POLITIK

Weiterbildung: Gleiche Rahmenbedingungen in Klinik und Praxis

Dtsch Arztebl 2015; 112(35-36): A-1406 / B-1184 / C-1156

Korzilius, Heike

Weiterbildung ist ärztliche Tätigkeit, die vergütet werden muss, finden Bundesärztekammer und Marburger Bund. Foto: Your Photo Today

Es besteht weitgehend Konsens darüber, dass die Weiterbildung in den Praxen niedergelassener Ärzte gefördert werden soll. Über das „Wie“ gehen die Meinungen allerdings weiterhin auseinander.

Das Ziel haben bereits mehrere Deutsche Ärztetage formuliert: Die Weiterbildung in den Praxen niedergelassener Ärztinnen und Ärzte soll gefördert werden, und zwar nicht nur, wie bisher, ausschließlich in der Allgemeinmedizin, sondern in allen Fachgebieten. Denn immer mehr ärztliche Leistungen werden inzwischen in beiden Sektoren erbracht. Noch ist der Wechsel aus dem Krankenhaus in die Praxis jedoch für viele angehende Fachärzte mit finanziellen Einbußen verbunden. Das soll sich ändern – auch nach dem Willen des Gesetzgebers.

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So sieht das Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) vor, dass Ärzte in der ambulanten Weiterbildung eine dem Tarifgehalt in Krankenhäusern entsprechende Vergütung erhalten sollen. Diese Forderung erheben ärztliche Organisationen wie Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) oder der Marburger Bund (MB) schon lange. Darüber, wie sie verwirklicht werden kann, gehen die Ansichten jedoch auseinander. Während die KBV zur Finanzierung der ärztlichen Weiterbildung eine Stiftungslösung favorisiert, stehen BÄK und MB auf dem Standpunkt, dass Weiterbildung ärztliche Tätigkeit ist, die vergütet werden muss, wie es der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien der BÄK, Dr. med. Franz Bartmann, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt formulierte. Einige in der KV-Welt sähen die Weiterbildung anscheinend als eine Fortsetzung der Ausbildung und würden einen Arzt erst dann als vollwertig leistungsfähig anerkennen, wenn er die Weiterbildung abgeschlossen habe, kritisierte Bartmann. Dabei berechtige die Approbation den Arzt zur Erbringung ärztlicher Leistungen. Viele der dazu notwendigen Kompetenzen bringe er bereits aus dem Studium mit, die dann während der Weiterbildung Jahr für Jahr weiter ausgebaut würden. Nach Ansicht von Bartmann kann sich die ambulante Weiterbildung nur dann flächendeckend in allen infrage kommenden Fächern etablieren, wenn in der KBV und den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) dieser Grundsatz Anerkennung finde.

„Ärzte in Weiterbildung sind keine Auszubildenden“, betonte auch MB-Vorstand Dr. med. Hans-Albert Gehle anlässlich der Vorstellung eines Positionspapiers zur ambulanten Weiterbildung am 11. August in Berlin. Sie seien vielmehr ärztlich tätig und müssten ihre Leistungen entsprechend abrechnen können. Zurzeit sei es aber so, dass die Praxen ihren Leistungsumfang nicht derart ausweiten dürften, dass sich die Anstellung eines Weiterzubildenden refinanziere. „Die Kassenärztlichen Vereinigungen sind aufgerufen, das zu lösen“, erklärte Gehle. Denn das VSG schaffe die Möglichkeit, das Praxisvolumen entsprechend zu erweitern. Das Stiftungsmodell taugt nach Ansicht des MB-Vorstandes lediglich, um Weiterbildungsstrukturen, wie beispielsweise Train-the-Trainer- oder Mentoringprogramme, zu finanzieren. Diese zusätzlichen Infrastrukturkosten bilde im Übrigen auch das Fallpauschalensystem im Krankenhaus nicht ab.

Um sicherzustellen, dass Ärztinnen und Ärzte in der ambulanten Weiterbildung nicht schlechter gestellt sind als die Kollegen im Krankenhaus, erarbeitet die Ärztegewerkschaft zurzeit einen Musteranstellungsvertrag. „In der Weiterbildung gibt es zurzeit zwei Welten“, erklärte der 2. Vorsitzende des MB, Dr. med. Andreas Botzlar. In der stationären regle ein Tarifvertrag Gehalt, Urlaubsansprüche oder Kündigungsfristen, wohingegen die Ärzte in Weiterbildung im ambulanten Bereich zu Bittstellern würden. Obwohl es einen entsprechenden Beschluss des Deutschen Ärztetages gebe, sei es bislang nicht gelungen, auch für diese Ärzte einen Tarifvertrag auszuhandeln. Denn es gebe aufseiten der Praxisinhaber keine tariffähige Arbeitgeberorganisation. Deshalb will der MB Botzlar zufolge jetzt das Reglement der Tarifverträge über den Musteranstellungsvertrag in den individuellen Arbeitsverträgen verankern.

In der Vergangenheit sei es immer wieder vorgekommen, dass die Fördergelder, die von Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen in die ambulante allgemeinmedizinische Weiterbildung fließen, nicht im vollen Umfang an die Weiterzubildenden ausgezahlt wurden, begründete Botzlar den Vorstoß des MB. „Von Selbstverpflichtungen oder Kodizes einzelner Berufsverbände halten wir nichts. Denn sie bieten keine Sanktionsmöglichkeiten bei Missverhalten.“ Am Ende seien sie eine Einladung, sich nicht an Regeln zu halten, erklärte der 2. MB-Vorsitzende.

Weniger Stellen befürchtet

Kritisch sieht die Ärztegewerkschaft zudem, dass nach dem VSG künftig fünf Prozent der Summe aus dem Förderprogramm Allgemeinmedizin in die Unterstützung von Kompetenzzentren an Universitäten fließen können. Dadurch, so der MB, würden Mittel für dringend benötigte ambulante Weiterbildungsstellen entzogen. Bei insgesamt 7 500 geförderten Stellen pro Jahr seien fünf Prozent in der Summe gleichbedeutend mit 375 Stellen, die weniger für die Weiterbildung zur Verfügung stünden, heißt es im Positionspapier des MB.

Kompetenzzentren existieren ebenso wie das Modell einer Weiterbildungsstiftung vor allem in den Niederlanden. Das Land taugt aber nach Ansicht von MB-Vorstand Gehle nicht als Vorbild für Deutschland. Dort seien die Weiterbildungsstellen kontingentiert und außerdem schlechter bezahlt als hierzulande. „Wer was wird, ist in Deutschland jedem selbst überlassen. Wir wollen nicht, dass das jemand anders festlegt“, ergänzte Gehles Vorstandskollege Botzlar.

KBV-Vorstand Dipl.-Med. Regina Feldmann hält die Kritik des MB am Stiftungsmodell für nicht nachvollziehbar. Im KBV-Modell würden die Weiterbildungskosten über eine aus Steuermitteln gespeiste Stiftung finanziert und seien so von den Krankheitskosten entkoppelt. „Im Klinikbereich hierzulande ist es dagegen heute noch so, dass die Weiterbildungskosten für Klinikassistenten in den DRGs eingepreist sind, egal, ob die jeweilige Klinik weiterbildet“, erklärte Feldmann. Die Wirtschaftlichkeit einzelner DRG-Positionen entscheide darüber, ob Weiterbildungsstellen überhaupt angeboten würden oder nicht.

Feldmann hält darüber hinaus den Vergleich, den der Marburger Bund zur Weiterbildung in Deutschland und in den Niederlanden anstellt, für unzulässig. In den Niederlanden sei der Zugang zur Facharztweiterbildung stark reglementiert und nicht mit dem deutschen System zu vergleichen: „Wir haben den freien Zugang zur Weiterbildung. Ein hohes Gut, dass wir anerkennen und schützen sollten. Anzuerkennen ist aber ebenso, dass in den Niederlanden keine Nachwuchsprobleme in der hausärztlichen Versorgung bekannt sind.“

Für nicht zielführend hält die KBV auch den Musterarbeitsvertrag des MB. Im ambulanten Bereich herrsche das freie Vertragsverhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, betonte Feldmann. Das könne man nicht mit einem Einheitsvertrag übergehen. Mit Blick auf die Neuregelungen zur Vergütung im VSG schloss sie mögliches Lohndumping aus. Feldmann betonte zudem, dass die KVen bereits heute überprüften, ob ausgezahlte Fördergelder die Weiterbildungsassistenten auch wirklich erreichten.

Ähnlich argumentierte auch der Deutsche Hausärzteverband. Seiner Ansicht nach muss es auch weiterhin möglich sein, die Rahmenbedingungen für die ambulante Weiterbildung flexibel an die Gegebenheiten in den Praxen anzupassen. Dass dabei das Gehalt der Ärzte nicht das der Kollegen in den Krankenhäusern unterschreiten dürfe, sei eine Selbstverständlichkeit. „Wir haben bereits vor über einem Jahr, im Rahmen des freiwilligen Kodex Ambulante Weiterbildung, unter anderem ein Gehalt auf dem Niveau der Krankenhäuser festgehalten“, erklärte dessen Bundesvorsitzender Ulrich Weigeldt. Der Verband habe außerdem einen Musteranstellungsvertrag für Ärzte in Weiterbildung entworfen.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) wehrt sich insbesondere gegen die Kritik des MB an der Förderung universitärer Kompetenzzentren. Es sei abwegig, wenn der MB behaupte, dadurch würden die ohnehin knappen Fördermittel geschmälert. Bisher seien die zur Verfügung stehenden Fördermittel zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd ausgeschöpft worden, so die DEGAM. „Genau dieses Problem kann jedoch nur durch eine Verbesserung der Attraktivität und Qualität der ambulanten Weiterbildung gelöst werden.“

Heike Korzilius

Weiterbildung im Gesetz

Die Förderung der ambulanten Weiterbildung ist im Versorgungsstärkungsgesetz verankert. Es trat am 23. Juli in Kraft. Konkret ist vorgesehen, dass

  • die Fördersumme von derzeit 3 500 Euro im Förderprogramm Allgemeinmedizin von den Praxisinhabern auf die im Krankenhaus übliche Vergütung anzuheben und an den Weiterzubildenden in voller Höhe auszuzahlen ist.
  • Die Zahl der geförderten Stellen soll von 5 000 auf 7 000 erhöht werden.
  • Zusätzlich sollen bis zu 1 000 Stellen im Bereich der grundversorgenden Fachärzte finanziert werden.
  • Bis zu fünf Prozent der Fördersumme für die Allgemeinmedizin können verwendet werden, um Einrichtungen zu finanzieren, die die Qualität und Effizienz der Weiterbildung verbessern, wie zum Beispiel universitäre Kompetenzzentren.
  • Die Errichtung einer bundesweiten Stiftung soll geprüft werden.
  • Die KVen sollen prüfen, ob bei der Anstellung eines Weiterzubildenden eine Vergrößerung der Kassenpraxis zulässig ist.

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