POLITIK

Ärztliche Psychotherapie: Biopsychosoziale Einheit im Fokus

Dtsch Arztebl 2015; 112(26): A-1168 / B-976 / C-948

Bühring, Petra

Die meisten psychisch kranken Patienten werden von Ärzten behandelt. Doch angesichts der zahlenmäßigen Übermacht der Psychologen befürchtet die Bundesärztekammer, dass die ärztliche Psychotherapie an Bedeutung verliert.

Ärztinnen und Ärzte sind die zentrale Säule in der Versorgung von Patienten mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Darauf weist die Bundesärztekammer (BÄK) in einem Positionspapier hin, das vom 118. Deutschen Ärztetag in Frankfurt/Main im vergangenen Mai begrüßt wurde. Rund 35 000 Hausärzte behandeln eine große Anzahl von Patienten im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung, heißt es darin. In der ambulanten fachärztlichen Versorgung werden pro Quartal mehr als 1,7 Millionen psychisch kranke Patienten von 5 630 ärztlichen Psychotherapeuten, davon 2 570 Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, von 5 760 Psychiatern, Nervenärzten und Neurologen, 1 050 Kinder- und Jugendpsychiatern und rund 3 000 Fachärzten anderer Gebiete mit Zusatzbezeichnung Psychotherapie versorgt. Weitere 800 000 Patienten werden pro Quartal von 15 670 Psychologischen Psychotherapeuten und 4 320 Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten versorgt (Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Stand 12/2013).

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Versorgt werden Patienten auch stationär und teilstationär in 410 psychiatrischen Kliniken und Suchtkliniken, in 207 psychosomatischen Einrichtungen sowie in 143 Kinder- und Jugendpsychiatrischen Kliniken (Statistisches Bundesamt 2012). 164 psychosomatische und 229 psychiatrische Rehabilitationseinrichtungen mit Schwerpunkt Suchterkrankungen kommen hinzu. Außerdem ergänzen psychiatrische Institutsambulanzen an Kliniken das Angebot.

Die weit überwiegende Zahl der Patienten mit psychischen und psychosomatischen Störungen wird also im Rahmen des ärztlichen Versorgungssystems behandelt, betont die BÄK. Dies entspreche auch den Präferenzen der Patienten: Eine repräsentative Befragung der Bevölkerung zeigt, dass Hausärzte, Psychosomatiker und Psychiater als zentrale Ansprechpartner für psychische Störungen gesehen werden (Larisch et al, 2013).

Psychotherapie im Gesamtbehandlungsplan

Das psychotherapeutische Behandlungsangebot habe sich in den letzten Jahren zunehmend weiterentwickelt. So forderten die Behandlungsleitlinien bei vielen mittelschweren bis schweren Verlaufsformen psychischer Erkrankungen Psychotherapie als notwendigen Bestandteil eines Gesamtbehandlungsplans. Trotz der Wertschätzung der psychosozialen Dimension innerhalb der Ärzteschaft, rückten die somatisch-technischen Leistungen unter gesundheitspolitischen Zwängen zu sehr in den Vordergrund. Patienten sollten in ihrer „untrennbaren biopsychosozialen Einheit“ betrachtet werden.

Besorgt ist die Bundesärztekammer, dass die ärztliche Psychotherapie gegenüber der psychologischen Psychotherapie an Bedeutung verliere. Der Slogan „der Körper den Ärzten und die Seele den Psychologen“ sei in vielen Köpfen in der Gesundheitspolitik verankert und bestimme zurzeit die Diskussionen um eine Direktausbildung für Psychologische Psychotherapeuten (PP) und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP). Statt der bisherigen postgradualen Ausbildung soll die Ausbildung nach Vorstellungen des Bundesgesundheitsministeriums und der Psychotherapeutenschaft künftig ähnlich der Strukturen der ärztlichen Aus- und Weiterbildung organisiert werden: „Direkt“-Studium der Psychotherapie mit Approbation und Weiterbildung zum Fachpsychotherapeuten.

Positionierung gegen die Direktausbildung

Die BÄK positioniert sich entschieden gegen eine solche Direktausbildung: „Sie würde die ärztliche psychotherapeutische Versorgung mit ihrem Gesamtbehandlungskonzept aus der Versorgung verdrängen sowie die körperlich und psychische Behandlung unangemessen trennen“. Psychologische Psychotherapeuten müssten auch weiterhin zu einer ärztlichen Konsultation verpflichtet sein.

Schließlich hat die Bundesärztekammer den Eindruck, dass in der aktuellen gesundheitspolitischen Diskussion die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), die ausschließlich PP und KJP vertritt, als Ansprechpartner für die Weiterentwicklung des psychotherapeutischen Versorgungssystems wahrgenommen wird. Die Kammer werde von Politikern auch als Ansprechpartner für Fragen der ärztlichen Psychotherapie angesehen. „Dieses Ungleichgewicht entspricht nicht dem Versorgungsbedarf und der realen Versorgungssituation“, heißt es in dem Positionspapier.

Petra Bühring

3 Fragen an . . .

Dr. med. Cornelia Goesmann, Vorstandsbeauftragte der Bundesärztekammer

für die ärztliche Psychotherapie

Die meisten psychisch Kranken werden von Ärzten versorgt. Warum wird das in der gesundheitspolitischen Öffentlichkeit anscheinend so wenig wahrgenommen?

Cornelia Goesmann: Traditionell werden Ärztinnen und Ärzte eher mit der Psychiatrie und schweren psychiatrischen Störungen wie Psychosen, Suizidalität und Sucht, also weitgehend tabuisierten Krankheitsbildern in Verbindung gebracht. Daher möchte man nicht gerne von dieser Fachrichtung, sondern doch lieber vom „Psychologen“ behandelt werden, denn diesem wird in der Öffentlichkeit wohl vornehmlich die Betreuung von „gesellschaftsfähigen“ Störungen und Neurosen zugeschrieben.

Warum stellt die Direktausbildung für Psychotherapeuten eine Gefahr für die ärztliche Psychotherapie dar?

Goesmann: Sobald es via Direktstudium und Weiterbildung den Beruf des „Psychotherapeuten“ geben wird, der deutlich früher in den Beruf gehen könnte als ärztliche Psychotherapeuten und der sich nicht zusätzlich durch eine komplette somatische Ausbildung mühen müsste, werden interessierte junge Menschen vermutlich diesen neuen Studiengang wählen. Die ärztliche Psychotherapie wird ausbluten, weil es länger dauert, teurer und mühevoller wird, diese Kompetenzen zu erwerben.

Mit welchen Maßnahmen will die Bundesärztekammer künftig die ärztliche Psychotherapie stärken?

Goesmann: Seit etlichen Jahren pflegen wir eine enge Zusammenarbeit mit den Vertretern aller ärztlichen psychotherapeutischen Verbände und Fachgruppen. Geplant sind ein weiterhin regelmäßiger Austausch über eine sinnvolle Strukturierung der verschiedenen Weiterbildungsgänge, wissenschaftliche und berufspolitische Statements und Veranstaltungen, politische Interventionen und viel Nachwuchsförderung für die „Psych.-Fächer“. In der Öffentlichkeit muss intensiv für den ganzheitlichen Ansatz der ärztlichen Psychotherapie und die dafür notwendige, wenn auch langwierige, Aus- und Weiterbildung geworben werden.

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    Dr. Nils Sandler
    am Montag, 3. August 2015, 18:00

    Leider kein kompetenter Artikel...

    Die vorliegende Darstellung geht leider an allen Plänen vorbei. Eine Direktausbildung soll nach Vorstellung der Psychotherapeutenverbände mitnichten das Qualifikationsniveau von Psychotherapeuten senken, sondern mit der Approbation am Ende des Studiums u. a. für eine sachgerechte Entlohnung von Psychotherapeuten in Ausbildung sorgen. Mitnichten soll erreicht werden, dass psychologische Psychotherapeuten ohne Weiterqualifikation selbstständig mit KK abrechnen dürfen. Im übrigen ist dies ein Procedere, wie es bei den Ärzten seit langem üblich ist. Approbation direkt nach dem Studium und Facharztausbildung danach. Wieso hierdurch die Qualität der psychotherapeutischen Versorgung geschmälert werden könnte, ist nicht ersichtlich. Wenn in diesem Artikel auf das biopsychosoziale Modell angespielt wird, ist hierzu zu sagen, dass Psychologen dieses Modell wohl vertraut ist. Im Gegensatz zu den Implikationen des vorliengenden Artikels versteht sich die moderne Psychologie als Naturwissenschaft und bezieht ganz wesentlich physiologische Faktoren ein. So wird Psychologie heute gelehrt und so wird in der Psychologie auch heute geforscht. Die Vorstellung, dass Psychologen die Psychologie als nicht-körperliche Angelegenheit betreiben ist ein Mythos.
    Dr. C. Hampel
    am Sonntag, 26. Juli 2015, 12:48

    Krokodilstränen der Bundesärztekammer

    Dem Kommentar des Kollegen Dr.Heister v.27.6.15 ist absolut zuzustimmen.
    Allerdings sollte die BÄK als unsere Vertretung auch im eigenen Haus Ordnung schaffen. Es ist nicht zu verstehen, dass sie in Positionspapieren über den Bedeutungsverlust der ärztlichen Psychotherapie lamentiert, aber nicht in der Lage ist, in ihrem Organ DÄ für eine sachgemässe Berichterstattung über ärztliche und nichtärztliche Psychotherapie zu sorgen. In dem dreiteiligen Bericht in H.26,S.1168/69 (Biopsychosoziale Einheit im Fokus/3 Fragen an.../Ziel:Direktausbildung) ist dieser Widerspruch auf die Spitze getrieben. Verfasst hat auch diesen Bericht die im DÄ für Psychotherapie zuständige Redakteurin Petra Bühring, die seit Jahren "ärztliche Psychotherapie" und "Psychotherapie" neben- und gegeneinander stellt, damit im Ä r z t e blatt das Geschäft der mit ihren berufspolitischen Tricksereien leider sehr erfolgreichen Psychologenverbände betreibt und mit dieser Art von Desinformation zur Verwirrung beiträgt - nicht zuletzt bei Parteipolitikern, die mit der Gestaltung und Umgestaltung von Gesundheitspolitik befasst sind. Da Frau Bühring offensichtlich beratungsresistent ist, wäre hier endlich die BÄK als Herausgeberin des DÄ am Zuge.
    Dr. med. H. Heister
    am Samstag, 27. Juni 2015, 08:54

    Jeder psychotherapeutisch weiter-, oder fortgebildete, Arzt ist ein Psychotherapeut.

    Das hat der 118. Deutsche Ärztetag in einer Entschließung festgestellt.
    Kaum war der 118. Deutsche Ärztetag beendet, mußte sich Herr Prof. Montgomery bei der Abschiedsveranstaltung für den Präsidenten der sogenannten Bundespsychotherapeutenkammer, Herrn Prof. Richter, dessen Rede anhören, in der dieser darstellte alle Psychotherapeuten unter dem Dach seiner Kammer vereint zu haben.
    Eine Lüge. - Die Lebenslüge des jungen Berufes Psychologischer Psychotherapeut, so zu sagen, die sich allenfalls auf die immer noch unkorrigierte falsche Legaldefinition "(Psychotherapeuten)" im § 28.3.1 SGB V stützen kann.
    Eine Lüge deshalb, weil sie wissentlich vorgetragen wird, um Vorteile zu erlangen.
    Leider erfolgreich, bislang, obwohl schon lange die Forderung nach einer sachlichen Berichtigung des § 28.3.1 SGB V an die Politik herangetragen wird.
    Dies z. B. in den Entschließungen auch des 109, 111 und 113. Deutschen Ärztetages.
    Die Politik muss einsehen, dass die "Direktausbildung", wenn sie käme, nur psychologische Psychotherapeuten hervorbringen könnte, nicht aber den Berufsstand "des" Psychotherapeuten.
    Es sei denn, sie wollte den Ärzten deren im § 1.1 des PsychThG verbrieftes Recht nehmen die Bezeichnung "Psychotherapeut" zu führen.
    Letzteres schlicht unvorstellbar, ging doch die Psychotherapie aus der Ärzteschaft hervor, und ist sie dort doch historisch wie gegenwärtig breit verankert.

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