POLITIK

Ärztemangel: Den Nachwuchs aufs Land locken

Dtsch Arztebl 2015; 112(38): A-1504 / B-1262 / C-1234

Korzilius, Heike

In ländlichen und strukturschwachen Regionen droht ein Ärztemangel. Der Gesetzgeber hat den Kassenärztlichen Vereinigungen Instrumente an die Hand gegeben, die Niederlassung zu fördern. Die KV Westfalen-Lippe meldet erste Erfolge.

Lage in Ostwestfalen: Vier Ärztinnen und Ärzte haben sich hier neu niedergelassen. Anreiz boten Fördergelder. Foto: picture alliance

Lage, Ostwestfalen-Lippe: „Die gemütliche Kleinstadt am Rande des Teutoburger Waldes ist von traditioneller Landwirtschaft und malerischen Dörfern umgeben.“ So wirbt der Ort auf seiner Website um Touristen. Rund 35 000 Einwohner zählt Lage. Es gibt dort zwei größere Unternehmen: eine Zuckerfabrik und eine Firma, die Grünkohl in Konserven verpackt. Kurz: Lage ist eine typische Kleinstadt auf dem platten Land. Und wie viele andere ländliche Regionen muss sie inzwischen aktiv dafür sorgen, dass sich die medizinische Versorgung vor Ort nicht ausdünnt.

Anzeige

Der zuständige Bezirksstellenleiter der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe, Dr. med. Hans-Christian Körner, lässt Zahlen sprechen: „Mit elf Fachärzten für Allgemeinmedizin und vier hausärztlich tätigen Internisten, was laut Bedarfsplanung einem Versorgungsgrad von 74 Prozent entsprach, waren wir im Sommer 2014 drohend unterversorgt.“ Für die KV, die für die flächendeckende Sicherstellung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung verantwortlich ist, bestand also Handlungsbedarf. „Wir haben in Lage fast ausschließlich Einzelpraxen, wie das oft im ländlichen Bereich der Fall ist“, erklärt Körner im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Der Nachwuchs wolle aber häufig in kooperativen Strukturen arbeiten.

Aufbruchstimmung schaffen

Ziel der KV war es deshalb, Praxisinhaber, die Interesse an einer solchen Kooperation und einem Ausbau ihrer Praxis haben, sowie geeignete Kandidaten für einen Einstieg zusammenzubringen. Die KV lud sämtliche Ärzte der Stadt zu einer Informationsveranstaltung ein und stellte die Fördermöglichkeiten vor (siehe Kasten). „Wir haben versucht, eine Aufbruchstimmung zu schaffen“, sagt Körner, der selbst Hausarzt im nahen Horn-Bad Meinberg ist. Im Schulterschluss mit der Ärztekammer, der Stadt Lage und dem örtlichen Krankenhaus sei so eine Art „schwingender Boden“ entstanden. Der Ansatz war erfolgreich. Vier Hausärztinnen und -ärzte haben sich inzwischen neu in Lage niedergelassen.

Eine von ihnen ist Dr. med. Kathrin Machalke. Die 43-Jährige ist Fachärztin für Innere Medizin und arbeitete 17 Jahre im Krankenhaus im nahegelegenen Detmold, bevor sie beschloss, sich als Hausärztin niederzulassen. „Mir hat es auch im Krankenhaus gut gefallen“, sagt sie. Eine 90-Prozent-Stelle, regelmäßige Überstunden und Dienste führten allerdings dazu, dass sich Familie und Beruf nur noch schwer vereinbaren ließen, erklärt die Mutter von zwei Kindern. „Dazu kommt, dass man sich ja beruflich auch weiterentwickeln will.“ Im Krankenhaus sah sie da keine Perspektive, ohne ihre Arbeitszeiten noch weiter auszudehnen.

Davon, dass die KV Hausärzte für Lage sucht, und von den finanziellen Fördermöglichkeiten erfuhr Machalke durch eine Freundin, die dort als Gynäkologin praktiziert und ihr schon häufiger angeboten hatte, in ihre Gemeinschaftspraxis einzusteigen. Die Aussicht auf ein zinsloses Darlehen und eine Umsatzgarantie für das erste Jahr erleichterten Machalke die Entscheidung für die Niederlassung. Seit 1. Juli hat sie einen vollen Praxissitz in Lage.

„Ich kann jetzt komplett selbstbestimmt arbeiten.“ Kathrin Machalke, Internistin. Foto: privat

Die „KV-Patin“ unterstützt

„Ich kann jetzt komplett selbstbestimmt arbeiten. Das gibt mir viel Zufriedenheit und mehr Zeit für die Familie“, sagt sie. Außerdem schätzt sie die Arbeit mit den Patienten, die sich von der im Krankenhaus deutlich unterscheidet. „Dort hat man wechselnde Patienten. Hier kann ich Patienten begleiten und ein Verhältnis zu ihnen aufbauen.“ Bei der unternehmerischen Seite ihrer Praxistätigkeit wird sie von einer „Patin“ der KV unterstützt, die sie in Abrechnungs- und Verwaltungsfragen berät. Und wie ist das Leben auf dem Land? „Ich bin sehr naturverbunden“, sagt Machalke und lacht. Sie ist in der Region fest verwurzelt. Der Mann arbeitet hier, die Eltern leben im selben Ort und können bei der Kinderbetreuung einspringen, wenn es Not tut. Eine Botschaft an die Kommunen hat sie noch: Auf dem Land fehlten immer noch ausreichend Kita-Plätze mit flexiblen Betreuungszeiten. „Das hört sich banal an, ist aber für berufstätige Eltern eine ganz große Hürde.“

Für die KV Westfalen-Lippe ist Lage ein Erfolgsmodell. „Sicher, weil wir hier zum ersten Mal mit einer finanziellen Förderung der Versorgung durch die KV gearbeitet haben“, erklärte deren Zweiter Vorsitzender, Dr. med Gerhard Nordmann, bei der Vertreterversammlung am 4. September in Dortmund. Am Tag zuvor hatten sich im Haus der KV rund 100 Vertreter der Ärzteschaft, der Krankenkassen und Kommunen mit der Zukunft der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum befasst. Der Tenor der gemeinsamen Veranstaltung mit der Techniker Krankenkasse: Damit sich auch künftig genügend Ärztinnen und Ärzte auf dem Land in eigener Praxis niederlassen, müssen bessere Anreize geschaffen werden. Ansonsten lässt sich die medizinische Versorgung in der Fläche nicht mehr sicherstellen. Noch sei die Versorgung in Westfalen-Lippe gesichert, erklärte Nordmann. Allerdings seien bereits 1 757 der insgesamt 4 977 Hausärzte in Westfalen-Lippe älter als 60 Jahre, und die Nachwuchsgewinnung gestalte sich schwierig.

Um Unterversorgung in ländlichen Bereichen vorzubeugen, gebe es nicht die eine Lösung, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Ingrid Fischbach (CDU). Sie verwies auf die Fördermöglichkeiten für eine Niederlassung, die der Gesetzgeber mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz und dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz geschaffen habe. So könnten die KVen Sicherstellungszuschläge an diejenigen Vertragsärzte zahlen, die in unterversorgten Gebieten tätig werden. Zusätzliche Fördermöglichkeiten gebe es über den Strukturfonds, in den KVen und Kassen jeweils 0,1 Prozent der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung einzahlen. Wichtig sei aber auch, so Fischbach, den Zugang zum Medizinstudium neu zu gestalten. Das sei Teil des Masterplans 2020, den die Bundesregierung derzeit entwickle.

„Jeder zweite Versicherte hat Sorge vor langen Wartezeiten auf Arzttermine und langen Wegen für eine medizinische Behandlung“, erklärte der Leiter der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen der Techniker Krankenkasse, Günter van Aalst, mit Blick auf eine Umfrage unter TK-Versicherten. Um auch in Zukunft eine gute Versorgung zu sichern, müsse man vorhandene Kapazitäten nutzen, indem beispielsweise Versorgungsassistentinnen in den Praxen oder technische Möglichkeiten wie die Telemedizin gefördert würden. Man müsse aber auch starre Sektorengrenzen in der Versorgung überwinden.

Um dem drohenden Nachwuchsmangel entgegenzuwirken, hat die KV Westfalen-Lippe eine Kampagne zur Niederlassungsförderung gestartet. „Wir sprechen die Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung in den Krankenhäusern gezielt an“, sagte KV-Vorstand Nordmann. „Dasselbe wollen wir jetzt auch an den Unis starten.“ KV-Bezirksstellenleiter Körner hat mit seinen Erfahrungen aus Lage eine weitere Zielgruppe im Visier: „Man muss Angebote schaffen für die Generation, die im Krankenhaus eine gewisse Sättigungskurve erreicht hat, die Bilanz zieht und noch mal etwas Neues wagen will, die familiengerechter und selbstbestimmter arbeiten will. Vielleicht ist Allgemeinmedizin die zweite Karriere.“

Heike Korzilius

Fördermöglichkeiten

Der Gesetzgeber hat Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen zahlreiche Möglichkeiten eingeräumt, die Niederlassung von Ärzten zu fördern und die Versorgung sicherzustellen:

  • Niederlassungszuschüsse, Zuschüsse zur Gründung von Zweigpraxen und Förderung von Anstellungen
  • Gründung von KV-Praxen und Anstellung von Ärztinnen und Ärzten
  • Gewährung von Umsatzgarantien, Darlehen und pauschalen Fallzuschlägen
  • Einrichtung von Notfallpraxen zur Entlastung der Ärzte im Notdienst
  • Förderung der Aus- und Weiterbildung durch finanzielle Zuschüsse, Stipendien oder Koordinationsmaßnahmen
  • Unterstützung von Lehrstühlen für Allgemeinmedizin
  • Einrichtung von Niederlassungs- und Kooperationsbörsen Quelle: BMG

Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung informiert im Rahmen ihrer Kampagne „Lass Dich nieder!“ über Fördermöglichkeiten: http://d.aerzteblatt.de/KB31

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige