THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Pit Wahl, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie (DGIP): „Wir sind eine offene Fachgesellschaft“

PP 14, Ausgabe Dezember 2015, Seite 558

Bühring, Petra

Der für die DGIP-Jahrestagungen zuständige Psychoanalytiker über offene und geschlossene Gesellschaften sowie die Besonderheiten der „Adlerianer“.

Foto: Petra Bühring

Was ist das Besondere an der Individualpsychologie nach Alfred Adler?

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Pit Wahl: Das Besondere ist, dass Alfred Adler – anders als Freud – weniger das intrapsychische Geschehen beachtet hat. Er hat, ausgehend von der sozialen Bezogenheit des Säuglings, das interaktive Geschehen angeschaut, was heute auch innerhalb anderer psychotherapeutischer Strömungen durchaus akzeptiert und verbreitet ist. Adler hat der Freud’schen Triebtheorie schon früh das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes gegenüber gestellt. Dieses Bedürfnis, eine Art Grundmotiv menschlicher Entwicklung, hat er zunächst als Ergänzung zu Freuds Auffassungen betrachtet, später sind die unterschiedlichen Sichtweisen zu einem unversöhnlichen Gegensatz zwischen beiden Männern geworden.

Was haben Psychoanalytiker, die nach Adler arbeiten, gemeinsam?

Wahl: Das Gemeinsame ist, dass wir Individualpsychologen uns besonders auf die soziale Bezogenheit bereits des Säuglings, des Menschen und auf die Stellung des Einzelnen in der Gemeinschaft beziehen und das immer wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Und zwar sowohl in der individuellen Entwicklung als auch in der Betrachtung von Gruppen und gesellschaftlichen Prozessen.

In der DGIP sind nicht nur klinisch tätige ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten vereint, sondern auch Berater. Das ist ungewöhnlich . . .

Wahl: Wir sind eine offene Fachgesellschaft und haben auch Theologen, Pädagogen oder Krankenschwestern als Mitglieder. Das hängt damit zusammen, dass die adlerianische Bewegung insbesondere in den 20er Jahren, und in den beginnenden 30er Jahren vor allem in Wien, sich sehr in der Erziehungsberatung und in der psychosozialen Versorgung betätigt hat. Dabei waren viele Berufsgruppen, auch Künstler, mit tätig.

In der DGIP gibt es heute eine Art Doppelstruktur: Die tragende Säule dieser Vereinigung sind die Alfred-Adler-Institute, die staatlich anerkannte Psychotherapieausbildung sowie Ausbildungen zum individualpsychologischen Berater anbieten. Darüber hinaus können sich in dieser Gesellschaft Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen und Berufsfeldern organisieren, wenn sie sich dem adlerianischen Gedankengut verbunden fühlen.

Eine offene Gesellschaft mit dem Thema „geschlossene Gesellschaften“ für ihre Jahrestagung. Warum gerade dieses Thema?

Wahl: Das hat damit zu tun, dass zunächst die Anbindung an andere, im Gegensatz zum Ausgeschlossen- sein, für die individuelle Entwicklung von großer Bedeutung ist. Eine geschlossene Gesellschaft in diesem Sinne ist eine Voraussetzung für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung: Also die Geschütztheit in der Familie, die Mutter-Kind-Bindung, die Vater-Kind-Bindung, die Identifikation mit dem Familienverband ist für die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit zentral. Ohne Abgrenzung nach außen kann sie nicht wachsen.

Aber auch die Beziehungen nach außen sind wichtig und werden zunehmend wichtig: Kinder kommen in eine Krabbelgruppe, in den Kindergarten oder in die Schule. Da ist die soziale Bezogenheit vorgegeben und es ist eine soziale Reife notwendig. Die entsteht in den Primärbeziehungen zu Vater, Mutter und Geschwistern.

Man kann mit dem Begriff „geschlossene Gesellschaften“ auch etwas Verschlossenes verbinden . . .

Wahl: Ich glaube, dass wir daran gewöhnt sind, geschlossen mit zugeschlossen gleichzusetzen: Auf Religionen trifft das ja auch teilweise zu. Radikale Religionsgemeinschaften, die Zeugen Jehovas beispielsweise, sind sehr in sich geschlossen und schotten sich unglaublich nach außen ab. Das führt sehr häufig zu seelischen Störungen. Ich habe lange in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet und bin dort häufig Kindern aus solchen Familien begegnet.

Mathias Hirsch sprach Machtmissbrauch in Institutionen, auch in Ausbildungsinstituten, an. Geschlossene Gesellschaften, die sich besser öffnen sollten?

Wahl: Genau, denn wenn sich eine Gesellschaft an irgendeiner Stelle verschließt oder abdichtet, kein Austausch mehr stattfindet, dann werden Tabus aufgebaut. Und die, die gegen das Tabu zu verstoßen drohen, werden bedroht mit Ausstoß, mit Ausschluss, das wäre dann eine zugeschlossene Gesellschaft. Die Psychoanalyse ist ja angetreten mit einer emanzipatorischen Idee und einer Vorstellung, Tabus aufzubrechen. Und gerade Freud, Adler und Jung haben sehr viel dazu beigetragen, überkommene gesellschaftliche Vorstellungen und Tabus aufzubrechen.

Also könnte man die Wahl des Themas auch so verstehen, dass Sie die geschlossene psychoanalytische Community öffnen wollen?

Wahl: Ja, das wollen wir unter die Lupe nehmen und auch, wie offen wir selber sind. Die verschiedenen Facetten können Sie an dem Tagungsprogramm ablesen. Zum Beispiel wie offen wir den analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) gegenüber sind.

Nach dem Vortrag der KJP Natalie Pampel scheint das ein eher

hierarchisches Verhältnis zu sein?

Wahl: Traditionell nicht wirklich gleichberechtigt und nicht wirklich offen. Die Frage, ob die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten selber Lehranalytiker werden können oder nicht, wird sehr kontrovers diskutiert. Sie können zwar Mitglied in den psychoanalytischen Gesellschaften (DGIP, DPV und DPG) werden, aber nicht Lehranalytiker.

Und warum nicht?

Wahl: Das wird begründet mit dem Unterschied in der Arbeit mit Heranwachsenden und Erwachsenen. Das Hauptargument ist, dass die Erwachsenenanalytiker mit anderen regressiven Prozessen umgehen müssen. Und dass das in einer Arbeitsform, in der sehr viel mehr im Handlungsdialog passiert, weniger der Fall ist.

Ein ganz anderes Thema: Flüchtlinge können die deutsche Gesellschaft auch als geschlossene oder auch feindliche Gesellschaft erleben. Welche Rolle können Psychoanalytiker einnehmen, um gesellschaftspolitische Diskussionen in Gang zu bringen?

Wahl: Wir können besonders betonen, wie wichtig es für Menschen ist, die in anderen Kulturkreisen und anderen Religionen verwurzelt sind, hier respektiert zu werden. Ihr Kulturkreis und ihre Religion sind für ihre Identität wichtig. Es darf nicht darum gehen, ihnen diese Identität zu nehmen und einseitig auf Anpassung oder gar Unterwerfung hinzuarbeiten. Es ist wichtig, die Flüchtlinge zu integrieren, aber auch zu respektieren, dass sie ihre Besonderheit haben und auch behalten dürfen. Das kann gelingen: In den USA, die natürlich sehr viel mehr Erfahrung mit Migration und Integration haben, und besonders in New York gibt es diese ganzen Subkulturen, die ihre eigenen Regeln und Traditionen behalten haben und die sich trotzdem als Teil eines Ganzen verstehen.

Sind Psychoanalytiker in irgendeiner Form in die Versorgung traumatisierter Flüchtlinge eingebunden?

Wahl: Ich kenne viele Kollegen, die sich spontan gemeldet haben, gerade bei der Verarbeitung von Traumatisierungen behilflich zu sein. Die integrieren sich meist in die örtlichen Initiativen. Aber es gibt das Sprachproblem. Solange man sich in Englisch verständigen kann, ist das meistens noch zu lösen. Wenn man aber mit Menschen zu tun hat, die keine Fremdsprache sprechen oder eine, die wir nicht beherrschen – das ist schwierig.

Das Gespräch führte Petra Bühring

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