Das World Wide Web (WWW) eignet sich durch die nahezu ubiquitäre Erreichbarkeit, die einfache
Aktualisierbarkeit (1) der Information und relativ einfaches Publizieren (2) für die Einrichtung einer KlinikPräsentation. Problematisch für die Nutzer sind oftmals die unüberschaubare Informationsfülle und die
ungesicherte Qualität der dargebotenen Information (3, 4).
Die zunehmende Anteilnahme des Patienten an medizinischen Entscheidungen setzt eine gewisse Informiertheit
voraus. Das Informationsbedürfnis beschränkt sich allerdings nicht nur auf medizinische und
krankheitsbezogene Belange, es richtet sich auch auf Organisatorisches wie Sprechzeiten, Leistungsangebote,
Telefonnummern, Lagepläne und anderes. Aus der Sichtweise eines Klinikums stellt sich aber nicht nur der
Patient als Klient dar, auch die Angehörigen, die zuweisenden und weiterbehandelnden Ärzte und Kliniken
haben einen Informationsbedarf. Gleichzeitig ist die möglichst objektive Darstellung des Leistungsspektrums
einer Klinik eine Notwendigkeit.
Konzeption und Standards
Das Projekt einer Klinik-Präsentation wurde als umfassende Informationsmöglichkeit über das Klinikum
Darmstadt entwickelt (http://
klinikum.darmstadt.de). Das Medium Internet sollte Grundlage eines benutzerfreundlichen Informationssystems
werden und sämtliche Kommunikationsschnittstellen bedienen. Zusätzlich wurde geplant, die Struktur des
Klinikums, seine Zielsetzungen und Leitlinien, sowie interne Abläufe transparent darzulegen. Mit diesem
Konzept ist das Projekt richtungweisend im deutschen Krankenhauswesen.
Zunächst wurden Zielgruppen definiert und die hiervon abhängigen Inhalte und Themengebiete gesammelt. Im
Vordergrund standen die Wertung des Nutzens und die zu berücksichtigenden rechtlichen Aspekte. Hiervon
wurden für die verschiedenen Abteilungen des Klinikums Inhalts- und Formstandards abgeleitet. Diese
Standards orientieren sich zudem an bestimmten vorgegebenen Qualitätsnormen und Evaluationskriterien (5, 6,
7). Nach Erarbeitung der Standards wurden die zu kommunizierenden Inhalte gruppiert und das grundlegende
Konzept erstellt. Für die Darstellung der abteilungsspezifischen Inhalte wurde zielgruppenübergreifend an Hand
der Präsentation der Medizinischen Klinik I ein Formstandard entwickelt (siehe Kasten und Screenshot).
Rechtliche Aspekte
Die Veröffentlichung von Daten - seien es allgemeine oder organisatorische Daten, Leistungsdaten,
medizinische Aufklärung und ähnliches - steht immer auch in einem rechtlich definierten Raum. Die
Entwicklung eines Informationssystems wird neben dem Presserecht im wesentlichen bestimmt durch:
c das Datenschutzgesetz (Bundesdatenschutzgesetz),
c das Berufsrecht der Ärzte (Berufsordnung der Ärzte),
c das Heilmittel-Werbegesetz (HWG) sowie
c die Gesetze gegen unlauteren Wettbewerb (UWG).
Die dadurch gegebenen Einschränkungen sind einerseits in jedem Fall zu berücksichtigen. Andererseits sind
weite Teile des Projekts unter Umsetzung neuer Technologien noch nicht als rechtlich relevant berücksichtigt
worden. Hieraus ergeben sich zwangsläufig Grauzonen, insbesondere im Hinblick auf das Werbeverbot des
ärztlichen Berufsrechts.
Hier können bereits "unvorsichtige" Formulierungen in Abteilungsbeschreibungen unerlaubten Werbecharakter
besitzen. In der Umsetzung wurden die zu veröffentlichenden Inhalte durch eine unabhängige Stelle (zum
Beispiel Pressestelle, Datenschutzbeauftragter) geprüft. Steht zusätzlich eine fachkompetente Revision zur
Verfügung, kann dies im Sinne eines Peer-Review-Prozesses Qualitätsmerkmal einer Website werden.
Realisation
Im Rahmen der Erstellung wurde der Domain-Name "klinikum.darmstadt.de" registriert. Für die Einbindung der
Inhalte wurde ein intuitiv zu bedienendes grafisches Navigationssystem entwickelt, das, ringförmig aufgebaut,
durch die Klinik und deren Abteilungen zu den verschiedenen Dokumenten und Informationen führt.
Dabei verzweigen die angesteuerten Seiten auf weitere Verzeichnisse und Ebenen. Sämtliche Inhalte sind den
folgenden Kategorien zugeordnet:
c Kliniken und Institute (abteilungsspezifische Inhalte);
c Patienteninformation (zum Beispiel alphabetischer Index, Patientenbroschüre, Geschichte, Ansichten,
Telefonnummern);
c organisatorische Daten (Verwaltung, Organigramme, Pflegedienst, wirtschaftliche Daten);
c Ausbildungsdaten (Möglichkeiten, Voraussetzungen, Fort- und Weiterbildung);
c Links (Medline, Workshops und andere);
c Lagepläne (Lage- und Gebäudepläne);
c aktuelle Daten (zum Beispiel Vorträge, Presseerklärungen, Neuerungen).
Diese Kategorien sind unter Verwendung einer Navigationsgrafik miteinander verknüpft. Der Besucher hat
hierbei die Möglichkeit, wahlfrei direkt eine Kategorie anzusteuern oder aber im Sinne eines "Rundgangs" sie
der Reihe nach zu besuchen. Die Seiten des Informationssystems weisen ein einheitliches Layout auf, um eine
überschaubare und leicht zu bedienende Oberfläche zu präsentieren. Das System enthält zur Zeit 123
miteinander über Links verbundene HTML-Dokumente und umfaßt circa 450 DIN-A4-Seiten schriftliche
Information.
Die Erfahrungen in der Erstellung zeigten, daß eine fundierte Planung mit breitangelegter Basisinformation
möglicher Beteiligter unumgänglich ist. Letztlich verzögerte sich die Veröffentlichung des Systems in Darmstadt
um rund ein halbes Jahr, weil Fristen für die Abgabe der Inhalte nicht eingehalten wurden. Erst nach
Informationsveranstaltungen und vor dem Hintergrund einer Pressekonferenz kam es zur Mitarbeit verschiedener
Abteilungen.
Hier ist auch ein wesentlicher Konfliktpunkt bei der Realisation eines solchen Projekts durch externe
Dienstleister zu erwarten. In einer großen Klinik mit heterogenen Abteilungen können Externe, geschweige denn
Nicht-Mediziner, kaum auf konstruktive Mitarbeit hoffen. Diese Mitarbeit ist aber für eine erfolgreiche
Umsetzung nötig, da zwar perfekt designte Web-Seiten erstellt werden können, jedoch die Inhalte aus der Klinik
selbst stammen müssen.
Wenn ein externer Dienstleister eingebunden wird, ist auf die langfristige Registrierung eines aussagekräftigen
Domain-Namens (eventuell in eigener Regie) zu achten, um bei einem etwaigen Providerwechsel nicht
Briefbögen mit aufgedruckter URL (Internet-Adresse) zu entwerten.
Evaluation und Ergebnisse
Zur Überprüfung des Projekts wurden Bekanntheitsgrad, Akzeptanz und Bewertung des Mediums und
Informationssystems selbst, mittels Fragebogen nach Zielgruppen getrennt, evaluiert. Zudem wurden der
Verbreitungsgrad von Computern, die Erreichbarkeit von Internet-Zugängen und der erwartete Gebrauch erfaßt.
Zusätzlich konnte die Statistik der Zugriffe auf die Seiten des Informationssystems ausgewertet werden.
Die Patientenbefragung ergab einen hohen Anteil an geplanten Aufnahmen/Behandlungen von 62 Prozent,
woraus sich ein entsprechendes Potential hinsichtlich Vorabinformationen zur Klinik und zu Erkrankungen
ableiten läßt. Dies bestätigt sich bei der Frage nach dem tatsächlichen Informationsverhalten, wobei knapp 70
Prozent der Teilnehmer die Klinik kannten oder sich gezielt vorher erkundigten (23 Prozent). Ebenfalls knapp 70
Prozent der Teilnehmer informierten sich zur Erkrankung, ein weiterer (zusätzlicher) Informationswunsch
besteht bei circa 60 Prozent.
Traditionelle Quelle der Information über Erkrankungen ist der Hausarzt mit knapp 85 Prozent der Nennungen.
Immerhin signalisierten etwas mehr als 60 Prozent der Befragten ihre Bereitschaft, Informationen über
Computer und Internet zu beziehen. Dabei erscheint die Gruppe der Frauen dem Medium gegenüber
aufgeschlossener als die der Männer, im Gegensatz zum bisher beobachteten, tatsächlichen Nutzungsverhalten
(8).
Die Ergebnisse für die aktuelle Computernutzung (45 Prozent der Teilnehmer) und Computerbesitz (37 Prozent
der Teilnehmer) liegen in etwa im Rahmen der Ergebnisse des Instituts für Demoskopie, Allensbach, von 1997
(9). Mit einem Anschaffungsbedarf bei knapp 25 Prozent ergibt sich erneut ein Potential von 70 Prozent der
Teilnehmer, die die Voraussetzungen zur Internet-Teilnahme erfüllen würden. Immerhin 50 Prozent der
Computerbesitzer verfügen über einen Internetzugang, und 30 Prozent planen die Anschaffung, so daß auch hier
in Zusammenschau mit den Prognosen für das Internet-Wachstum und die Mitgliedszahlen der Online-Dienste
die Basis für eine breite Informationsplattform in Zukunft gegeben ist.
Die Ergebnisse der Fragen bezüglich Informationspräferenzen und gewünschte Inhalte zeigten, korrespondierend
zu den Ergebnissen des Informationsverhaltens, ein deutliches Überwiegen der Nennungen für Erkrankungen,
Behandlungsmethoden und Ärzte.
Hinsichtlich der Bedeutung elektronischer Patienteninformation unterstützen die Ergebnisse die Anstrengungen,
ein solches System zu installieren: 62 Prozent schätzen es als wichtig ein, 31 Prozent geben eine mittlere
Bedeutung an, lediglich sechs Prozent empfinden es als bedeutungslos.
Die Ergebnisse der Zugriffsstatistik zeigen mit monatlich circa 20 000 Zugriffen respektable Werte. Der Einfluß
von PR-Maßnahmen spiegelt sich in den Zugriffszahlen deutlich wider. Auch der Eintrag in mehreren
Suchmaschinen ist wichtig.
Die vermehrte Abfrage von Informationen zu Erkrankungen beziehungsweise Behandlungen, die planbar
erscheinen, wie dermatologische Daten oder Informationen zur Sterilität und ihrer Behandlung, läßt den Schluß
zu, daß eben diese Daten von besonderem Interesse sind.
Schlußfolgerungen
Die Auswertung der Patientenbefragung zeigte einen deutlichen Informationsbedarf hinsichtlich Erkrankungen,
allgemeinen Daten zum Klinikum und zu Ärzten. Hierbei ist das Informationsverhalten der Patienten, die sich
gezielt ins Krankenhaus begeben, am größten. Die Bereitschaft, elektronische Medien zur Information zu nutzen,
die vorhandene und erwartete Ausstattung an PCs und Internet-Zugängen, die Einschätzung der Befragten über
die Bedeutung des Mediums sind so hoch, daß eine Präsenz im Internet obligat erscheint.
Die Analyse der Zugriffsstatistik beweist den Erfolg des Informationssystems. In Zukunft wird die technische
Entwicklung die Erstellung und Wartung eines solchen Systems noch weiter vereinfachen, Bedarf und Nutzung
werden parallel zum Wachstum des Internet weiter exponentiell steigen. Mit dieser Technologie können mehr
Menschen zu einem Minimum an Kosten, zum Teil sogar individuell, informiert werden als mit anderen Medien
im Gesundheitswesen.
Der Trend zum informierten Patienten, der medizinische Entscheidungen im Konsens mit dem behandelnden
Arzt trifft, wird zunehmen. Diese Art von Informationssystemen wird bald wesentlicher Bestandteil der
Öffentlichkeitsarbeit der Krankenhäuser sein.
Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1999; 96: A-2016-2018
[Heft 31-32]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das bei den Verfassern erhältlich ist.
Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Dipl.-Math.
Wolfgang Kirsten
Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität
Zentrum der Medizinischen
Informatik
Theodor-Stern-Kai 7
60590 Frankfurt am Main
Dr. med. Stefan Rosenbrock
Klinikum Darmstadt
Medizinische Klinik I
Grafenstraße
64283 Darmstadt
Inhalte des Formstandards
c Allgemeine Information zur Abteilung mit Darlegung wichtiger Abteilungsprinzipien (Krankheitsbilder,
Diagnostik, Therapie)
c Darstellung der Funktionsbereiche sowie der eingesetzten Großgeräte mit kurzen Erläuterungen
c Auflistung der verschiedenen (Behandlungs-)Stationen mit medizinischer Ausstattung, zuständigen
Oberärzt(inn)en, Telefonnummern, Sprechzeiten und anderen
c Angaben zum Stellenschlüssel und Personal, Ausbildungsmöglichkeiten in der Abteilung, Auflistung wichtiger
Telefon- und Faxnummern
c Ärztliche Informationen mit Darlegung der speziellen Leistungen der Abteilung, neue Diagnostik- und
Behandlungsprinzipien, eventuell mit Darstellung interessanter Kasuistiken
c Angaben zu Leistungsdaten und Untersuchungszahlen
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