THEMEN DER ZEIT: Aufsätze
Prof. Julius Hirschberg
Dtsch Arztebl 1999; 96(47): A-3031 / B-2582 / C-2390


In der Reinhardtstraße 34 leitete Dr. med. Wilhelm Mühsam bis 1936 eine Augenklinik. Sie wurde ihm
von seinem Lehrer Prof. Julius Hirschberg übergeben. Dieser gründete 1877 das Zentralblatt der
Augenheilkunde und schrieb eine Geschichte der Augenheilkunde, durch die er Weltruhm erlangte. Hirschberg
opferte sein Vermögen im Ersten Weltkrieg für Kriegsanleihen und sah sich als alter Mann gezwungen, seine
Bibliothek einer japanischen Universität zu verkaufen, die ihm im Gegenzug eine Rente zahlte. Mühsam, sein
Nachfolger, war als Jude von der Willkür der Nationalsozialisten betroffen. Anfang 1933 erklärten sie die
Tätigkeit von Kassenärzten "nichtarischer" Abstammung für beendet, eine ähnliche Regelung galt ab Herbst für
private Kassen. 1936 vermietete Mühsam die Augenklinik vermutlich zwangsweise an die Charité und arbeitete
in seiner Wohnung weiter. Er starb mit 65. Das Klinikgebäude wurde ab 1942 von der Gestapo genutzt, ab 1943
von der SS. Zu DDR-Zeiten gehörte es zur Charité.
(Die Geschichte der Familie Mühsam hat Christoph Hamann recherchiert, Studienrat in Berlin und mit
historischen Projekten befaßt. Die Darstellung geht auf seine Arbeit und Informationen der Julius-HirschbergGesellschaft zurück.) Rie/Foto: Dieter Oelschner
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