78 Artikel im Heft, Seite 34 von 78

POLITIK: Kommentar

Kunstfehler und Phantom-Risiken

Dtsch Arztebl 1999; 96(41): A-2575 / B-2199 / C-2063

Porzsolt, Franz; Ohletz, Andrea

Ob es als Kunstfehler zu werten sei, fragte ein Allgemeinarzt, wenn er dem Anliegen einer Mutter nachkäme, bei einem Sechsjährigen mit nachgewiesener Streptokokkenpharyngitis auf eine antibiotische Therapie wegen des Risikos allergischer Reaktionen (und möglicher Resistenzentwicklungen) zu verzichten. Die Frage ist durchaus relevant, weil das Risiko einer Poststreptokokken-Glomerulonephritis oder eines akuten rheumatischen Fiebers, dessen Häufigkeit mit ein bis drei Prozent angegeben wird, gegenüber den Risiken einer Resistenzentwicklung oder allergischen Reaktion auf die antibiotische Therapie abzuwägen ist. Eine Literaturrecherche sollte mehr Aufschluß geben.
Mit Unterstützung des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information, Köln, wurde eine Recherche in 64 Datenbanken durchgeführt. Es wurden aber keine validen Daten gefunden, die das beschriebene Poststreptokokken-Risiko belegten.
Bei der Datenbankrecherche wurde ein Übersichtsartikel im "Medical Journal of Australia" entdeckt, der das Risiko eines akuten rheumatischen Fiebers nach Streptokokkeninfektion als so gering einstuft, daß es für Länder mit gutem Hygienestandard in aller Regel keine Bedeutung habe und deshalb von einer Antibiotikatherapie abzuraten sei. Das in vielen Lehrbüchern beschriebene Poststreptokokken-Risiko ist in Deutschland sehr wahrscheinlich ein "Phantom-Risiko" weil auch durch sorgfältige Recherchen keine wissenschaftlichen Daten gefunden wurden, die die Existenz dieses Risikos bestätigen. Wissenschaftler in Oxford haben kürzlich Empfehlungen zu antibiotischen Therapien veröffentlicht und aufgrund der alarmierenden Resistenzentwicklung vom unkritischen Antibiotika-Gebrauch auch bei Streptokokkenpharyngitis abgeraten.
Die Moral der Geschichte: Allzu viele Allergien und Resistenzen können durch das Ergebnis der Recherche nicht vermieden werden, weil wahrscheinlich viel weniger eingenommen als in der Apotheke nachgefragt wird. Eine auf Daten gestützte Medizin (Evidence-Based Medicine, kurz: EBM) ist wesentlich besser als ihr Ruf, weil sie in der Lage ist, Probleme der täglichen Praxis zu lösen. Man sollte dem anfragenden Allgemeinarzt im Szenario doch keinen Kunstfehler vorwerfen, wenn er auf eine Maßnahme verzichtet, für deren Begründung es offensichtlich keine Daten gibt.
EBM wird häufig falsch verstanden oder fehlinterpretiert: Wer sich der Mühe unterzieht, nach gesicherten Daten zu suchen, wird wesentlich häufiger feststellen, daß Ungesichertes (Phantom-Wissen) behauptet als Gesichertes übersehen wird. Wenn Behauptungen mit nicht unerheblichen medizinischen und ökonomischen Konsequenzen ohne die notwendige Sorgfalt bei der Erhebung, Verarbeitung und Interpretation der Daten aufgestellt werden, könnte mit Recht ein fahrlässiger Umgang mit Daten abgenommen werden.
Würde man der Datenqualität in der Medizin diesen Stellenwert zukommen lassen, hätte man eine solide Handhabe, das Gesundheitssystem effizient zu steuern. Darauf beruht die Zielsetzung der Klinischen Ökonomik, das heißt, im Gesundheitssystem nicht eine Mark weniger - diese allerdings sinnvoll, zum Nutzen der Patienten auszugeben. Wenn sich die Ärzte in Praxis und Klinik nicht um diese Probleme kümmern, wird den Ökonomen nichts anderes übrigbleiben, als es allein zu tun. Da diese Aufgaben zusätzlich kaum zu bewältigen sind, könnte man über ein Konzept "Klinische Ökonomik" nachdenken.


Prof. Dr. med. Franz Porzsolt,
Andrea Ohletz

Anzeige

Drucken Versenden Teilen Leserbrief
78 Artikel im Heft, Seite 34 von 78

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

 Zeitraum HTML PDF 
5 / 2013 3 0
4 / 2013 10 0
3 / 2013 5 0
2 / 2013 4 0
10 / 2012 2 0
7 / 2012 1 0
2013 22 0
2012 12 3
2011 8 2
2010 16 5
2009 17 2
2008 265 28
2007 350 35
2006 209 161
2005 64 43
Total 963 279

Leserbriefe

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in