SPEKTRUM: Leserbriefe
Robert Schumann: Ähnliches Krankheitsbild bei Friedrich Smetana
Dtsch Arztebl 1999; 96(46): A-2938 / B-2365 / C-2132
Zu dem Beitrag "Eine anrüchige Diagnose?" von Dr. med. Ulrich Skubella in Heft 40/1999:


Der Verfasser verweist in Zusammenhang mit der Erkrankung Robert Schumanns auf den Streit um
die Diagnose der Krankheit Friedrich Smetanas, der wie Robert Schumann unter den Zeichen völliger geistiger
Verwirrung gestorben ist. Der Pathologe Hlava hatte seinerzeit auf Grund des Obduktionsbefundes an Gehirn
und Hirnhäuten die Diagnose einer progressiven Paralyse gestellt, hat sich aber später der Auffassung anderer
Ärzte (Heveroch) angeschlossen, daß es sich um eine Arteriosklerose gehandelt habe.
Ich hatte 1963 Gelegenheit, dank der Unterstützung durch den damaligen Direktor des Smetana-Museums in
Prag, Dr. M. Malý, die unveröffentlichten Tagebücher Smetanas einzusehen. Da Smetana sehr ausführlich (in
den ersten Jahrzehnten in deutsch, später in tschechisch) Tagebuch geführt hat, konnte daraus ein lückenloses
Bild seiner Kranken-geschichte rekonstruiert werden, die vom Primäraffekt über die Ertaubung bis zur Paralyse
nur die Deutung einer unbehandelten Lues zuläßt. Die Stationen sind in Stichworten:
Mitte März 1874 (Smetana war 50 Jahre alt) Beginn mit einem "Eitergeschwür", das etwa drei Wochen besteht
(Primäraffekt PA) - sieben Wochen nach dem PA Halsschmerzen, die zirka fünf bis sechs Wochen andauern
(Angina specifica) - 13 Wochen nach dem PA generalisiertes Exanthem (Sekundärstadium) - 15 Wochen nach
dem PA bei abklingendem Exanthem Beginn der Ohrsymptomatik mit Ohrensausen, Schwindel, rascher
Abnahme des Hörvermögens. - 27 Wochen nach dem PA vollständige Taubheit. - Achteinhalb Jahre nach dem
PA Beginn der neurologischen Symptome (Tertiärstadium): Kältegefühl, Larynxkrisen, Ataxie,
Sprachstörungen, zunehmende Verwirrung. - Zehn Jahre nach dem PA Exitus in geistiger Umnachtung bei
schwerer Kachesie (12. Mai 1884).
Smetana hat nach seiner Ertaubung noch eine Reihe bedeutender Werke geschaffen, unter anderen die Serie
"Aus meinem Vaterland" mit der berühmten "Moldau". In seinem ersten Streichquartett, dem er den Titel "Aus
meinem Leben" gab (beendet am 19. Dezember 1876, zirka zwei Jahre nach der Ertaubung), hat er im letzten
Satz den Eintritt seiner Ertaubung, die mit einem quälenden Ohrensausen einherging, musikalisch dargestellt:
"Ich habe daher diese schreckli-che Katastrophe in meinem Schicksal mit dem hellpfeifenden E im Finale zu
schildern getrachtet. Daher muß das E fortissimo die ganze Zeitwährung hindurch vorgetragen werden."
Ein solcher Verlauf einer unbehandelten Lues, wie ihn Smetana erleben mußte, war im 19. Jahrhundert nichts
Ungewöhnliches, wird aber heute dank einer frühen Diagnostik und wirksamen Behandlung kaum noch
beobachtet. Dennoch konnte ich 1986 über einen ganz analogen Fall berichten und diesen mit Smetanas
Erkrankung in Beziehung setzen:
Ein 25jähriger Patient erkrankt im Dezember 1984 an einer Halsentzündung, die sich über mehrere Wochen
hinzieht. Dann, im Januar 1985, generalisiertes Exanthem. Der Hautarzt vermutet eine Lues und leitet eine
serologische Diagnostik ein. Ende Januar 1985 Hörminderung links, dann massive Hörverschlechterung links
und beginnende Schwerhörigkeit rechts. Der HNO-Arzt diagnostiziert einen Hörsturz und führt eine
entsprechende Behandlung durch. Inzwischen hatte die serologische Diagnostik das Vorliegen einer Lues
bestätigt. Die sofort begonnene spezifische Behandlung konnte ein Fortschreiten der Hörstörung verhindern,
aber keine Besserung des schon eingetretenen Hörverlustes bewirken.
Hinzuzufügen bleibt, daß ich wegen der beiden Veröffentlichungen von tschechischer Seite heftig kritisiert
worden bin. Es gibt also tatsächlich diese, vielleicht verständliche, nationale Empfindlichkeit, wie der Verfasser
vermutet, und Bemühungen, "daß die irrtümliche und durch nichts zu belegende Behauptung von einer
luetischen Erkrankung unseres größten und verdienstvollsten Komponisten aus dem wissenschaftlichen
Schrifttum getilgt werde" (Bôrik und Bôriková).
Literatur beim Verfasser
Prof. Dr. med. Harald Feldmann, Universitäts-HNO-Klinik Münster, Kardinal-von-Galen-Ring 10,
48149 Münster
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.