

ZUSAMMENFASSUNG
Viele Personen, die durch einen Auffahrunfall eine HWS-Distorsion erlitten haben, klagen initial, aber auch in
einem späten Stadium, sechs Monate und länger nach dem Trauma, über eine Beeinträchtigung von
Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnisfunktionen. Die kognitiven Störungen sind eingebettet in
vielfältige Störungen der Befindlichkeit. Dieser Beschwerdekomplex wird als ein charakteristisches Syndrom
der Spätfolgen nach sogenanntem Schleudertrauma aufgefaßt. Zur Entstehung des Syndroms werden alternativ
traumatisch, durch Hyperextension der HWS ausgelöste Durchblutungsstörungen im vertebro-basilären
Stromgebiet oder eine begleitende sogenannte minimale traumatische Hirnschädigung angeführt, die sich
allerdings dem Nachweis durch bildgebende Verfahren entzieht. Neuropsychologische Testuntersuchungen
können, für sich genommen, eine organische Hirnschädigung nicht belegen. SPECT- und PET-Untersuchungen
können weder als Gruppendaten noch im Einzelfall eine organische Hirnschädigung wahrscheinlich machen.
Schlüsselwörter: HWS-Distorsion, kognitive Störung,
pathophysiologische Hypothese, neuropsychologischer Test, SPECT- und PET-Untersuchung
SUMMARY
Cognitive Disturbances Following So-Called
Whiplash Injury
In early or late stages of "whiplash injury" to the cervical spine some patients complain of reduced alertness,
concentration and memory functions. Together with various other subjective impairments these are termed the
"late whiplash syndrome”. Alledged mechanisms include ischaemic
lesions or minimal traumatic brain damage to the brain stem and basal temporal lobes. CT- and MRI- imaging
are not diagnostic. Neither neuropsychological testing nor SPECT- or PET-studies are suited to
unequivocally demonstrate the organic nature of the complaints.
Key words: "Whiplash injury", cognitive impairment,
alleged mechanism, neuropsychological testing, SPECT- and/or PET-study
Mehrere Monate nach einer traumatischen HWS-Distorsion, also im Spätstadium, klagen manche Verletzte über
andauernde lokale und allgemeine Beschwerden. In der folgenden Übersicht soll ein Aspekt dieser Beschwerden
besprochen werden, der in der jüngeren Zeit lebhaft und kontrovers diskutiert wird. Eingebettet in ein
"neurasthenisches" Syndrom aus Tagesmüdigkeit, Schlafstörung, Angst, Geräuschempfindlichkeit, Reizbarkeit
und verminderter Belastbarkeit wird an kognitiven Symptomen vor allem eine Verminderung der Konzentration
und Merkfähigkeit beklagt (6). Die angesprochene Symptomatik wird von manchen Ärzten und Juristen als
charakteristische Folge einer traumatischen HWS-Distorsion angesehen.
Tatsächlich ist dieser beim einzelnen Individuum mehr oder weniger vollständig ausgeprägte
Symptomenkomplex nicht für diese - und überhaupt nicht für irgendeine - Ätiologie charakteristisch,
geschweige denn spezifisch. Gleichartige Beschwerden und Leistungsminderungen gehören zum
Beschwerdebild des sogenannten Sick-building-Syndroms, der idiopathischen, umweltbezogenen
Unverträglichkeit (früher: multiple chemical sensitivity), des Fibromyalgiesyndroms, des chronischen Erschöpfungs- oder Müdigkeitssyndroms und der
chronischen täglichen Kopfschmerzen. Sie werden auch von vielen Patienten in der Rekonvaleszenz nach
schweren Krankheiten, von manchen Personen nach "minimalem Hirntrauma" (eine zweifelhafte Diagnose, die
weiter unten angesprochen werden wird) und schließlich auch ohne greifbare Vorerkrankung bei subjektiver
oder objektiver Überlastung beklagt (15, 28). Daraus folgt, daß dieser Beschwerde- und Symptomenkomplex
uncharakteristisch ist. Die weitere Erörterung wird sich auf kognitive Leistungsstörungen beschränken. Dabei
sind zwei Fragen zu beantworten:
c Welcher Mechanismus kann der Entstehung kognitiver Störungen nach Distorsion der Halswirbelsäule
zugrunde liegen?
c Durch welche Untersuchungsmethoden lassen sich kognitive Störungen nach HWS-Distorsion nachweisen
oder zumindest wahrscheinlich machen?
Postulierte Schädigungsmechanismen
Vaskuläre Hypothese
Diese Hypothese führt Störungen der Konzentration und Merkfähigkeit, wie übrigens auch andere Beschwerden
und Symptome, auf Störungen in der Durchblutung von Strukturen im hinteren Hirnkreislauf, das heißt im
Versorgungsgebiet der Aa. vertebralis und basilaris zurück. Die Durchblutungsstörungen sollen durch eine
unterstellte Hyperflexion der oberen HWS zustandekommen. Diese Hypothese geht aber von falschen
anatomischen und physiologischen Voraussetzungen aus. !
Anatomie der
Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstrukturen
Die Aufmerksamkeitszuwendung wird in einem Kontrollsystem organisiert, das ausgedehnte kortikosubkortikale Strukturen einbezieht, die zum größeren Teil im Versorgungsgebiet des vorderen (Arteria carotis
interna) und nicht des hinteren, vertebrobasilären Stromgebietes liegen (4).
Gedächtnisfunktionen werden seit längerer Zeit in inhaltlichen Kategorien beschrieben und untersucht, die weit
differenzierter sind als
die herkömmliche, lediglich zeitliche
Dimension (Kurzzeit/Langzeit). Im Zentrum der Gedächtnisfunktionen steht das mediale
Temporallappensystem, welches reziproke neuronale Verbindungen zum Assoziationskortex, zum limbischen
und sensomotorischen Kortex und zu den Basalganglien hat, zu Strukturen also, die zum Versorgungsbereich des
vorderen Hirnkreislaufes gehören. Die Schlüsselstruktur für den Abruf von Gedächtnisinhalten ist der
Hippocampus (5). Der rückwärtige Hippocampus liegt im Versorgungsgebiet des hinteren Hirnkreislaufs, speziell der A.
communicans posterior und der A. chorioidea posterior. Der vordere und mittlere Hippocampus wird von der A.
chorioidea anterior aus der A. carotis interna, also aus dem vorderen Hirnkreislauf versorgt.
Physiologische
Gegenargumente
Auch physiologisch ist die vaskuläre Hypothese unplausibel. Neuere kinematographische Bewegungsanalysen
haben gezeigt, daß es nach einer Heckkollision nicht, wie früher irrtümlich angenommen, zu einer
Hyperextension des Nackens kommt, die von einer Hyperflexion gefolgt ist. Ein Schleudermechanismus oder
"whiplash" = Peitschenschlagmechanismus, der selbst in einer kürzlich im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten
Übersicht (16) noch unterstellt wurde, tritt tatsächlich nicht ein, sondern, selbst bei nicht optimaler Geometrie
von Rückenlehne und Nackenstütze, lediglich eine rückwärtsgerichtete Translation des Kopfes gegen den Rumpf
von etwa 35 Grad, gefolgt von einer energiearmen, nicht schädigungsträchtigen Phase der Vorwärtsbeugung.
Der wichtigste Unfallmechanismus ist eine axiale Stauchung der HWS, die als Harmonikaeffekt beschrieben
wurde. Die gesamte Crashphase dauert nur eine zehntel Sekunde (23). Unfallmechanisch sind die
Voraussetzungen für eine "Abklemmung" der Vertebralarterien also nicht gegeben.
Ferner läge die - hier einmal gegen die Plausibilität unterstellte - Dauer einer Unterbrechung der Blutversorgung
im hinteren Hirnkreislauf extrem weit unter der Ischämietoleranz des Gehirngewebes: Vollständige
Unterbrechung der Sauerstoffzufuhr führt nach einem freien Intervall von zirka vier Sekunden über etwa acht
Sekunden zu einer Funktionseinschränkung, nach acht bis zwölf Sekunden zu einer Lähmung der Funktionen.
Nach plötzlicher Gewebsanoxie, die aber bei den genannten Zeitabläufen nicht gegeben sein kann, ist eine
erfolgreiche Wiederbelebung des Gehirns etwa bis zur achten oder zehnten Minute möglich (12).
Zudem übersieht die vaskuläre Hypothese die Verteiler- und Ausgleichsfunktion des Circulus arteriosus Willisii,
die eine Minderdurchblutung in einem Stromgebiet ausgleichen würde, wenn der zeitliche Ablauf dies
notwendig machte. In einer dopplersonographischen Untersuchung trat bei Reklination und maximaler Seitwärtsdrehung des Kopfes bei
einigen Versuchspersonen zwar eine Drosselung bis Unterbrechung der Durchströmung in der ipsilateralen
Vertebralarterie in der Knochenrinne des Atlas ein. Gleichzeitig kam es zu einer Erhöhung der Perfusion im
rostralen Abschnitt der gegenseitigen Vertebralarterie (32). Die Voraussetzungen für eine Minderdurchströmung
der A. basilaris und damit Minderdurchblutung im hinteren Hirnkreislauf waren also nicht gegeben. Ipsilaterale
Strömungsbehinderung wurde vor allem bei jüngeren Personen beobachtet. Dies wurde auf die größere Resistenz verhärteter Arterien älterer Personen gegen
mechanische Einwirkung zurückgeführt.
Dissektionen als sehr
seltene Komplikation
In ganz seltenen Fällen kann es zu einer mechanischen Wandverletzung an einer hirnversorgenden Arterie
kommen. Dies führt zu einer Dissektion, in deren Folge ein embolischer Hirninfarkt auftreten kann. Das ist aber
ein plötzliches Ereignis, vergleichbar einem embolischen Schlaganfall aus anderer Ätiologie. Die Folgen einer
solchen arterio-arteriellen Embolie können nicht mit dem hier erörterten chronischen Beschwerdesyndrom
verwechselt werden.
Minimale traumatische
Hirnschädigung
Die Hypothese einer begleitenden minimalen traumatischen Hirnschädigung als Ursache kognitiver
Leistungsmängel nach HWS-Distorsion ohne Kopfanprall ist unplausibel. Sie wird weiter unten im
Zusammenhang mit SPECT- und PET-Untersuchungen dennoch besprochen. Neurale Mechanismen werden von
manchen Autoren sehr spekulativ zur Erklärung von Schmerzen und anderen Befindlichkeitsstörungen
herangezogen, die aber nicht Thema dieser Arbeit sind.
Untersuchungsverfahren
Versucht man, kognitive Beschwerden, die nach einer traumatischen HWS-Distorsion beklagt werden, zu
objektivieren, so stehen zunächst zwei einfache Verfahren zur Verfügung: Anamnese und neuropsychologische
Testuntersuchung. In der jüngeren Zeit werden ferner, besonders bei Meinungsverschiedenheiten über die
Plausibilität von Beschwerden oder die Ätiologie von auffälligen Ergebnissen in psychologischen Leistungstests,
technische Untersuchungsverfahren herangezogen: bildgebende Verfahren und Durchblutungs- und
Stoffwechseluntersuchungen des Gehirns.
Anamnese
Zur Anamnese ist bereits oben gesagt worden, daß die beklagten Beschwerden nach einer Vielzahl von äußeren
Ereignissen auftreten können und deshalb uncharakteristisch sind. Den oben genannten, sehr unterschiedlichen
Konstellationen muß noch eine weitere hinzugefügt werden, und zwar Depressivität mit und ohne erkennbaren
Anlaß.
Posttraumatische
Belastungsstörung
Im Zusammenhang mit einem Unfall werden gelegentlich psychiatrische Diagnosen gestellt, die einen
Unfallzusammenhang stützen sollen. Die sogenannte posttraumatische Belastungsstörung wird nach den
diagnostischen Kriterien des Diagnostic and Statistical Manual III R dann angenommen, wenn eine psychische
Symptomatik nach einem Ereignis eintritt, das außerhalb der üblichen Erfahrung liegt und für fast jeden stark
belastend wäre. Als Beispiele werden genannt: ernsthafte Bedrohung des eigenen Lebens, der körperlichen
Integrität oder Schädigung eigener Kinder, des Ehepartners oder naher Verwandter und Freunde, plötzliche
Zerstörung des Zuhauses, Mitansehen wie eine andere Person infolge eines Unfalls beziehungsweise
körperlicher Gewalt vor kurzem oder gerade ernsthaft verletzt wurde oder starb.
Hier soll auf die psychiatrische Diagnostik, die sich überwiegend auf die Schilderung des/der Untersuchten
stützen muß, nicht im einzelnen ein- gegangen werden. Die beschriebenen Voraussetzungen für die Diagnose
einer posttraumatischen Belastungsstörung sind bei einem Auffahrunfall nicht gegeben. Interessanterweise
werden hartnäckige Beschwerden gerade nach leichten Beschleunigungsverletzungen beklagt.
Neuropsychologische
Testuntersuchungen
Differenzierte Testuntersuchungen haben bei Personen, die nach einer HWS-Distorsion über Einbußen der
kognitiven Leistungsfähigkeit klagen, nur selten Auffälligkeiten gezeigt. Bei einer kleinen Untergruppe von
Betroffenen sind im akuten Stadium (8) und in zeitlichem Abstand davon Einschränkungen in einigen Tests
beschrieben worden, welche Aufmerksamkeit, Konzentration und Merkfähigkeit überprüfen. Andere Tests, die
ähnliche Funktionen überprüfen, ergaben keine Minderleistungen.
In einer viel zitierten Untersuchung (18) waren die kognitiven Minderleistungen positiv korreliert mit Klagen
über Ermüdbarkeit, Depressivität und Kopfschmerzen. Depressivität und Schmerzen können, wie bekannt,
generell die Leistungsfähigkeit von Probanden in psychologischen Tests beeinträchtigen. Dies muß bei der
Bewertung der erwähnten Untersuchungsergebnisse berücksichtigt werden.
Die genannten Autoren haben ihre Ergebnisse sehr spekulativ interpretiert. Sie bezogen sich auf Tierversuche, in
denen nach Einwirkung eines Schleudermechanismus im oberen Hirnstamm und im Frontal- und
Temporallappen eine diffuse axonale Schädigung gefunden worden war (9), die als charakteristischer Befund
einer traumatischen Hirnschädigung gilt (1).
Diese Versuche sind aber mit der natürlichen Situation, die einen wachen Menschen bei HWS-Distorsion trifft,
nicht vergleichbar. Die Tiere waren anästhesiert, ihre Hals- und Nackenmuskeln waren also erschlafft. Auch ist
bei ihnen die Geometrie von Schädel und Gehirn und von Schädel zur HWS anders als beim Menschen.
Die Tatsache, daß beim Menschen Strukturen im basalen Frontalhirn und im oberen Hirnstamm
physiologischerweise an Aufmerksamkeitsfunktionen beteiligt sind, berechtigt nicht zu dem Umkehrschluß, daß
auffällige Testergebnisse eine Funktionsstörung in den genannten Strukturen (englisch sogar als "organic brain
damage” bezeichnet) anzeigen oder nahelegen. Vorsichtige Formulierungen wie "support the hypothesis" oder
"suggest possible damage" bieten sich leicht dazu an, daß Spekulationen über möglicherweise beteiligte
Hirnmechanismen als Nachweis einer Hirnschädigung angesehen und zitiert werden.
Aus der Forschung über die Folgen von Hirntraumen (20, 21), die bei HWS-Distorsion ohne stichhaltige
Begründung unterstellt werden, ist bekannt, daß nach einem Trauma ohne Bewußtseinsverlust und mit einer
Amnesie unter 15 Minuten leichte kognitive Störungen auftreten können, die manchmal einige Tage, nicht aber
Wochen und Monate anhalten (3). Auch aus diesen Befunden ergibt sich, selbst wenn man sie auf unser Thema
überträgt, kein Argument für unfallbedingte kognitive Leistungsstörungen im Spätstadium nach HWSDistorsion.
Können psychologische Testuntersuchungen eine organische Hirnschädigung belegen?
Generell sind die Ergebnisse psychologischer Testuntersuchungen, für sich allein genommen, nicht geeignet,
eine Differenzierung zwischen organisch oder funktionell bedingter Leistungseinbuße zu treffen oder gar eine
organische Hirnschädigung nachzuweisen (13). Zudem ist es sehr schwierig, nach solchen Testuntersuchungen
zu entscheiden, ob ein Proband eine Leistung nicht besser erbringen konnte oder sie lediglich nicht besser
erbracht hat, aus welchen Gründen auch immer. Im Einzelfall sind diese Gründe schwer zu erkennen. Auf der
Suche nach prämorbiden Persönlichkeitszügen oder Verhaltensweisen, die psychogen bedingte Minderleistungen
in Tests auf kognitive Funktionen begünstigen können, blieben Gruppenuntersuchungen unergiebig (17). Es ist
aber auch eine grobe Vereinfachung zu fordern, daß jemand schon prämorbid erkennbar psychisch auffällig war,
der unter dem Einfluß von Schmerzen oder in einer gutachterlichen Untersuchung in psychologischen
Leistungstests nicht das Optimum seiner Leistung erbringt.
Aus der Literatur ergeben sich Hinweise, die als Gruppendaten Analogieschlüsse zum Thema psychogene
Minderleistungen erlauben. "Psychogen" soll hier nicht mit Simulation gleichgesetzt werden. In Litauen, wo
keine Unfallhaftpflichtversicherung besteht, hat man keinen Unterschied in den hier besprochenen Beschwerden
zwischen einer Gruppe von Personen nach Heckkollision und einer Kontrollgruppe gefunden (34). Über
derartige Beschwerden in der Durchschnittsbevölkerung siehe auch die dort angegebene Literatur. Eine Gruppe
in den Niederlanden hat Patienten, die im chronischen Stadium nach HWS-Distorsion über eine
Beeinträchtigung von Merkfähigkeit und Konzentration klagten, im Vergleich zu einer gesunden Kontrollgruppe
mit dem Amsterdam Short Term Memory Test untersucht. Dieser Test ist so konstruiert, daß er Aggravation,
was wiederum nicht mit Simulation gleichgesetzt werden darf, bei der Prüfung der Merkfähigkeit erfaßt. Die
Autoren fanden, daß eine signifikante Untergruppe von Personen nach HWS-Distorsion unter ihrem
tatsächlichen Leistungsniveau arbeitete. Solche Minderleistungen waren zweimal so häufig bei
"Anspruchstellern" wie bei "Nichtanspruchstellern" (33). Ein wichtiger Faktor, der Beschwerden und
Minderleistungen begünstigen kann, sind Äußerungen aus dem persönlichen Umfeld des Patienten,
einschließlich der behandelnden Ärzte, daß nach einem "Schleudertrauma" mit Störungen von Merkfähigkeit
und Konzentration gerechnet werden müsse (19, 24, 29, 30, 31).
Eine sehr ausführliche Literaturübersicht (17) listet mehrere hypothetische Mechanismen auf, die zur
Begründung von kognitiven Störungen nach HWS-Distorsion ohne Kopfkontakt erwogen wurden. Diese sind
aber bisher "noch nicht suffizient belegt".
Bildgebende Verfahren,
Durchblutungs- und Stoffwechseluntersuchungen
In fast allen Fällen von hartnäckigen Symptomen nach HWS-Distorsion bleiben bildgebende Verfahren, wie CT
oder MRT ohne pathologischen Befund. Auf der Suche nach verfeinerten und, wie unterstellt wird, objektiven
Methoden zum Nachweis einer (organischen oder funktionellen?) Hirnschädigung werden zwei
nuklearmedizinische Verfahren angewendet und in zunehmendem Maße bei juristischen Streitfällen angefordert.
Die Single-Photon-Emissions-Tomographie (SPECT) registriert die Durchblutung und die PositronenEmissions-Tomographie (PET) in ihrer Standardversion den Glukosestoffwechsel in umschriebenen
Hirnregionen.
In mehreren Publikationen sind abnorme SPECT-Befunde wenige Tage nach "minimaler traumatischer
Hirnschädigung" und nach HWS-Distorsion (25, 26, 27) beschrieben worden. Wie lange diese bestehen bleiben
und ob sie sich jemals wieder normalisieren, ist nicht bekannt. Man weiß aber, daß derartige Veränderungen im
SPECT auch bei Unfallpatienten fortbestehen können, deren Funktionsstörungen sich vollständig zurückgebildet
haben (14).
Mit beiden nuklearmedizinischen Methoden hat man (25, 26, 27) bei Patienten mit hartnäckigen kognitiven
Symptomen nach HWS-Distorsion eine verminderte Aufnahme der Isotope in parieto-temporo-okzipitalen
Hirnregionen gefunden. In den oben zitierten Tierexperimenten fand man jedoch die diffuse axonale
Schädigung, das Hauptmerkmal einer traumatischen Hirnschädigung in anderen, und zwar in fronto-temporalen
Hirnregionen und im oberen Hirnstamm. Die nuklearmedizinischen Befunde können also nicht als Hinweis auf
eine Hirnschädigung anläßlich einer HWS-Distorsion gewertet werden.
Neue Untersuchungen
Bicik und Mitarbeiter (3) haben bei 13 Patienten mit andauernden kognitiven Beschwerden drei bildgebende
Verfahren angewendet: MRT (Hirnstruktur), SPECT (regionale Hirndurchblutung) und PET (regionale
Glukoseaufnahme). Bei 16 Kontrollpersonen konnte aus ethischen Gründen nur die Durchblutungsmessung
(SPECT) erfolgen. Ihre Ergebnisse sind aber mit denen von Untersuchungen des Glukosestoffwechsels (PET)
hoch positiv korreliert. Eine Minderperfusion wurde bei Patienten mit kognitiven Leistungsstörungen in erster
Linie in frontalen und vorderen temporalen Hirnregionen gefunden. Gleichartige Befunde werden aber auch bei
depressiven Patienten ohne Verdacht auf Hirnschädigung erhoben (7, 10).
Depressive Patienten ohne Trauma in der Anamnese beklagen ähnliche Störungen von Befindlichkeit und
kognitiver Leistungsfähigkeit wie Patienten mit leichter (anglo-amerikanisch: minimaler, also fraglicher)
traumatischer Hirnschädigung, und sie zeigen in neuropsychologischen Testuntersuchungen ähnliche
Minderleistungen (22). Neuropsychologische Testuntersuchungen sind, das muß man bedenken, nicht in dem
Sinne "objektiv", daß ihre Ergebnisse unabhängig von der psychischen Verfassung/Einstellung der Probanden
sind.
Zudem ist die Basisrate für auffällige Testergebnisse in unausgewählten Kollektiven von Normalpersonen und
bei Anspruchstellern, die keine Hirnverletzung geltend machen, hoch (11).
Faßt man die Ergebnisse der nuklearmedizinischen Untersuchungen und ein kürzlich dazu verfaßtes Editorial in
der Zeitschrift Neurology (2) zusammen, so ergibt sich, daß SPECT und PET für unsere Frage nur Gruppendaten
liefern, aber keine verläßliche Diagnose umschriebener Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen bei einzelnen
Patienten erlauben. PET-Daten korrelieren nicht mit den Ergebnissen der Untersuchung auf geteilte
Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit. Die Methoden können deshalb nicht zur Routineuntersuchung von
Personen empfohlen werden, die über kognitive Störungen im Spätstadium nach HWS-Distorsion klagen (3).
Schlußfolgerungen
Kognitive Störungen, vor allem Beeinträchtigung von Merkfähigkeit und Aufmerksamkeit, über die nach HWSDistorsion geklagt wird, können nicht auf den Schädigungsmechanismus des Traumas bezogen werden. Die
Vorstellungen über die biomechanischen Abläufe beim Pkw-Auffahrunfall mit Heckkollision, die Anfang der
fünfziger Jahre entwickelt worden waren, können heute nicht mehr gelten. Beim angeschnallten Fahrer oder
Fahrgast auf einem Sitz mit Nacken- oder Hinterkopfstütze kommt es nach kinematographischen und
polygraphischen Untersuchungen nicht zu einem Schleudermechanismus mit Überstreckung der HWS. Die
veralteten Bezeichnungen Schleudertrauma oder "whiplash" (= Peitschenschlag)-Trauma sind unzutreffend.
Es ist bemerkenswert, daß die Sicherheit in der Fahrgastzelle technisch ständig verbessert worden ist, die
Beschwerden über die Folgen von Auffahrunfällen dagegen zugenommen haben. Aus dem großen Spektrum von
Beschwerden beziehungsweise Leistungsminderungen werden immer häufiger Beeinträchtigungen von
Merkfähigkeit und Aufmerksamkeit geltend gemacht. Diese werden oft damit begründet, daß es bei dem HWSTrauma zu einer Hirnschädigung gekommen sei. Zwar bleiben CT und MRT regelmäßig ohne pathologischen
Befund, aber dem wird entgegengehalten, daß diese bildgebenden Verfahren mikroskopische traumatische
Gewebsveränderungen nicht erfassen können. Die naheliegende Frage, wie denn mikroskopische
Gewebsveränderungen die deutlichen kognitiven Einbußen zur Folge haben könnten, wird, wenn überhaupt, mit
unbewiesenen Hypothesen über mögliche weitgestreute axonale Schädigungen beantwortet, durch welche weit
verzweigte neuronale Netzwerke in ihrer Funktion beeinträchtigt werden.
Als Ursache der Hirnschädigung, die eine traumatische HWS-Distorsion begleiten soll, werden zwei
Mechanismen geltend gemacht: Durchblutungsstörungen im hinteren Hirnkreislauf mit Ischämie von
Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstrukturen oder direkte traumatische Gewebsschädigung. Es ist oben dargelegt
worden, daß die Durchblutungs-Hypothese mit anatomischen und physiologischen Fakten nicht zu vereinbaren
ist. Eine direkte traumatische Gewebsschädigung soll mit nuklearmedizinischen Verfahren zur Messung der
regionalen Hirndurchblutung (SPECT) und zur Messung der regionalen Glukoseutilisation (PET) erfaßt werden.
Vergleichende Untersuchungen an HWS-Traumatisierten und Kontrollpatienten oder -personen haben aber
gezeigt, daß weder Gruppen- noch Einzelfalldaten diese Hypothese bestätigen können. Die Ergebnisse
neuropsychologischer Testuntersuchungen schließlich lassen sich, für sich genommen, nicht für eine organische
Ätiologie der Minderleistungen verwerten. Die Frage, ob der Untersucher eine organische Schädigung des
Gehirns ausschließen könne, ist biologisch sinnlos. Die legitime Frage an den Untersucher kann nicht die nach
dem Ausschluß, sondern nur die nach dem Nachweis oder der Wahrscheinlichkeit eines Zusammenhanges sein.
Diese Frage läßt sich für unser Thema verneinen.
Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1999; 96: A-2596-2601
[Heft 41]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser
und über die Internetseiten (unter http://www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.
Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Klaus Poeck FRCP
Em. Direktor der Neurologischen Klinik der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen
Pauwelsstraße 30 · 52057 Aachen
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