THEMEN DER ZEIT

E-Health: Innovationsküche Berlin

Dtsch Arztebl 2015; 112(31-32): A-1324 / B-1111 / C-1086

Schmitt-Sausen, Nora

Berlins Start-up-Szene ist in der Welt bekannt. Kreative Köpfe brüten über Zukunftslösungen. Derzeit ist kaum etwas so im Trend wie E-Health-Produkte. Ein Streifzug

Fotos: Svea Pietschmann

Es brummt in der Station Berlin unweit des Potsdamer Platzes. 7 000 Besucher sorgen für einen beachtlichen Geräuschpegel. Monitore und Lautsprecher dröhnen, Gläser klappern, unzählige Füße durchqueren schnellen Schrittes die weite Halle, um in einen der neun Vortragssäle zu kommen. Wer nicht gerade auf dem Weg zu einem Seminar oder Workshop ist, findet sich bei Szene-Cola, Kaffee oder einem Bierchen zum Netzwerk-Plausch zusammen. Es ist Mai in Berlin, es ist re:publica-Zeit. Die Konferenz um das Web 2.0, soziale Medien und die digitale Gesellschaft ist ein Pflichttermin für Digitalinteressierte. Es wird über Internetsicherheit und politische Partizipation diskutiert. Und traditionell – und in erheblichem Maße – über digitale Gesundheit. 13 Health-Sessions stehen diesmal auf dem Programm. Sie drehen sich um Fragen wie: medizinische Wearables (tragbare Gesundheitstools) – schöne Vision einer gesunden Zukunft oder der nächste Schritt in die Komplettüberwachung? Wie können digitale Technologien chronisch Kranken helfen? Welcher Anspruch muss an Gesundheitsinformationen im Internet gestellt werden? Es wird lebhaft diskutiert, Medizin ist in der Netzwelt ein großes Thema.

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Donnerstag, der letzte von drei re:publica-Tagen. Auf Bühne zehn steht Dr. Alexander Schachinger. Er ist Experte in Sachen digitaler Gesundheit, genauer gesagt in Sachen digitaler Patient. Schachinger untersucht, wie sich Patienten im Internet bewegen. Er beziffert die Zahl der „Gesundheits-Surfer“ in Deutschland auf 40 Millionen. Diese sind unterwegs im Internet auf der Suche nach medizinischen Informationen und Dienstleistungen. Schachinger erläutert dem Berliner Publikum, wie schwer sich das deutsche Gesundheitswesen damit tut, sich auf das „neue Ökosystem der digitalen Gesellschaft“ einzulassen. „Von der Dynamik und dem Potenzial der Digitalisierung ist bei den Akteuren im Gesundheitswesen noch kaum etwas bekannt“, sagt der Referent. Er selbst ist niemand, der von den Möglichkeiten der digitalen Gesundheitsversorgung überzeugt werden muss. Er weiß: „Es ist sehr, sehr viel dabei, was Potenzial hat, Patienten zu helfen.“

In kurzer Zeit für eine Idee begeistern wollen Startup-Slams – so wie im Juni beim Hauptstadtkongress für Medizin und Gesundheit in Berlin.

Und tatsächlich: Die deutsche Gründerszene hat den Gesundheitsmarkt für sich entdeckt. E-Health ist ein Boom-Thema. Die Finanzierungsanfragen in diesem Sektor stiegen allein beim Kölner Risikokapitalgeber Capnamic Ventures im vergangenen Jahr um mehr als 150 Prozent. Deutschlands Jungunternehmer folgen damit den USA. Dort hat sich der Gesundheitssektor vor einigen Jahren der Digitalisierung geöffnet. Inzwischen fließen Milliardeninvestitionen in die Ideen von Gesundheits-Start-ups. Webbasierte Gesundheitsprodukte sind jenseits des Atlantiks ein Megathema.

Die Entwicklungen beschränken sich längst nicht mehr auf Spielereien aus dem Lifestyle-Sektor, wie digitale Fitnessarmbänder. Es sind Produkte, die Patienten – und Ärzten – das Leben erleichtern sollen. Die Fakten: Allein im deutschsprachigen Raum sind heute mehr als 8 000 Webdienste und Apps aus dem Umfeld Gesundheit und Medizin im Netz zu finden. Circa 60–100 deutsche Start-ups haben sich mit ernst zu nehmenden Produkten auf den Markt gewagt – und sie bekommen zunehmend eine Chance, sich und ihre Ideen zu präsentieren, allen voran in Berlin, Deutschlands Gründermetropole. „Bühne frei für Start-ups“ scheint derzeit eine Art Leitmotiv in der Hauptstadt zu sein. Etablierte Branchengrößen laden zu „Start-up-Pitches“, „Ideenküchen“ und „Start-up-Parcours“. Es ist unverkennbar: Die Gesundheitsbranche öffnet sich, langsam, aber sicher.

Den ersten Platz beim Start-up-Slam belegte Evivecare. Gerd Graumann präsentierte das Online-Sprachtraining für Schlaganfallpatienten.

Freitag, 12. Juni, 15.30 Uhr, Hauptstadtkongress für Medizin und Gesundheit: Durch die sterile Ausstellungshalle des CityCube im Berliner Westen schallt eine Durchsage: „Liebe Besucher, in zehn Minuten findet der Start-up-Slam in der Piazza statt.“ Auf einer kleinen Fläche inmitten der klassischen Industrieausstellung liegen rote, blaue und gelbe Würfel als Sitzgelegenheiten bereit. Monitore sind aufgestellt, Stehtische herbeigeholt. Aus Lautsprechern klingt Gitarrenmusik. Lässiges Start-up-Flair trifft Old-School-Kongressumfeld. Das Prinzip des Events: Zwölf Gesundheits-Start-ups haben jeweils fünf Minuten Zeit, um sich dem Publikum und einer vierköpfigen Jury aus Gesundheitsbranche, Beratung und dem Berliner Hochschulsektor zu präsentieren.

Einer der Vortragenden ist Yannik Schreckenberger von heartbeat medical. Er ist ein Start-upper, wie er im Buche steht: moderne Nerdbrille, rasiertes, gestyltes Haar, modisch-lässiger Blouson zu enger Jeans. Seine Innovation: „heartbeat ONE“, ein online-basiertes Arzt-Informationssystem, das die Aufnahme studientauglicher Daten in den klinischen Alltag ermöglichen soll. Das System unterstützt bei der Vorbereitung, Dokumentation und Auswertung von medizinischen Eingriffen. „Wir helfen dem Arzt, Zeit zu sparen, und machen die Qualität in der Versorgung messbar“, bringt er den Ansatz auf den Punkt.

Schreckenbergers Auftritt ist dynamisch, selbstbewusst. Er klebt nicht am Rednerpult fest, spricht frei, zugewandt zu Publikum und Jury. Er ist überzeugt, dass sein junges Unternehmen heartbeat medical einen Nerv getroffen hat. „Die Ärzte wollen das“, sagt er selbstsicher. „Sie wollen die Messbarkeit, wollen den Qualitätsbericht.“ Im Beirat des Start-ups sitzen Ärzte und Krankenschwestern. „Wie können nicht alles. Und wir sind keine Ärzte“, macht Schreckenberger klar. Der Berliner überzeugt die Jury. „heartbeat ONE“ belegt am Ende den zweiten Platz.

Nicht nur heartbeat medical punktet mit einer guten Idee. Evivecare, der Sieger des Wettbewerbs, bietet Online-Sprachtraining für Schlaganfallpatienten an. Statt zum Logopäden zu gehen, absolvieren die Patienten ein digital gestütztes Sprachtraining – täglich und von zu Hause aus. Die Töchter & Söhne Gesellschaft für digitale Helfer mbH präsentiert „curendo“, einen Online-Pflegekurs für die häusliche Pflege Angehöriger.

Smartpatient aus München stellt „MyTherapy“ vor, eine App zur Verbesserung der Adhärenz und Erhöhung von Arzneimitteltherapiesicherheit. Die Idee: Der Medikamentenplan wandert auf das Smartphone. Zur Einnahmezeit poppt eine Erinnerung auf dem Display auf, Symptome und Vitaldaten werden in einem Online-Tagebuch erfasst. Einen Ausdruck der gesammelten Daten können die Patienten beim Praxisbesuch ihrem behandelnden Arzt vorlegen. Wollen das die Ärzte? Die Antwort von Sebastian Gaede, Geschäftsführer von smartpatient, kommt schnell: „Ja.“ Seine Einschätzung: „Das Internet macht Ärzten so oder so Arbeit. Sie müssen sich für die Digitalisierung öffnen, und das tun sie zunehmend auch.“

„Die Ärzte müssen sich für die Digitalisierung öffnen, und das tun sie zunehmend auch.“ Sebastian Gaede, smartpatient. Foto: smartpatient

Smartpatient ist eines von wenigen Start-ups, das bereits ein nachhaltiges Finanzierungsmodell für seine Idee gefunden hat. Das Unternehmen arbeitet mit der pharmazeutischen Industrie zusammen. Die Münchner legen allerdings viel Wert darauf, ein „ethisch sauberes Geschäftsmodell“ vorweisen zu können. Bei der Monetarisierung gebe es klare Grenzen. „Die rote Linie ist die Weitergabe von personenbezogenen Daten“, sagt Gaede. Gleichwohl werden Daten erhoben und genutzt – für die Forschung. Smartpatient arbeitet wissenschaftlich, geht aktuell in die sechste Studie. Zu den Kooperationspartnern zählt beispielsweise die geriatrische Forschung der Berliner Charité.

Ortswechsel. Essen, Ruhrgebiet, 530 Kilometer von Berlin entfernt. Selbst hier wird registriert, dass in der Hauptstadt derzeit einiges in Bewegung ist. „Die Gründerstimmung von Berlin ist beeindruckend. Aktuell bilden sich kraftvolle Netzwerke heraus, in denen sich technikgetriebene Start-ups mit großen Akteuren der Branche an einen Tisch setzen“, urteilt Dr. med. Stefan Becker, Oberarzt am Universitätsklinikum Essen.

Becker (40) registriert mit Wohlwollen, dass ein Ruck durch das System geht. Der Internist gehört zu denen, die schon länger wissen, wie viel Potenzial in der Internetmedizin steckt. Er ist eine der treibenden Kräfte hinter der Initiative iNephro, die telemedizinische Versorgungssysteme und Smartphone-Applikationen in der Nephrologie entwickelt und evaluiert. Doch Becker weiß auch, wo es noch hakt: Neben den ungeklärten Fragen nach Qualitätsstandards und Finanzierung hängt für ihn der Erfolg der neuen digitalen Bewegung vor allem von einer Komponente ab: der Zusammenarbeit. „Ärzte, Kreative und Programmierer müssen lernen, eine Sprache zu sprechen“, sagt er. Ohne integriertes ärztliches Know-how sei der Markteintritt für die oft von Technik und Marketing getriebenen Start-ups wenig Erfolg versprechend.

Kein leichter Weg: Von der Idee einer Dermatologie-App in die Versorgungswirklichkeit gab es für die Klara GmbH eine Reihe von Hindernissen – in Deutschland letztendlich noch unüberwindbar. Die beiden Gründer, Simon Lorenz, links, und Simon Bolz im Berliner Büro. Foto: Klara/Max Threlfall

Zurück in die Hauptstadt. Rosenthaler Straße, Berlins Mitte. An einer der besten Adressen der Stadt, zwischen Boutiquen und Cafés, hat sich eines der bekanntesten Berliner Gesundheits-Start-ups niedergelassen: die Klara GmbH. Das Start-up hat eine Dermatologie-App entwickelt. Die Idee: Patienten verschicken via Smartphone ein Foto ihrer Hautauffälligkeit, das Klara-Ärzteteam schätzt ein, wie mit dem Problem umzugehen ist.

In den hellen Geschäftsräumen sitzen die Mitarbeiter in einem Großraumbüro vor schlichten, großen Schreibtischen zusammen. Mitten unter ihnen hat Simon Bolz seinen Platz, einer von zwei Gründern. Bolz, ein ruhiger, aufgeräumter Mann, hat in den vergangenen zwei Jahren lernen müssen, wie weit in der Gesundheitsbranche der Weg von einer Idee hin zur Umsetzung ist. „Wir haben viel Energie in Klara gesteckt und mit der Politik und vielen Institutionen an einem Tisch gesessen. Alle waren nett und freundlich, doch am Ende kam nichts Substanzielles dabei herum. Schlussendlich wurden uns viele Steine in den Weg gelegt“, sagt der 33-Jährige. Die entscheidenden Stichworte: Fernbehandlungsverbot, Qualitätsbedenken, Sorgen beim Datenschutz. Es gelang Bolz und seinem Mitstreiter Simon Lorenz nicht, die Zweifel aus dem Weg zu räumen.

Das Duo zog Konsequenzen: Die Klara GmbH zog im Herbst 2014, bestückt mit verschiedenen Gründerpreisen und ausgestattet mit viel Geld von Investoren, nach New York. Heute arbeiten bereits sieben Mitarbeiter des Start-ups am Big Apple. Die Resonanz der Amerikaner auf die Idee „Made in Germany“ sei gut. „Wir haben innerhalb von sechs Monaten mehrere hundert amerikanische Hautärzte für uns gewinnen können“, sagt Bolz. „Aktuell laufen Kooperationsgespräche mit großen amerikanischen Kliniken und Arztverbänden.“

Denn: Klara hat sich weiterentwickelt. Aus der Patienten-App ist eine Ärzte-App geworden. „Wir vernetzen den Arzt mit seinen Bestandspatienten und schaffen so eine virtuelle Praxis“, erläutert Bolz. Mediziner und Patient können via Klara Fotos, Befunde und Laborergebnisse austauschen, sogar digitale Rezepte. Das ganze passiert überwiegend asynchron, wann immer es zeitlich in den Tagesablauf passt – und auf Initiative des Arztes. Der Arzt entscheidet via Klara, ob und wann er einen Patienten tatsächlich noch einbestellen muss. Die Vorteile liegen auf der Hand: Effizienz und Entlastung für Arzt und Patient.

Bolz sagt: „Das Interesse an Klara ist auch in Deutschland weiterhin sehr groß, das merke ich bei Gesprächen mit Ärzten immer wieder.“ Doch für den Moment ist der Ofen hierzulande aus. Klara ist nur noch außerhalb von Deutschland im Einsatz.

Nicht nur in Berlin findet dies manch einer bedauerlich.

Nora Schmitt-Sausen

Krankenkassen sind auf den DigitalZug aufgesprungen

Neben Pharmaunternehmen, Universitäten und großen Kliniken haben vor allem die Krankenkassen das Potenzial der digitalen Gesundheit für sich entdeckt. Die Barmer GEK beispielsweise übernimmt die Kosten einer ärztlich verordneten Augentherapie über das Internet – ein Novum. Kinder mit Amblyopie können digital die Sehkraft stärken, per App auf Rezept. Dafür hat sie einen Vertrag mit einem Augenarzt-Netzwerk geschlossen. Digitaler Projektpartner ist das Berliner Start-up Caterna, das die Webtherapie mit Hilfe der Technischen Universität Dresden entwickelt hat. Die Techniker Krankenkasse stellt zum Beispiel ihren Versicherten mit Depressionen ein Online-Coaching zur Seite.

Die DAK kooperiert seit dem vergangenen Jahr mit dem Berliner Start-up arzttermine.de. Über die Online-Terminvermittlung werden zeitnahe Termine bei Fachärzten vermittelt. Mehr als 20 deutsche Krankenversicherer arbeiten bereits mit dem Kreuzberger Start-up Medexo zusammen. Das Unternehmen betreibt ein Online-Portal für medizinische Zweitmeinungen.

Ärzte mögen Start-ups

Deutschlands Mediziner stehen Start-ups grundsätzlich positiv gegenüber. Laut der Studie „Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit“ der Stiftung Gesundheit würde mehr als die Hälfte aller niedergelassenen Ärzte, Zahnärzte und Psychologischen Psychotherapeuten bei einem Start-up mitwirken, zum Beispiel als medizinischer Berater. Kontaktaufnahmen zwischen Start-ups und Ärzten sind bislang allerdings eher selten: Lediglich knapp sieben Prozent der Befragten sind schon einmal von jungen Unternehmern angesprochen worden. Auch in Sachen Bekanntheitsgrad ist Luft nach oben. Nur acht Prozent der Mediziner gaben an, dass ihnen Start-ups in der Gesundheitsbranche bekannt seien. Der Glaube an das Know-how der Jungunternehmer ist allerdings groß: Fast jeder vierte Befragte könnte sich sogar vorstellen, in ein Start-up zu investieren.

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