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Neuropathien: Gabapentin bremst überaktive Neurone
Dtsch Arztebl 1999; 96(46): A-2996 / B-2554 / C-2366


Die Behandlung von Neuropathien stellt häufig eine große Herausforderung dar. Besonders betroffen
von der chronischen, auch durch Prästhesien und Dysästhesien gekennzeichneten chronischen
Schmerzerkrankung sind Diabetiker, Zoster-Patienten sowie Patienten nach schweren Traumen und
Verletzungen wie etwa Amputationen. Das Spektrum der Symptome kann dabei oft als breit gefächert und
interindividuell, bisweilen aber auch beim Patienten als uneinheitlich erscheinen.
Nachdem lange Zeit besonders häufig trizyklische Antidepressiva zur Behandlung von Neuropathien eingesetzt
wurden, traten in den letzten Jahren zunehmend Antiepileptika in den Vordergrund. Neuere Erkenntnisse der
Schmerzforscher geben diesem Ansatz, der sich in der Praxis bewährte, inzwischen recht. Dabei erweist sich das
Antiepileptikum Gabapentin als besonders wirksam, wie zwei Studien bei knapp 400 Patienten mit diabetischer
oder post-zosterischer Neuropathie zeigten.
Zukünftiges Mittel der Wahl?
Die Ergebnisse wurden anläßlich eines von Parke-Davis veranstalteten Symposiums von Dr. Norman Harden
(Chicago) vorgestellt, der Gabapentin bereits als zukünftiges Mittel der Wahl bei Neuropathien sieht. In beiden
Studien war die Schmerzreduktion unter den mit Gabapentin behandelten Patienten signifikant deutlicher als bei
den Betroffenen, die Plazebo erhalten hatten. 26 Prozent der Patienten mit diabetischer Neuropathie, die acht
Wochen lang Gabapentin erhalten hatten, gaben Schmerzfreiheit an, 60 Prozent berichteten eine unterschiedlich
starke Schmerzreduktion.
Die Wirksamkeit von Gabapentin zeigte sich bereits in der zweiten Behandlungswoche, noch während der
vierwöchigen Gabapentin-Titrationsphase. Dies war auch bei den mit Gabapentin behandelten Patienten mit
post-zosterischer Neuropathie der Fall. 43 Prozent dieser Patienten berichteten nach acht Wochen über eine
mittlere bis starke Reduktion ihrer post-zosterischen Schmerzen durch Gabapentin. In beiden Studien besserten
sich in der Verumgruppe auch Schlafstörungen, Depressivität, Müdigkeit und Gereiztheit.
Analysen der schmerzreduzierenden Wirkung von Gabapentin zeigen, daß das Antiepileptikum insbesondere die
bei Neuropathie-Patienten stark erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Schmerz (Hyperalgesie), Berührung, Druck,
Kälte oder Wärme (Allodynie) umzukehren vermag. Es stoppt das oftmals anfallsartige Auftreten von
Schmerzen und - häufig paradox erscheinenden - Sensationen außerhalb des ursprünglichen Schmerzbezirkes.
Insbesondere Hyperalgesie und Allodynie gelten als bestimmende Aspekte der Neuropathie. Sie sind Folgen
einer initialen Schmerzgedächtnisbildung und einer Verselbständigung des Schmerzgeschehens durch
Veränderung zentraler Verarbeitungsmechanismen.
Das neuropathische Geschehen ist, wie der Neuropharmakologe Prof. Walter Zieglgänsberger vom Münchner
Max-Planck-Institut für Psychiatrie deutlich machte, mit einem epileptischen Geschehen vergleichbar, was den
erfolgreichen Einsatz von Antiepileptika erklären kann. Hat der Prozeß der Schmerzverselbständigung
begonnen, sind Übererregung und die Ausbildung spontaner Potentiale in zentralen schmerzverarbeitenden
Bereichen die Folge.
Nach den Ergebnissen von Zieglgänsbergers pharmakologischer Forschung greift Gabapentin in den
Neurotransmitterstoffwechsel ein, indem es durch Interaktion mit spannungsabhängigen Kalziumkanälen den die
Übererregung anheizenden übermäßigen Kalzium-Einstrom in die Nervenzellen reduziert. Dies unterbricht die
sich häufig spontan und anfallartig ausbreitende Überaktivität schmerzverarbeitender Neuronen. Es ist ferner in
der Lage, das Angebot des hemmend wirkenden Transmitters Gamma-Amino-Buttersäure (GABA) zu erhöhen,
was einen antidepressiven Effekt begünstigt, und das Angebot des erregend wirkenden Glutamat zu verringern.
Elisabeth B. Moosmann
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