aus Deutschland rund 159 000. Ziel der Bürgerinitiative ist, die 2010 verabschiedete EU-Tierversuchsrichtlinie dahingehend zu novellieren, dass anstelle des unzuverlässigen tierexperimentellen Systems moderne, klinisch relevante Methoden angewandt werden. Einer der Gründe für das Scheitern des Tierversuchs ist die unzureichende Übertragbarkeit von Ergebnissen auf den Menschen. Das Tierexperiment erlaubt keine zuverlässige Aussage darüber, ob und inwieweit sich der menschliche und der tierische Organismus vergleichbar verhalten. Eine Folge der dennoch praktizierten Übertragung sind die vielen aufgrund von Tierversuchen für sicher gehaltenen Medikamente, die wieder vom Markt genommen werden müssen, weil sie beim Menschen schwerwiegende oder gar tödliche Nebenwirkungen hervorrufen.

In Deutschland sterben jährlich rund 60 000 Menschen durch Medikamente, die für sicher gehalten werden. Laut amerikanischer Arzneimittelbehörde FDA versagen 92 Prozent aller im Tierversuch erfolgreich getesteten potenziellen Arzneien in den nachfolgenden klinischen Studien am Menschen. Selbst nach Marktzulassung müssen bis zu 50 Prozent der Medikamente aus diesem Grund mit Warnhinweisen versehen oder ganz zurückgezogen werden.

Grundlegende artspezifische Unterschiede – unter anderem in Stoffwechsel, Anatomie und Lebensweise – bleiben im Tierversuch unberücksichtigt; menschliche Krankheiten werden auf Symptome reduziert, die im Tierversuch nachgestellt werden sollen. Die Erforschung der wirklichen Ursachen unserer Krankheiten ist jedoch wesentlich sinnvoller, kostengünstiger und aussichtsreicher. So konnte durch groß angelegte epidemiologische Studien gezeigt werden, dass die heutigen Zivilisationskrankheiten vor allem durch Faktoren wie Rauchen, Alkoholmissbrauch, fleisch- und fettreiche Ernährung, Stress und mangelnde Bewegung bedingt sind.

Der Tierversuch ist eine doppelt unethische Methode: Tiere werden zu Messinstrumenten degradiert, und Menschen werden vielfach Therapien vorenthalten, da potenziell nützliche Arzneimittel nicht durch die präklinische Phase kommen. Das ist unvereinbar mit einer modernen Humanmedizin. Ein Paradigmenwechsel hin zu anwendungsorientierter, tierversuchsfreier Forschung ist erforderlich, um die Basis zu schaffen, für den bestmöglichen Schutz des Menschen vor unerwünschten Nebenwirkungen und zur Entwicklung von patientenspezifischen Therapiemöglichkeiten.

Potenzielle Wirkstoffe können an Zellsystemen oder Mikroorganismen getestet werden. In Computersimulationen, die auf menschlichen Daten basieren, wird der Metabolismus einer Substanz im menschlichen Körper detailliert dargestellt. Auf Biochips werden wie in einem künstlichen Mini-Menschen Auswirkungen auf bestimmte Organe erforscht. Die Kombination solcher Verfahren liefert für den Menschen aussagekräftige Ergebnisse.

Dr. med. Eva Kristina Bee
Vorstandsmitglied von Ärzte gegen Tierversuche e.V.

Prof. Dr. med. Thomas Mertens: Institut für Virologie, Universitätsklinikum Ulm
Dr. med. Eva Kristina Bee: Vorstandsmitglied von Ärzte gegen Tierversuche e.V.

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