THEMEN DER ZEIT

Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie (DGIP): Anknüpfen an Adlers Traditionen

PP 14, Ausgabe Dezember 2015, Seite 557

Bühring, Petra

Alfred Adler (1870 bis 1937), österreichischer Arzt und Psychotherapeut gilt als Gründer der Individualpsychologie. Foto: picture alliance

Ressentiments gegenüber Flüchtlingen, psychisch Kranke, sozial Schwache, mangelnde Gleichberechtigung der Kinderanalytiker, Machtmissbrauch in Institutionen – der Aspekt der geschlossenen Gesellschaften wohnt all diesen Themen inne.

Auf die Frage, ob er denn „Freudianer“, „Adlerianer“ oder „Jungianer“ sei, soll Albrecht Stadler einmal geantwortet haben: „Ich bin Stadlerianer.“ Mit einem lachenden Auge drückte der heutige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie e.V. (DGIP) damit aus, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe immer nur ein Teil der eigenen Identität sein kann. Die DGIP orientiert sich als psychoanalytische Fachgesellschaft an den Theorien des Freud-Mitstreiters Alfred Adler. Bei der Jahrestagung Ende Oktober in Köln durchzog das gewählte Thema „Geschlossene Gesellschaften“ die Vorträge.

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Die Zusammenhänge von sozialem Status und dem Risiko, psychisch zu erkranken, waren das Thema des Vortrags des Arztes und Psychoanalytikers Holger Kirsch, Evangelische Hochschule Darmstadt. Selbstkritisch merkte er vorweg an: „Der Individualpsychologie sind die sozialen Bezüge abhanden gekommen“, sagte Kirsch. Psychotherapie im Allgemeinen sei zu mittelschichtorientiert. „Häufig werden die, die sie eigentlich brauchen, nicht erreicht.“ Menschen aus unteren sozialen Milieus hätten nicht nur eine geringere Lebenserwartung, auch psychische Erkrankungen seien wesentlich häufiger, führte Kirsch aus. Der Zusammenhang zwischen Kindheitsbelastungen und psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter sei signifikant. Am häufigsten betroffen seien dabei Männer, die gleichzeitig die geringsten Bewältigungsstrategien aufwiesen. Auch Arbeitslose und Alleinerziehende litten häufiger als die Allgemeinbevölkerung an Depressionen, Anpassungsstörungen und somatoformen Störungen.

„Wir brauchen neue Konzepte, um diesen Menschen helfen zu können, und dazu ist auch mehr Forschung notwendig“, forderte Kirsch. Mit der klassischen Komm-Praxis erreiche man die Betroffenen meist nicht. Häufig sei schon die unterschiedliche Sprache – und nicht im Sinne von Fremdsprache – ein Hindernis. „Adler hat ein Netzwerk an Erziehungsberatungsstellen im Wien der 20er Jahre aufgebaut“, erinnerte Kirsch. An diese Traditionen könne man anknüpfen. So sei beispielsweise ein Projekt, in dem Familienhebammen und Psychotherapeuten zusammen Hochrisikomütter kleiner Kinder aufsuchen, sehr erfolgreich. Psychoanalytiker müssen verstärkt in Beratungsstellen tätig werden und präventiv tätig sein, um auch die zu erreichen, die nicht aus eigenem Antrieb kommen.

Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (KJP) Natalie Pampel warf mit ihrem Vortrag „Die magische 21“ einen kritischen Blick auf das Verhältnis der Erwachsenenpsychoanalytiker ihrer eigenen Berufsgruppe gegenüber. „Ich habe in meiner Ausbildung die Gleichwertigkeit der Kinderanalyse nicht gespürt“, sagte sie. Deutlich werde das schon im Sprachgebrauch: „Wir werden nicht als Analytiker bezeichnet, sondern als ,Kijus‘ oder Kindertherapeuten.“ Dabei sei die Arbeit mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen zwar anders, aber ebenso anspruchsvoll: „Kinder sprechen nicht über ihre Ängste und Belastungen – sie inszenieren ihre innere und äußere Welt“, erklärte Pampel. Kinderanalytiker würden weder erziehen, noch zum Spaß mit den Kindern spielen, sondern „um in den potenziellen Raum der Illusion einzutreten“. Pädagogisches Geschick sei durchaus erforderlich, um den Kindern auf Augenhöhe begegnen zu können. Ein Kinderanalytiker müsse mit der meist fehlenden Krankheitseinsicht der Kinder ebenso umgehen können, wie mit Eltern, Großeltern und neuen Partnern der Eltern. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 21 sei der Unterschied zur Erwachsenenanalyse oftmals gar nicht mehr so groß. Natalie Pampel wünschte sich „Veränderungen in Ausbildungsinstituten“ und die gleichwertige Aufnahme von Kinderanalytikern in der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung und der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft.

Mit einem wichtigen und brisanten Thema befasste sich der Psychoanalytiker und Autor Mathias Hirsch: sexualisierter und narzisstischer Machtmissbrauch in Institutionen. Die Verantwortung für den Missbrauch von Schutzbefohlenen und Schwächeren liege immer auch bei den Institutionen. Der Missbrauch durch narzisstische Leiterpersönlichkeiten sei meist eingebettet in ein kollusives System: „Die Täter werden geschützt und die Opfer noch einmal zum Opfer gemacht“, sagte Hirsch. Allen Missbrauchssystemen gemeinsam sei, dass sie abgeschottet von anderen Systemen seien und sozial isoliert: „ein Mikrokosmos, in dem ein eigener Kodex herrscht“.

Identifikation mit dem Täter

Auch psychoanalytische Ausbildungsinstitute seien „von außen schwer einsehbare Biotope“. Bei den Missbrauchsskandalen um charismatische Leiterpersönlichkeiten in der Vergangenheit habe auch eine Rolle gespielt, dass es dort „Identifikationsformen gab, die sich eher mit dem Täter identifizierten“, betonte Hirsch. „Die Taten werden auch oftmals gegen die Werke der Täter aufgerechnet.“ Die Opfer auf der anderen Seite schwiegen aus Scham und Schuldgefühlen und bagatellisierten häufig das Machtverhältnis. „Auch die Identifikation mit dem Aggressor begünstigt Missbrauch, in dem Sinne ,mit dir kann man es ja machen – ja, mit mir kann man es machenʻ“, erklärte Hirsch.

Der Psychoanalytiker forderte die Durchbrechung des Schweigens durch Aufklärung. Ethikkommissionen müssten sich auch gegen „Persönlichkeiten“ stellen. Fachgesellschaften sollten öffentlich diskutieren. Auch Intervisionsgruppen für Lehranalytiker hält Hirsch für eine präventive Maßnahme. Und sollte sich ein Kollege in das „Minenfeld der Liebe“ verirren, dann gelte: „Begehren ist erlaubt, aber die Erfüllung des Begehrens absolut verboten. Liebesbeziehungen unter Ungleichen sind gefährlich – bis hin zu Selbstmorden“.

Petra Bühring

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