POLITIK

Allgemeinmedizin: Ein Fach im Aufwind

Dtsch Arztebl 2015; 112(45): A-1866 / B-1542 / C-1502

Richter-Kuhlmann, Eva; Rieser, Sabine

Noch gibt es nicht an allen medizinischen Fakultäten Lehrstühle für Allgemeinmedizin. Das Fach ist aber kein Nischenangebot mehr. Das belegt eine Umfrage des Deutschen Ärzteblatts – mit großem Rücklauf.

Foto: CanStockPhoto [m]

Das Hausarzt-Dasein ist unattraktiv für den medizinischen Nachwuchs? Dem widerspricht Naomi Lämmlin, Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd): „Das würde ich mittlerweile gar nicht mehr sagen“, meinte sie in einem Interview mit facharzt.de. „Ich treffe immer häufiger Kommilitonen, die sich das gut vorstellen können. Ich habe das Gefühl, dass sich das Bild der Allgemeinmedizin gerade wandelt.“

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Dass die Allgemeinmedizin bei Studierenden teilweise noch ein schlechtes Image hat, hängt ihrer Meinung nach auch damit zusammen, dass nicht alle Fakultäten einen Lehrstuhl haben: „Das heißt, niemand kämpft dort für die Anerkennung.“ Durch Lehrstühle für Allgemeinmedizin an allen Fakultäten könne die allgemeinmedizinische Ausbildung in enger Zusammenarbeit mit den anderen Fächern vorangetrieben werden, so Lämmlin im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Auch Präsenz und Forschung in der Allgemeinmedizin würden durch einen Lehrstuhl gestärkt, was zur Attraktivität beitrage.

Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM), kämpft seit langem für die Anerkennung des Fachs. Auch er findet, dass sich vieles zum Besseren verändert hat. „Anfang der 90er Jahre gab es in ganz Deutschland sieben wissenschaftliche Mitarbeiter und eine Professur“, erinnerte er im vergangenen Jahr am Rande des Internationalen Hausärztetags. Inzwischen hätten 27 von 37 Medizinischen Fakultäten selbstständige Institute oder Abteilungen für Allgemeinmedizin, an denen auch qualitativ hochwertige Forschungsarbeiten entstünden, die international wahrgenommen würden.

Lehrstühle jetzt fast überall

In Halle, Mainz und Würzburg laufen derzeit Verfahren zur Besetzung weiterer Lehrstühle. „Somit wird in Kürze an mehr als 80 Prozent der medizinischen Fakultäten das Fach Allgemeinmedizin akademisch etabliert sein. Das ist ein großer Erfolg“, betonte Gerlach. „Die restlichen Fakultäten und der dafür erforderliche qualifizierte Nachwuchs werden in den kommenden Jahren schrittweise folgen – da bin ich ganz sicher.“ Schließlich habe die Allgemeinmedizin in der Approbationsordnung einen deutlich stärkeren Stellenwert erhalten. Mit dem Masterplan „Medizinstudium 2020“ der Regierung soll sie weiter gestärkt werden.

Teilen Vertreter der Allgemeinmedizin an den medizinischen Fakultäten Gerlachs positive Bilanz? Woran erkennen sie, dass ihre Bemühungen, für das Fach zu begeistern, bei angehenden Ärztinnen und Ärzten ankommen? Wie würden sie ihr Angebot gern weiterentwickeln? Das DÄ hat dazu alle Medizinischen Fakultäten um Auskunft gebeten. 33 Vertreter der universitären Allgemeinmedizin haben geantwortet – so interessant und umfassend, dass das DÄ alle Antworten im Internet zum Nachlesen dokumentiert (www.aerzteblatt.de/allg2015).

Gerlach kann den Aufwind für sein Fach an seiner eigenen Universität in Frankfurt/Main spüren. Dort wurde 2004 sein Lehrstuhl für Allgemeinmedizin (C4-Professur) eingerichtet. Inzwischen sind eine C3-Professur für Altersmedizin und eine W2-Professur für chronische Krankheiten und Versorgungsforschung hinzugekommen. Allein im dortigen Institut arbeiten rund 40 Mitarbeiter. „Wir stellen eine langsam, aber stetig steigende Akzeptanz des Fachs sowohl unter den Studierenden als auch bei den Fachvertretern anderer Kliniken und Institute fest“, berichtet Gerlach. Wird die geplante Stiftungsprofessur für Multimedikation und Versorgungsforschung finanziert, gibt es bald vier Professuren.

Von einer solchen Ausstattung können Gerlachs Kollegen an der Universität Regensburg derzeit nur träumen. Die Fakultät gehört zu den wenigen, an der es noch keinen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin gibt. Die dortige Lehr- und Forschungseinheit Allgemeinmedizin „Allmed“ wird stattdessen von fünf Lehrbeauftragten getragen. Sie halten Vorlesungen, Kurse und Seminare und sind zuständig für Koordination und Evaluation sowie Forschung. Weiterhin beteiligen sich 68 Lehrpraxen der ostbayerischen Region an der Lehre und bieten Plätze für Blockpraktika an.

„Es klappt sehr gut“, findet Dr. med. Carl Rauscher, einer der fünf Lehrbeauftragten. „Die Lehrpraxen sind bei uns absichtlich das Zentrum der allgemeinmedizinischen Ausbildung im Blockpraktikum und im Praktischen Jahr (PJ). Nur hier bilden sich für die Studierenden transparent Praxis- und Sprechstundenalltag, Patientenfälle, Praxisorganisation sowie die Schnittstelle zwischen ambulanten und stationären Bereich ab.“ Ergänzt werde diese „Lehre an der Basis“ durch regelmäßige Treffen mit den Studierenden an der Uni.

Trotz des großen Engagements der Lehrbeauftragten weiß Rauscher, welche Nachteile ein fehlender Lehrstuhl hat. Ist die Allgemeinmedizin an der Universität kein Fach wie die anderen, macht das eine hausärztliche Tätigkeit unattraktiv selbst für diejenigen, die sich dafür interessieren. „Insbesondere das Abgeschnittensein von der Universität oder einer hochschulähnlichen Institution wird als große Hürde gesehen“, erläutert der Regensburger. „Die Aussicht, bis zur Rente immer dasselbe zu tun, schreckt viele ab.“

Ein dauerhafter Draht zur Universität könnte die beruflichen Perspektiven erweitern. Deshalb möchte Rauscher gemeinsam mit seinen Kollegen ein Projekt in Regensburg etablieren: die „Junior University Partnership of Medi-
cine“. „Unser Ziel ist es, junge Ärzte langfristig an unser Lehrteam anzubinden“, erklärt der Allgemeinarzt.

Unter Supervision von erfahrenen Hausärzten lernen Medizinstudierende während Block- praktikum, Famulatur oder Praktischem Jahr die Arbeit in der Praxis kennen. Foto: dpa

Mehr Habilitierte im Fach

Wie wichtig die Einbindung in die universitären Strukturen für ein Fach ist, betont auch Gerlach: Er verweist auf eine Studie an bayerischen Universitäten von Prof. Dr. med. Antonius Schneider, Lehrstuhlinhaber an der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität München: Dort, wo Lehrstühle für Allgemeinmedizin etabliert sind, sei das Interesse der Studierenden für das Fach Allgemeinmedizin signifikant höher als an anderen Universitäten. Und noch etwas ist ihm wichtig: Die Allgemeinmedizin habe an den Universitäten jahrelang auch wenig gegolten, weil dort Grundlagenforschung, eingeworbene Drittmittel, Impactfaktoren für Publikationen eine große Rolle spielten. Doch sie habe sich nach vorn gekämpft: „Es sind mehr Habilitierte im Fach, die Allgemeinmedizin holt auf, insbesondere bei der Versorgungsforschung.“

Aufgeholt hat die Allgemeinmedizin beispielsweise auch in Lübeck. Prof. Dr. med. Jost Steinhäuser hat vor rund einem Jahr einen Ruf nach Lübeck erhalten und das Institut für Allgemeinmedizin aufbaut. Neben der bereits etablierten 50-Prozent-W2-Professur für Lehre arbeiten dort eine Sekretärin, zwei Wissenschaftler und mehrere Fachärzte. Sie betreuen derzeit 15 Doktoranden, haben die Zahl der Vorlesungen zugunsten von mehr Seminaren reduziert und arbeiten am Aufbau einer „Verbundweiterbildung plus“. „Die didaktischen Möglichkeiten in Seminaren sind vielfältiger als in Vorlesungen. Dafür braucht man jedoch viele Mitarbeiter am Institut, die ein gutes Rollenmodell bieten“, sagt Steinhäuser.

In Lübeck entscheiden sich jährlich bis zu 30 Studierende für ein Praktisches Jahr in der Allgemeinmedizin. Dort sei das Engagement für eine hausarztorientierte Medizin seit längerem groß, nicht nur an der Universität, sondern auch bei Ärztekammer und Kassenärztlicher Vereinigung (KV), berichtet Steinhäuser. Die Gesprächsatmosphäre der Akteure sei gut und konstruktiv, das Engagement sehr hilfreich. So übernimmt die KV beispielsweise Wegekosten für PJ-Absolventen in Allgemeinmedizin, finanziert Famulaturen mit und bietet Informationsveranstaltungen zur Niederlassung an der Fakultät an. „Das ist nicht in jedem Bundesland der Fall, aber so gelingt eben viel mehr“.

Dass mehr gelinge, verlangt auch die Politik. Die Allgemeinmedizin in der ärztlichen Ausbildung zu stärken, war bereits 2012 ein Ziel der Änderungen an der Approbationsordnung für Ärzte. Dr. med. Max Kaplan, Vizepräsident der Bundesärztekammer (BÄK), begrüßt, dass die Politik weiteren Reformbedarf in der ärztlichen Ausbildung erkannt hat. Neben einer optimierten Auswahl der Studienplatzbewerber und der Förderung eines praxisnahen Studiums stelle die Stärkung der Allgemeinmedizin einen wesentlichen Inhalt des „Masterplans Medizinstudium 2020“ dar, sagte Kaplan bei einer gemeinsamen Fachtagung von BÄK und Kassenärztlicher Bundesvereinigung in diesem Jahr.

Angesetzt hat der Gesetzgeber 2012 bereits bei Blockpraktikum, Famulatur und PJ: Medizinstudierende müssen seit Oktober 2013 ein mindestens zweiwöchiges – statt früher einwöchiges – allgemeinmedizinisches Blockpraktikum nachweisen. Ferner haben sie eine einmonatige Pflichtfamulatur in der hausärztlichen Versorgung zu absolvieren. Der Kreis der Hausärzte wurde dafür nicht auf Allgemeinmediziner im engeren Sinne beschränkt. Vielmehr kann man im ambulanten Bereich auch bei Kinderärzten und Internisten ohne Schwerpunkt famulieren.

Diskutiert wird seit langem, ob man die Attraktivität des Fachs Allgemeinmedizin steigern kann, in dem man Medizinstudierende verpflichtet, Erfahrungen darin zu sammeln. Ein Pflichtabschnitt Allgemeinmedizin im PJ ist weiterhin Thema, gerade bei der Diskussion um den Masterplan „Medizinstudium 2020“. Als die Approbationsordnung 2012 geändert wurde, entschied man sich aber dagegen. Stattdessen gilt jetzt eine Quotenregelung: Bis Oktober 2017 müssen die medizinischen Fakultäten für 20 Prozent, bis Oktober 2019 für alle Studierenden die Möglichkeit anbieten, im PJ-Wahltertial Allgemeinmedizin zu belegen.

Die DEGAM schlägt alternativ die Einführung eines Pflichtquartals vor, um dem Nachwuchs neben den Stationen in der Allgemeinmedizin, der Chirurgie und Inneren Medizin eine weitere Wahlmöglichkeit zu lassen. Doch auch dieser Vorschlag stößt bei vielen Institutionen und Organisationen auf Ablehnung: Der Medizinische Fakultätentag (MFT) befürchtet, ein Zwang könne kontraproduktiv wirken. Zudem sei eine solche Maßnahme bei einem Facharztmangel in vielen anderen Disziplinen nicht gerechtfertigt. „Für eine umfassende allgemeinmedizinische Lehre ist vielmehr der Aufbau eines Netzwerks Akademischer Lehrarztpraxen unter der akademischen Leitung der Professur erforderlich“, meint MFT-Präsident Prof. Dr. rer. nat. Heyo Kroemer.

Streit um PJ-Pflichtabschnitt

Auch die bvmd lehnt einen Pflichtabschnitt Allgemeinmedizin im PJ strikt ab und fordert stattdessen zusätzlich zu allgemeinmedizinischen Lehrstühlen an allen Standorten eine „longitudinale Integration allgemeinmedizinischer und modularisierter Lehrinhalte“. Außerdem solle es durch Förderprogramme und zusätzliche Wahlangebote ermöglicht werden, interessierten Medizinstudierenden einen Einblick in die Tätigkeit von Landärztinnen und -ärzten zu geben.

Die DEGAM sieht das immer noch etwas anders. „Die Einrichtung von Lehrstühlen allein reicht nicht aus, um angesichts des demografischen Wandels die flächendeckende allgemeinmedizinische Versorgung der Bevölkerung in den nächsten Jahren sicherzustellen“, betont ihr Präsident Gerlach. „Wir brauchen vielmehr zusätzlich eine substanzielle Stärkung der Allgemeinmedizin in der Ausbildung der Ärzte an den Universitäten.“

Auch wenn ihm kein Vertreter der universitären Allgemeinmedizin widersprechen dürfte, so weisen in der Umfrage des Deutschen Ärzteblatts doch viele darauf hin, dass es eine Reihe weiterer Herausforderungen für das Fach gibt, aber auch Forderungen, gegen die man sich verwahren muss. „Eine intensivierte Ausbildung im Fach Allgemeinmedizin kann helfen, die verzerrte Wahrnehmung vieler Studierender zu korrigieren“, meint Dr. med. Marco Roos, Lehrkoordinator am Allgemeinmedizinischen Institut der Universität Nürnberg-Erlangen. „Die Verzerrung bezieht sich vor allem auf die Meinung zur medizinisch-intellektuellen Herausforderung des Fachs an sich, den Verdienstmöglichkeiten und der Work-life-Balance als Hausarzt.“

Eine große Rolle spielt nach Ansicht des Vorsitzenden der Gesellschaft der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin, Dr. med. Andreas Graf von Luckner, das gelebte und erlebte Vorbild: „Wir müssen die Hausärzte in den Lehrpraxen didaktisch gut ausbilden und ihnen klar machen, welch immens wichtige Rolle sie als Vorbild haben.“ Problematisch sei aber, dass diese sowieso schon viel arbeiteten: „Dann ist es schwer, sie noch für didaktische Schulungen zu gewinnen.“

Die Lehre könne sicherlich begeistern und Mut machen für das Fach, findet Prof. Dr. med. Herbert Rusche, Bochum. „Wir dürfen jedoch nicht übersehen, dass auch seitens der KV, der Kassen und der Politik der Beruf des Allgemeinmediziners in seinen Rahmenbedingungen mit anderen fachärztlichen Ausbildungen Schritt halten muss.“

Mit Unbehagen registrieren manche, dass ihre Entwicklungsvorschläge für das Fach Allgemeinmedizin von einigen nahezu ausschließlich danach beurteilt werden, ob dadurch zukünftig genug Hausärztinnen und Hausärzte zur Verfügung stehen. „Unsere Aufgabe als Allgemeinmediziner an den Universitäten ist es, allen zukünftigen Ärztinnen und Ärzten notwendige Kompetenzen, Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln und damit eine Basis für die ärztliche Berufsausübung zu schaffen“, findet Dr. med. Markus Gulich von der Universität Ulm, wo es eine außerplanmäßige halbe Professur für Allgemeinmedizin gibt. „Es werden an den Fakultäten nicht nur zukünftige Hausärzte ausgebildet, sondern Ärzte jeglicher Fachrichtung, die später auf jeden Fall mit der Primärversorgerebene zusammenarbeiten und sich zumindest im Ansatz auskennen müssen.“

„Es ist unsere zentrale Aufgabe als Hochschullehrer, gute Ärzte auszubilden – und dies zunächst unabhängig davon, welche Fachrichtung sie später ergreifen. Dabei ist eine sehr gute allgemeinmedizinische Lehre zwingend erforderlich, um die Versorgungsrealität im Gesundheitssystem abzubilden“, betont Prof. Dr. med. Nils Schneider, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover. Bei allen strategischen Bemühungen müsse man akzeptieren, dass die Wahl der Fachrichtung, wie das Leben, nicht immer gradlinig verlaufe, gibt Schneider zu bedenken. „Wir sollten nicht der Vorstellung nachgehen, dass wir über das Studium den hausärztlichen Nachwuchsmangel lösen können.“

In vielen Antworten werden weitere Bausteine aufgezählt: eine gute, umfassende Verbundweiterbildung zum Beispiel. Die Vernetzung, sei es mit politischen Akteuren oder mit Kollegen, zum Beispiel durch eine Integration in die Krankenversorgung auf dem Campus wie in Hamburg oder Hannover. Die angemessene Würdigung der Lehrpraxen. Das gilt auch für Bemühungen, Hausärzte für Forschungsvorhaben zu gewinnen.

Doch weil die Allgemeinmedizin an den Universitäten im Aufwind ist, weht hier mancherorts ein frisches Lüftchen. In Lübeck sind Steinhäuser und seine Kollegen gerade dabei, ein Forschungspraxis-Netzwerk aufzubauen – und zwar mit niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen aller Fachrichtungen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann,
Sabine Rieser

@Interviews mit Bergmann und von Luckner: www.aerzteblatt.de/64655 und www.aerzteblatt.de/n64656

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Antje Bergmann, Sektionssprecherin Studium und Hochschule der DEGAM

Lehrstühle für Allgemeinmedizin gibt es mittlerweile an den meisten Fakultäten. Hat das Fach es jetzt geschafft? 

Bergmann: Es gibt noch Luft nach oben: Einige Lehrstühle sind noch nicht besetzt oder die Protagonisten befinden sich in Verhandlungen. Zudem reicht es nicht, dass ein Lehrstuhl für Allgemeinmedizin existiert, sondern dieser muss auch finanziell und personell ausreichend ausgestattet werden. Und dies ist leider nicht immer der Fall.

Wie zufrieden sind Sie mit der Qualität der Lehre?

Bergmann: Das Feedback, das wir von den Studierenden bekommen, ist sehr gut. Praxisnahe und qualitativ hervorragende Lehre sind in derAllgemeinmedizin meist Standard. Dass dies einen großen Einfluss auf die Berufswahl haben kann, beweisen unsere Daten aus Dresden: Waren es 2010 erst acht Prozent der Studierenden, die sich vorstellen konnten, eine Weiterbildung in der Allgemeinmedizin zu beginnen, sind es aktuell 15 bis 20 Prozent der Studierenden – Tendenz steigend.

So hat sich in dieser kurzen Zeit das Interesse der Studierenden an dem Beruf des Hausarztes erhöht . . .

Bergmann: Maßgeblich! Wir legen ja im Studium mit persönlichem Engagement jedes allgemeinmedizinisch Lehrenden den Grundstein: Präsenz, neue Lehrformen, Aktualität, Praxisbezug und 1:1-Betreuung sind unsere Vorteile. Bei Hunderten von Studierenden konnten wir so Interesse für die Allgemeinmedizin wecken und die dazu erforderlichen ärztlichen Basisfähigkeiten vermitteln. Dennoch: Die Bemühungen, Studierende für das Fach zu begeistern und motivierte Ärztinnen und Ärzte in die Weiterbildung zu bekommen, müssen intensiviert werden.

Klasse Allgemeinmedizin

Seit 2011 gibt es unter dem Titel „Klasse Allgemeinmedizin“ ein erfolgreiches Lehrprojekt an der Medizinischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg. Dort werden 20 Studierende in einem festen Klassenverband auf eine spätere Tätigkeit als Hausärzte vorbereitet. Während des Semesters werden sie in den Bereichen Kommunikation, praktische Fertigkeiten und integrierte Medizin speziell trainiert. In der Semesterpause arbeiten sie bei einem ärztlichen Mentor aus Sachsen-Anhalt in der Praxis mit. Derzeit werden 68 Studierende von 52 Mentoren durch den Praxisalltag begleitet. Die Klasse Allgemeinmedizin ist ein Wahlpflichtfach, für das die Studierenden auch einen Schein erhalten.

2014 wurde das Lehrprojekt „Klasse Allgemeinmedizin“ von der Bundesinitiative „Land der Ideen“ zu einem „Ausgezeichneten Ort 2014/15“ und zum Bundessieger im Bereich Bildung gewählt.

LEHRSTÜHLE UND LÜCKEN

Das Institut für Allgemeinmedizin in Essen-Duisburg hat zweimal den Lehrpreis als „bester Aufsteiger“ der Fakultät erhalten. Die Abteilung Allgemeinmedizin in Greifswald organisiert ein Austauschprogramm mit einer „Rural Medi-
cine School“ in Kentucky. Das Institut für Allgemeinmedizin in Hamburg bietet allgemeinmedizinische Versorgung in der zentralen Notaufnahme in Eppendorf.

Wo steht die Allgemeinmedizin an Ihrer Universität? Was bietet sie Studierenden genau? Was fehlt? Alle Antworten der DÄ-Umfrage: www.aerzteblatt.de/allg2015.

Die Allgemeinmedizin ist ein Fach im Aufwind an den Medizinischen Fakultäten.

Nebenstehende Eckdaten verdeutlichen die akademische Entwicklung dieses Faches in Deutschland.

1966 erhielt Prof. Dr. med. Siegfried Häußler von der Medizinischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg den Lehrauftrag „Tätigkeit des Praktischen Arztes“. Dies war der erste Lehrauftrag einer Hochschule für die hausärztliche Medizin und somit die Geburtsstunde der akademischen Allgemeinmedizin in Deutschland.

1972 forderte der Deutsche Ärztetag erstmals die akademische Integration der Allgemeinmedizin durch die Schaffung von Lehrstühlen/Instituten an den medizinischen Fakultäten. Diese sollten von „Praktischen Ärzten besetzt beziehungsweise geleitet“ werden. Gleich lautende Entschließungen gab es 1981, 1982 und 1997.

1976 entstand die erste universitäre allgemeinmedizinische Einrichtung in Deutschland an der Medizinischen Hochschule Hannover, initiiert durch eine kassenärztliche Stiftung. Der erste Lehrstuhlinhaber und Leiter der Abteilung war Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Haehn.

1978 führte eine Änderung der Ärztlichen Approbationsordnung zur Etablierung der Allgemeinmedizin als schriftliches Prüfungsfach im zweiten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung. Gleichzeitig wurde ein „Kurs zur Einführung in Fragen der allgemeinmedizinischen Praxis“ Pflicht für alle Medizinstudierenden.

1999 verlangte der Wissenschaftsrat in seiner Stellungnahme zu den „Perspektiven des Faches Allgemeinmedizin“ die flächendeckende akademische Institutionalisierung des Faches. Das Bundesforschungsministerium legte ein Förderprogramm zum Auf- und Ausbau allgemeinmedizinischer Lehrstühle auf. Diese existierten an sieben Standorten.

2003 trat eine neue Approbationsordnung für Ärzte in Kraft. Sie verpflichtete alle Medizinstudierenden, ein Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin zu absolvieren und ermöglichte die Tätigkeit in Hausarztpraxen während des PJs.

2010 existierten bereits an 18 von 36 Medizinischen Fakultäten in Deutschland selbstständige Abteilungen oder Institute für Allgemeinmedizin. Zusätzlich gab es an elf weiteren Standorten mindestens eine wissenschaftliche allgemeinmedizinische Stelle.

2015 Aktuell gibt es an 27 von 37 medizinischen Fakultäten in Deutschland selbstständige Abteilungen oder Institute für Allgemeinmedizin. Berufungsverfahren laufen derzeit zudem in Halle, Mainz und Würzburg. Ferner existieren an sieben weiteren Standorten wissenschaftliche allgemeinmedizinische Stellen.

Leserkommentare

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mfreitag
am Mittwoch, 11. November 2015, 23:06

Einige Standorte fehlen

Sehr geehrte Damen und Herren,

bei dem Artikelanhang mit den Rückmeldungen der einzelnen Standorte zum Thema Allgemeinmedizin fehlen knapp die Hälfte der Rückmeldungen.

Viele Grüße
Michael Freitag

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