THEMEN DER ZEIT

Pflege von Menschen mit Migrationshintergrund: Spezifische Bedürfnisse erkennen

Dtsch Arztebl 2015; 112(39): A-1564 / B-1304 / C-1274

Tezcan-Güntekin, Hürrem; Razum, Oliver

Die Voraussetzungen für die Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund unterscheiden sich nur teilweise von denen der übrigen Bevölkerung.

Kulturelle und religiöse Belange sollten berücksichtigt werden. Foto: dpa

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland steigt. Das zeigt sich insbesondere in einer Zunahme der häuslichen Pflege. Nicht nur wächst die Zahl der zu Hause gepflegten Menschen, auch ihr Anteil wächst im Vergleich zur stationären Pflege seit zehn Jahren (1). In der Vergangenheit war der weit überwiegende Teil der Pflegebedürftigen deutschstämmig. Mittlerweile kommen auch zunehmend Migranten/-innen, die im Rahmen der Anwerbeabkommen in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen sind, in ein Alter, in dem chronische Erkrankung und Pflegebedürftigkeit häufiger auftreten. Die meisten dieser Menschen wollten damals in Deutschland nur wenige Jahre arbeiten und dann in ihr Herkunftsland zurückkehren. Viele blieben jedoch entgegen ihrer ursprünglichen Erwartungen und Pläne auch im Alter in Deutschland.

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Zahl Pflegebedürftiger mit Migrationshintergrund steigt

Schätzungen zufolge haben 8,2 Prozent der Pflegebedürftigen hierzulande einen Migrationshintergrund. Dieser Anteil erscheint im Vergleich zu dem der Menschen mit Migrationshintergrund in der Gesamtbevölkerung (20,5 Prozent) zunächst gering (2). Doch auch die Migrantenbevölkerung unterliegt der demografischen Alterung: Die Zahl der 60-jährigen und älteren Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland ist zwischen 1992 und 2004 stark gestiegen: Betrug ihr Anteil im Jahr 1992 noch circa fünf Prozent (321 000 Menschen), so stieg er bis 2004 auf elf Prozent (797 000 Menschen) an (3). Bis 2030 wird er voraussichtlich auf 24 Prozent steigen. Dann wird in Deutschland jeder vierte Mensch über 60 Jahre einen Migrationshintergrund haben (4). Dies geht mit veränderten Herausforderungen für die pflegerische Versorgung einher. Die Voraussetzungen für die Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund unterscheiden sich zumindest teilweise von denen der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Das Wissen um Ähnlichkeiten und Unterschiede ist wichtig für die Organisation und Umsetzung einer bedarfs- und bedürfnisgerechten Pflege in der Einwanderungsgesellschaft.

Menschen mit Migrationshintergrund werden im Durchschnitt zehn Jahre früher pflegebedürftig (5), was auf dauerhafte und belastende Berufstätigkeit in Verbindung mit einem höheren Risiko der krankheitsbedingten, vorzeitigen Erwerbsminderung zurückzuführen sein könnte (6, 7). Die weitere Datenlage zur Pflegebedürftigkeit bei Menschen mit Migrationshintergrund ist ungenügend. Bisher liegen überwiegend nur Einzeluntersuchungen vor; diese weisen allerdings auf eine defizitäre pflegerische Versorgung hin, so zum Beispiel eine Studie des Bundesministeriums für Gesundheit (5). Aus diesem Grund wird häufig auf der Grundlage von Schätzungen und Vermutungen auf Bedarfe dieser Bevölkerungsgruppe geschlossen. Angebote, die daraus hervorgehen – wie Sach- und Kombileistungen, Kurzzeitpflege, häusliche Verhinderungspflege und Hilfsmittel –, sind selten nutzerorientiert und werden von pflegebedürftigen Menschen mit Migrationshintergrund und ihren Angehörigen selten in Anspruch genommen (8).

Besonders prekär wird dieser Umstand durch die nahezu ausschließlich in der Häuslichkeit stattfindende Pflege durch Angehörige. Rund 98 Prozent der türkeistämmigen Pflegebedürftigen werden zu Hause von Angehörigen gepflegt (8); hier vor allem von weiblichen Familienmitgliedern (Partnerin oder Tochter/Schwiegertochter), meist als einziger Pflegeperson (9). Ambulante und stationäre Angebote werden von dieser Bevölkerungsgruppe wenig oder gar nicht genutzt. Dies ist zum einen auf Vorbehalte gegenüber externer Unterstützung bei der Pflege zurückzuführen – diese wird primär als familiäre Aufgabe gesehen. Zum anderen bestehen in der ersten Migranten/-innengeneration teilweise auch Sprachbarrieren, Wissenslücken oder Vorbehalte gegenüber dem deutschen Pflegesystem (6).

Aber nicht alle Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund haben Familienangehörige, die diese Aufgabe übernehmen können oder wollen. Auch wenn in vielen Kulturen die Pflege als Familiensache angesehen wird, fehlen zunehmend Ressourcen zur Übernahme der Pflege in der Familie – ähnlich wie in Familien ohne Migrationshintergrund.

Wachsende soziale und gesundheitliche Ungleichheit

Viele der hier angesprochenen Probleme bestehen also in ähnlicher Form auch bei Pflegebedürftigen ohne Migrationshintergrund. Dazu gehört zuvorderst die Erwartung, dass Menschen auch bei Pflegebedürftigkeit weiterhin so lange wie möglich zu Hause wohnen und dort gepflegt werden und dass die häusliche Pflege meistens von weiblichen Familienangehörigen übernommen wird. Aber auch die bevorzugte Inanspruchnahme von Pflegegeld – im Vergleich zu anderen pflegerischen Leistungen – findet sich bei Menschen mit und ohne Migrationshintergrund.

Zwar ähneln sich grundlegende Bedürfnisse und auch die Pflegesituation in beiden Bevölkerungsgruppen. Aber in einigen wesentlichen Punkten bestehen Unterschiede:

  • Wenn eine Familie mit Migrationshintergrund pflegerische Hilfen in Anspruch nimmt, läuft sie Gefahr, innerhalb der Community stigmatisiert zu werden.
  • Die psychische Belastung der pflegenden Angehörigen mit Migrationshintergrund ist noch höher als bei Menschen ohne Migrationshintergrund (9, 10, 11).
  • Psychiatrische Erkrankungen sind in einigen Kulturen tabuisiert. Dies ist insbesondere im Zusammenhang mit Pflegebedürftigkeit bei Demenz von Bedeutung, da sich die betroffenen Familien von ihrem sozialen Umfeld isolieren oder isoliert fühlen.
  • Demenzerkrankungen gehen bei Menschen mit Migrationshintergrund mit einem frühen Verlust der als Fremdsprache erlernten deutschen Sprache einher, was für die Demenzdiagnostik, aber auch die gesundheitliche und pflegerische Versorgung besondere Herausforderungen zur Folge hat.
  • Pflegerische und psychosoziale Angebote in Deutschland sind nur unzureichend auf die zunehmende Diversität der Nutzer ausgerichtet. Ein Viertel der Befragten mit Migrationshintergrund in einer repräsentativen Studie gaben an, keine pflegerischen Angebote außer Pflegegeld zu nutzen, weil kulturelle und religiöse Belange nicht ausreichend berücksichtigt würden (5).

Erfordernisse einer heterogen Bevölkerung

In Deutschland gibt es erste Studien zum Thema Migration und Pflege. Es sind aber weitere und vor allem systematisch angelegte Untersuchungen zu den Bedarfen und Bedürfnissen der wachsenden Gruppe von Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund notwendig. Es ist zu beachten, dass es sich hierbei um eine sehr heterogene Bevölkerungsgruppe handelt. Daher ist es kaum möglich – und im Rahmen einer integrativen Gesellschaft auch nicht wünschenswert –, spezifische Angebote für jede einzelne Gruppe zu schaffen. Vielmehr müssen spezifische Bedarfe innerhalb der heterogener werdenden Bevölkerung Deutschlands erkannt und berücksichtigt werden. Das gilt selbstverständlich auch für andere gesellschaftliche Merkmale als nur den Migrationshintergrund, also etwa Geschlecht, Alter, Religionszugehörigkeit oder sexuelle Orientierung. So wenig es „die“ Migranten gibt, so wenig gibt es „die“ Deutschen mit gleichartigen Vorstellungen und Wünschen. Einrichtungen und Dienste müssen sich stärker interkulturell öffnen (12), aber auch andere Merkmale der Diversität berücksichtigen (13). Nur so kann im Rahmen der bereits bestehenden Regelversorgung eine stärker nutzerorientierte pflegerische Versorgung in Deutschland gelingen.

Dr. phil Hürrem Tezcan-Güntekin

Prof. Dr. med. Oliver Razum

Abt. Epidemiologie und International Public Health, Fakultät für Gesundheitswissenschaften

Universität Bielefeld

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3915
oder über QR-Code.

1.
IT.NRW (2015): Ergebnisse der Pflegestatistik in NRW. https://www.it.nrw.de/statistik/e/daten/eckdaten/r512pflege.html
2.
Statistisches Bundesamt (2014): Mikrozensus 2013: 16,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Pressemitteilung vom 14. Novemeber 2014 – 402/14. destatis
3.
Baykara-Krumme, H. (2007): Gar nicht so anders: eine vergleichende Analyse der Generationenbeziehungen bei Migranten und Einheimischen in der zweiten Lebenshälfte. http://www2000.wzb.eu/alt/aki/files/iv07–604_generationenbeziehungen_baykara_krumme.pdf . Zuletzt aufgerufen am 25.3.2014)
4.
BMBFSJ (2000): Sechster Familienbericht: Familien ausländischer Herkunft in Deutschland. Leistungen, Belastungen, Herausforderungen und Stellungnahme der Bundesregierung. Deutscher Bundestag. Drucksache 14/4357.
5.
Bundesministerium für Gesundheit (2011): Daten aus der Studie zum Pflege-Weiterentwicklungsgesetz. TNS Infratest Spezialforschung. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/dateien/Publikationen/Pflege/Berichte/Abschlussbericht_zur_Studie_Wirkungen_des_Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes.pdf, zuletzt aufgerufen am 26.06.2013
6.
Kohls, M. (2012): Pflegebedürftigkeit und Nachfrage nach Pflegeleistungen von Migrantinnen und Migranten im demografischen Wandel. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
7.
Schopf, C., Naegele, G. (2004): Alter und Migration – ein Überblick. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 38. 384–95 CrossRef MEDLINE
8.
Okken, P.-K., Spallek, J., Razum, O. (2008): Pflege türkischer Migranten. In: Bauer, U., Büscher, A. (Hrsg.): Soziale Ungleichheit und Pflege. Beiträge sozialwissenschaftlich orientierter Pflegeforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 369–422 CrossRef
9.
Kücük, F. (2010): Die Situation pflegender Familienangehöriger von an Demenz erkrankten türkischen MigrantInnen in Berlin. Eine qualitative Studie zur Versorgung im häuslichen Umfeld. In: Pflegewissenschaft (6): 334–41.
10.
Montoro-Rodriguez,J., Gallagher-Thompson, D. (2009): The role of resources and appraisals in predicting burden among Latina and non-Hispanic white female caregivers: a test of an expanded socio-cultural model of stress and coping. In: Aging & Mental Health 13(5):648–58 CrossRef MEDLINE
11.
Piechotta, G.; Matter, Ch. (2008): Die Lebenssituation demenziell erkrankter türkischer Migrant/-innen und ihrer Angehörigen. In: Zeitschrift für Gerontopsychologie und –psychiatrie 21(4): 221–30 CrossRef
12.
Razum, O., Sass, A. C. (2015). Migration und Gesundheit: Interkulturelle Öffnung bleibt eine Herausforderung. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 58(6): 513–14 CrossRef MEDLINE
13.
Razum, O., Spallek, J. (2014). Addressing health-related interventions to immigrants: migrant-specific or diversity-sensitive? Int J Public Health, 59(6), 893–5 CrossRef MEDLINE
Dr. phil. Hürrem Tezcan-Güntekin
Prof. Dr. med. Oliver Razum
Abt. Epidemiologie und International Public Health, Fakultät für Gesundheitswissenschaften Universität Bielefeld
1.IT.NRW (2015): Ergebnisse der Pflegestatistik in NRW. https://www.it.nrw.de/statistik/e/daten/eckdaten/r512pflege.html
2.Statistisches Bundesamt (2014): Mikrozensus 2013: 16,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Pressemitteilung vom 14. Novemeber 2014 – 402/14. destatis
3.Baykara-Krumme, H. (2007): Gar nicht so anders: eine vergleichende Analyse der Generationenbeziehungen bei Migranten und Einheimischen in der zweiten Lebenshälfte. http://www2000.wzb.eu/alt/aki/files/iv07–604_generationenbeziehungen_baykara_krumme.pdf . Zuletzt aufgerufen am 25.3.2014)
4.BMBFSJ (2000): Sechster Familienbericht: Familien ausländischer Herkunft in Deutschland. Leistungen, Belastungen, Herausforderungen und Stellungnahme der Bundesregierung. Deutscher Bundestag. Drucksache 14/4357.
5.Bundesministerium für Gesundheit (2011): Daten aus der Studie zum Pflege-Weiterentwicklungsgesetz. TNS Infratest Spezialforschung. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/dateien/Publikationen/Pflege/Berichte/Abschlussbericht_zur_Studie_Wirkungen_des_Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes.pdf, zuletzt aufgerufen am 26.06.2013
6.Kohls, M. (2012): Pflegebedürftigkeit und Nachfrage nach Pflegeleistungen von Migrantinnen und Migranten im demografischen Wandel. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
7.Schopf, C., Naegele, G. (2004): Alter und Migration – ein Überblick. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 38. 384–95 CrossRef MEDLINE
8.Okken, P.-K., Spallek, J., Razum, O. (2008): Pflege türkischer Migranten. In: Bauer, U., Büscher, A. (Hrsg.): Soziale Ungleichheit und Pflege. Beiträge sozialwissenschaftlich orientierter Pflegeforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 369–422 CrossRef
9.Kücük, F. (2010): Die Situation pflegender Familienangehöriger von an Demenz erkrankten türkischen MigrantInnen in Berlin. Eine qualitative Studie zur Versorgung im häuslichen Umfeld. In: Pflegewissenschaft (6): 334–41.
10.Montoro-Rodriguez,J., Gallagher-Thompson, D. (2009): The role of resources and appraisals in predicting burden among Latina and non-Hispanic white female caregivers: a test of an expanded socio-cultural model of stress and coping. In: Aging & Mental Health 13(5):648–58 CrossRef MEDLINE
11.Piechotta, G.; Matter, Ch. (2008): Die Lebenssituation demenziell erkrankter türkischer Migrant/-innen und ihrer Angehörigen. In: Zeitschrift für Gerontopsychologie und –psychiatrie 21(4): 221–30 CrossRef
12.Razum, O., Sass, A. C. (2015). Migration und Gesundheit: Interkulturelle Öffnung bleibt eine Herausforderung. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 58(6): 513–14 CrossRef MEDLINE
13.Razum, O., Spallek, J. (2014). Addressing health-related interventions to immigrants: migrant-specific or diversity-sensitive? Int J Public Health, 59(6), 893–5 CrossRef MEDLINE

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