POLITIK: Kommentar
Kunstfehler und Phantom-Risiken
Dtsch Arztebl 1999; 96(41): A-2575 / B-2199 / C-2063


Ob es als Kunstfehler zu werten sei, fragte ein Allgemeinarzt, wenn er dem Anliegen einer Mutter
nachkäme, bei einem Sechsjährigen mit nachgewiesener Streptokokkenpharyngitis auf eine antibiotische
Therapie wegen des Risikos allergischer Reaktionen (und möglicher Resistenzentwicklungen) zu verzichten. Die
Frage ist durchaus relevant, weil das Risiko einer Poststreptokokken-Glomerulonephritis oder eines akuten
rheumatischen Fiebers, dessen Häufigkeit mit ein bis drei Prozent angegeben wird, gegenüber den Risiken einer
Resistenzentwicklung oder allergischen Reaktion auf die antibiotische Therapie abzuwägen ist. Eine Literaturrecherche sollte mehr Aufschluß geben.
Mit Unterstützung des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information, Köln, wurde eine
Recherche in 64 Datenbanken durchgeführt. Es wurden aber keine validen Daten gefunden, die das beschriebene
Poststreptokokken-Risiko belegten.
Bei der Datenbankrecherche wurde ein Übersichtsartikel im "Medical Journal of Australia" entdeckt, der das
Risiko eines akuten rheumatischen Fiebers nach Streptokokkeninfektion als so gering einstuft, daß es für Länder
mit gutem Hygienestandard in aller Regel keine Bedeutung habe und deshalb von einer Antibiotikatherapie
abzuraten sei. Das in vielen Lehrbüchern beschriebene Poststreptokokken-Risiko ist in Deutschland sehr
wahrscheinlich ein "Phantom-Risiko" weil auch durch sorgfältige Recherchen keine wissenschaftlichen Daten
gefunden wurden, die die Existenz dieses Risikos bestätigen. Wissenschaftler in Oxford haben kürzlich
Empfehlungen zu antibiotischen Therapien veröffentlicht und aufgrund der alarmierenden Resistenzentwicklung
vom unkritischen Antibiotika-Gebrauch auch bei Streptokokkenpharyngitis abgeraten.
Die Moral der Geschichte: Allzu viele Allergien und Resistenzen können durch das Ergebnis der Recherche
nicht vermieden werden, weil wahrscheinlich viel weniger eingenommen als in der Apotheke nachgefragt wird.
Eine auf Daten gestützte Medizin (Evidence-Based Medicine, kurz: EBM) ist wesentlich besser als ihr Ruf, weil
sie in der Lage ist, Probleme der täglichen Praxis zu lösen. Man sollte dem anfragenden Allgemeinarzt im
Szenario doch keinen Kunstfehler vorwerfen, wenn er auf eine Maßnahme verzichtet, für deren Begründung es
offensichtlich keine Daten gibt.
EBM wird häufig falsch verstanden oder fehlinterpretiert: Wer sich der Mühe unterzieht, nach gesicherten Daten
zu suchen, wird wesentlich häufiger feststellen, daß Ungesichertes (Phantom-Wissen) behauptet als Gesichertes
übersehen wird. Wenn Behauptungen mit nicht unerheblichen medizinischen und ökonomischen Konsequenzen
ohne die notwendige Sorgfalt bei der Erhebung, Verarbeitung und Interpretation der Daten aufgestellt werden,
könnte mit Recht ein fahrlässiger Umgang mit Daten abgenommen werden.
Würde man der Datenqualität in der Medizin diesen Stellenwert zukommen lassen, hätte man eine solide Handhabe, das Gesundheitssystem effizient zu steuern. Darauf beruht die Zielsetzung der Klinischen
Ökonomik, das heißt, im Gesundheitssystem nicht eine Mark weniger - diese allerdings sinnvoll, zum Nutzen
der Patienten auszugeben. Wenn sich die Ärzte in Praxis und Klinik nicht um diese Probleme kümmern, wird
den Ökonomen nichts anderes übrigbleiben, als es allein zu tun. Da diese Aufgaben zusätzlich kaum zu
bewältigen sind, könnte man über ein Konzept "Klinische Ökonomik" nachdenken.
Prof. Dr. med. Franz Porzsolt,
Andrea Ohletz
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