THEMEN DER ZEIT

Innovationsfonds: Wohin mit den Fördermitteln?

Dtsch Arztebl 2015; 112(31-32): A-1320 / B-1106 / C-1078

Schmitt, Jochen; Petzold, Thomas; Pfaff, Holger; Nellessen-Martens, Gisela

Eine Konsens-Studie unter Beteiligung der Interessengruppen des deutschen Gesundheitssystems.

Foto: Fotolia/tostpho

Der im GKV-Versorgungsstärkungsgesetz vorgesehene Innovationsfonds sollte insbesondere dazu genutzt werden, Projekte in den Bereichen Multimorbidität, Chronizität und chancengleicher Zugang im Gesundheitssystem, Koordination und Integration der Sektoren und Leistungserbringer sowie Qualität und Sicherheit der Versorgung voranzutreiben. Dies ergab eine vom Deutschen Netzwerk Versorgungsforschung (DNVF) durchgeführte Konsens-Studie unter Beteiligung relevanter Interessenvertreter, das heißt, von Vertretern der Patienten, Kostenträger, Leistungserbringer, Gesundheitspolitik und Wissenschaft.

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Kliniker und Patienten an der Entscheidung beteiligen

Deren Verbände, Gesellschaften oder Vertretungen waren eingeladen worden, Teilnehmer für eine Befragung zu nennen. Anhand eines webbasierten Delphi-Verfahrens in drei Befragungsrunden wurde ein mehrstufiges Bewertungsverfahren durchgeführt, um auf transparente Weise zu priorisierenden Empfehlungen für Begutachtungs-, Förder- und Evaluationskriterien für Projekte aus dem Innovationsfonds zu kommen. Einen Überblick über die Teilnehmer des Verfahrens gibt das E-Supplement 1.

Folgende mögliche Themenfelder stießen bei den Teilnehmern auf die größte Zustimmung. Als von „hoher Relevanz“ bezeichnet wurden Projekte zu den Themen

  • Arzneimitteltherapiesicherheit bei multimorbiden Patienten (79 % „hohe Relevanz“),
  • Verbesserung der Versorgung in strukturschwachen Gebieten (76 %),
  • strukturierte Arbeitsteilung in der medizinischen und pflegerischen Versorgung (71 %) und
  • Verbesserung der vertikalen und horizontalen Kooperation und Kommunikation (68 %) zwischen Leistungserbringern.

Der vorgesehene Innovationsfonds bietet eine große Chance zur evidenzgeleiteten Weiterentwicklung des deutschen Gesundheitssystems. Die geförderten innovativen Versorgungsformen und deren Übertragbarkeit in die Regelversorgung sollen wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden. Für die Mittelvergabe aus dem Innovationsfonds soll beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) ein Innovationsausschuss unter Leitung des G-BA-Vorsitzenden mit einer fachlich unabhängigen Geschäftsstelle und einem Expertenbeirat eingerichtet und analog zum Plenum des G-BA besetzt werden. Hinzu kommen zwei Vertreter des Bundesministeriums für Gesundheit und ein Vertreter des Ministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).

Patientenvertreter und Vertreter der Wissenschaft werden somit nicht aktiv am Entscheidungsprozess beteiligt. Aus der medizinischen Forschung ist jedoch bekannt, dass gerade die Beteiligung von Patienten und Klinikern an der Priorisierung von Forschungsfragen entscheidend ist, um Forschungsgelder effektiv einzusetzen und damit die Gesundheitsversorgung zu verbessern.

Die 40 für das Delphi-Verfahren nominierten Personen wurden in der ersten Befragungsrunde eingeladen, mögliche Themenschwerpunkte, methodische Anforderungen, Anforderungen an das Antragsteller-Team, an die Begutachtung von Projektanträgen, die Projektevaluation und an die Verwertung von Projekten aus dem Innovationsfonds anhand der vielfach in Delphi-Studien eingesetzten neunstufigen Likert-Skala zu bewerten. Die Wertebereiche 1–3 wurden als „geringe Relevanz“, 4–6 als „mittlere Relevanz“ und 7–9 als „hohe Relevanz“ definiert.

Der Fragebogen für die erste Runde der Delphi-Studie basierte auf Aussagen aus dem Koalitionsvertrag, dem Entwurf des GKV-Versorgungsstärkungsgesetzes vom 21. Oktober 2014, Stellungnahmen zum Gesetzesentwurf, internationaler Literatur, relevanten EU-Verordnungen und Vorschriften sowie Ausschreibungstexten und Begutachtungskriterien der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des BMBF zur Versorgungsforschung (E-Supplement 2). In der ersten Befragungsrunde hatten die nominierten Repräsentanten Gelegenheit, weitere Begutachtungskriterien und Förderkriterien vorzuschlagen, die in der zweiten Befragungsrunde aufgenommen wurden. Zusätzlich zu den 77 Kriterien des initialen Fragebogens wurden weitere 45 Kriterien durch die Panelteilnehmer vorgeschlagen und bewertet.

Wichtig: Projekt hat Potenzial für die Routineversorgung

Gemäß der Delphi-Methode erhielten die Studienteilnehmer ab der zweiten Befragungsrunde zu jeder Frage ein Feedback über die Bewertung der eigenen Interessengruppe sowie des gesamten Panels. Kriterien, denen das gesamte Panel in der ersten oder zweiten Befragungsrunde mit mindestens 60 Prozent eine „hohe Relevanz“ zusprach, wurden in die dritte Runde als mögliche Förderkriterien aufgenommen und durch das Panel als notwendig („muss“), wünschenswert („soll“) oder fakultativ („kann“) eingestuft.

37 der 40 (93 %) nominierten Teilnehmer nahmen an mindestens einer Befragungsrunde teil. Die Teilnehmerrate betrug 85 Prozent (n = 34) in den beiden ersten Befragungsrunden und 75 Prozent (n = 30) in der dritten.

Als methodische Anforderungen für Projekte aus dem Innovationsfonds wurden 13 Kriterien konsentiert. Diese umfassen beispielsweise eine spezifische, sinnvoll eingegrenzte Fragestellung (91 %) mit entsprechenden Arbeitshypothesen (88 %) sowie die Anwendung angemessener wissenschaftlicher Methoden (91 %). Die Begutachtung von Projektanträgen sollte über ein Peer-Review-Verfahren (82 %) erfolgen. Gutachter sollten ihre Interessenkonflikte offenlegen (100 %), unabhängig gegenüber Leistungserbringern und Kostenträgern sein (76 %), methodisch (85 %) und klinisch (65 %) auf dem Gebiet vertraut und sich durch methodische und fachlich-inhaltliche Kompetenz ausweisen (94 %).

Für die Eignung der Antragssteller sind Transparenz bezüglich der Trägerschaft und deren potenzielle Interessenskonflikte (88 %) von hoher Relevanz. Es wurde weiterhin konsentiert, eine Förderung industrieller Interessen auszuschließen (74 %). Die Verwertung der Ergebnisse der Evaluation sollte ergebnisunabhängig und vollständig veröffentlicht (94 %) und dem Fach- und Laienpublikum adäquat kommuniziert (85 %) werden. Weiterhin sollte das untersuchte Versorgungskonzept das Potenzial zur dauerhaften Anwendung in der Routineversorgung aufweisen (94 %) sowie geeignet sein, die Versorgungsqualität (91 %) und die Versorgungseffizienz (65 %) zu verbessern und ein bestehendes Versorgungsdefizit zu beheben (97 %).

Anhand eines wissenschaftlichen und transparenten Prozesses unter Beteiligung von Patientenvertretern sowie Repräsentanten der Gesundheitspolitik, Leistungserbringer und Wissenschaft konnten Empfehlungen für eine effektive, effiziente, gerechte, transparente und nachhaltige Vergabe der Mittel aus dem Innovationsfonds konsentiert werden. Diese Empfehlungen spiegeln zugleich die Erwartungen der Interessengruppen wider und können dem Innovationsausschuss als Entscheidungshilfe bei der Mittelvergabe und Evaluation des Innovationsfonds dienen.

Prof. Dr. med. habil. Jochen Schmitt,

Dr. rer. medic. Thomas Petzold,

Zentrum für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung (ZEGV), Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus, Technische Universität Dresden

Prof. Dr. phil. Holger Pfaff

Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft, Uniklinik Köln und Humanwissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln

Dr. Gisela Nellessen-Martens

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung (DNVF) e.V.; E-Mail: dnvf@uk-koeln.de

@E-Supplements:
www.aerzteblatt.de/151320

Langfassung der Studie in: Gesundheitswesen 2015; 77: 1–10, DOI: http://dx.doi.org/10.1055/s-0035-1555898.

IGES-STUDIE: FREIHEITEN LASSEN

„Qualität und Nutzen müssen das oberste Ziel sein. Ein Projekt muss daran gemessen werden, ob es das Potenzial hat, die Abläufe in der Patientenversorgung zu verbessern.“ Diese Position des Verbands der Ersatzkassen (vdek) zum Innovationsfonds hat vor kurzem dessen Vorstandsvorsitzende Ulrike Elsner verdeutlicht. Ihr Verband hatte ein Gutachten zu sinnvollen Rahmenbedingungen für den Fonds an das IGES-Institut vergeben, das seit Ende Juni vorliegt. IGES-Geschäftsführer Karsten Neumann betonte, wichtig sei Projektvielfalt: „Innovationen entstehen durch Freiraum für Kreativität. Es wäre kontraproduktiv, Projekte auszuschließen, weil sie nicht in ein verordnetes Themenspektrum passen.“

Dem Gutachten zufolge hatten bisherige Projekte im Rahmen von innovativen Versorgungskonzepten zwar meist nur ein kleines finanzielles Volumen und auch nur selten Durchschlagskraft für die Regelversorgung. Dennoch solle man nicht nur Großprojekte fördern, schon weil es „kurzfristig nicht ausreichend sinnvolle und umsetzbare Projekte“ gebe. Am besten sei ein Mix von Projekten auf unterschiedlichen Stufen im Innovationsprozess. Auch risikobehaftete Ideen im kleinen Maßstab könne man fördern.

Ein weiteres Argument für die Förderung unterschiedlicher Projekttypen seien die unterschiedlichen Bedürfnisse gesellschaftlicher Gruppen, „die kaum objektiv gegeneinander abzuwägen sind und sich auf diese Weise leichter abdecken“ lassen. Darüber sei die Übertragbarkeit der Mittel sicherzustellen, weil Projektlaufzeiten unter einem Jahr unrealistisch seien, und: „Qualität vor Proporz“ bei der Antragsbewilligung gehen zu lassen. Rie

Innovationsfonds – Das steht im Gesetz

  • Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) fördert neue Versorgungsformen, die über die bisherige Regelversorgung hinausgehen. Gefördert werden insbesondere Vorhaben, die eine Verbesserung der sektorenübergreifenden Versorgung zum Ziel haben und hinreichendes Potenzial aufweisen, dauerhaft in die Versorgung aufgenommen zu werden. Voraussetzung für eine Förderung ist, dass eine wissenschaftliche Begleitung und Auswertung der Vorhaben erfolgt.
  • Der G-BA fördert Versorgungsforschung, die auf einen Erkenntnisgewinn zur Verbesserung der bestehenden Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung ausgerichtet ist.
  • Die Fördersumme für neue Versorgungsformen (75 Prozent) und Versorgungsforschung (25 Prozent) beträgt in den Jahren 2016 bis 2019 jeweils 300 Millionen Euro. Zur Durchführung der Förderung wird beim G-BA bis zum 1. Januar 2016 ein Innovationsausschuss eingerichtet.

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Der alte Fritz
am Montag, 3. August 2015, 10:59

Link zur Langfassung

der Studie führt leider ins Nichts. Allerdings auch auf der Website der Versorgungsforschung Deutschland.

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