MEDIZIN: Diskussion
Serie: Neue Methoden in der kardialen Funktionsdiagnostik Herzfrequenzvariabilität – Richtlinien zur Qualitätssicherung
Dtsch Arztebl 1999; 96(49): A-3183 / B-2581 / C-2337
Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Herbert Löllgen in Heft 31-32/1999


Der interessante, aber sehr gestraffte Artikel des Kollegen Löllgen sollte um einige wichtige
Informationen ergänzt werden:
Angesichts der zunehmenden Zahl diverser, kommerziell erhältlicher Meßapparaturen zur computer-assistierten,
automatisierten Erfassung der Herzfrequenzvariabilität (HRV) muß auf das Risiko einer unzulänglichen
Datenerfassung und einer die methodischen Grenzen nur unzureichend berücksichtigenden Interpretation der
unter Verwendung verschiedener statistischer Methoden gewonnenen Ergebnisse aufmerksam gemacht werden.
Im Zuge der Qualitätssicherung wurden deshalb kürzlich Richtlinien zur standardisierten Durchführung von
Untersuchungen der HRV und deren Interpretation erstellt (3).
Logischerweise wird die Herzfrequenzvariabilität mit zunehmender Analysedauer größer. Andererseits ist zu
berücksichtigen, daß die physiologischen, die Herzperiodendauer modulierenden Mechanismen, die mit der
Spektralanalyse erfaßt werden, bei einer langen Analysedauer nicht konstant stabil sind. Langzeitregistrierungen
können nur einen "Grand average" der den spektralen Komponenten zugrunde liegenden autonomen
Modulationen abbilden, was bei der Interpretation der Meßergebnisse zu berücksichtigen ist. Frequenzbezogene
(frequency domain) Analysen sollten deshalb vorzugsweise bei Kurzzeitmessungen verwendet werden;
demgegenüber sollten zeitbezogene Analysemethoden insbesondere bei Langzeitregistrierungen zur Anwendung
kommen.
Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die Analysedauer der HRV etwa die zehnfache Dauer der
Wellenlänge der zu untersuchenden spektralen Frequenz umfassen sollte (3), wäre für eine korrekte Bestimmung
des VLF-Bandes eine Analysedauer von zirka 50 Minuten zu fordern. Kurzzeitmessungen, in denen die HF- und
LF-Komponente der spektralen Leistung untersucht werden, sollten aus oben genanntem Grund und
insbesondere auch unter Berücksichtigung der zu fordernden Stabilität des Signals eine Analysedauer von fünf
Minuten nicht wesentlich überschreiten. Demnach ist die innerhalb einer fünfminütigen Kurzzeituntersuchung
gemessene VLF-Komponente nicht aussagekräftig; darüber hinaus ist die physiologische Bedeutung der VLFKomponente bislang nicht hinreichend definiert.
Die HRV wird von einer Vielzahl von Faktoren beeinflußt. Ergänzt werden sollte hier zumindest der Faktor
"Nikotinkonsum", auch wenn die Ergebnisse diesbezüglicher Untersuchungen bislang nicht eindeutig sind (1, 2).
Darüber hinaus kann eine sinnvolle Beurteilung der HRV nicht ohne Berücksichtigung der eigentlichen
Herzfrequenz erfolgen: Wie wir in einer Untersuchung von über 200 gesunden Probanden bestätigen konnten, ist
zum Beispiel insbesondere die RMSSD (root mean square of successive differences) abhängig von der
Herzfrequenz, während die HF- oder LF-Komponente frequenzunabhängig sind (Publikation eingereicht).
Standardisierte Untersuchungen der HRV finden nicht nur Anwendung bei bestimmten kardiologischen oder
neurologischen Fragestellungen, sondern werden weltweit zunehmend häufig auch im Rahmen psychiatrischer
Fragestellungen eingesetzt. Ein entsprechender Workshop der World Psychiatric Association (WPA) anläßlich
des diesjährigen Weltkongresses für Psychiatrie (4) gab einen Überblick über eine Vielzahl äußerst interessanter
Studien, die sich mit der autonom neurokardialen Regulation sowohl bei unbehandelten als auch bei
psychopharmakologisch behandelten Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen (zum Beispiel Alkoholismus,
endogene Psychosen oder Angst-Störungen) beschäftigt haben.
Literatur
1. Hayano J, Yamada M, Sakakibara Y et al.: Short- and long term effects of cigarette smoking on heart
rate variability. Am J Cardiol 1990; 65: 84-88.
2. Levin FR, Levin HR, Nagoshi C: Autonomic functioning and cigarette smoking: Heart rate spectral
analysis. Biol Phsychiatry 1992; 31: 639-643.
3. Malik M: Task Force of The European Society of Cardiology and The North American Society of
Pacing and Elektrophysiology. Heart rate variability. Standards of measurement, physiological interpretation and
clinical use. Circulation 1996; 93: 10431065.
4. Rechlin T, Agelink MW, Malik M et al.: Heart rate variability including spectral analysis in psychiatric
research. WPA Workshop; XIth World Congress of Psychiatry, Hamburg, 6.-11. 8. 99.
Dr. med. Marcus W. Agelink
Interdisziplinäre Arbeitsgruppe
Neurokardiologie
Klinik für Psychiatrie und
Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum am Evangelischen
Krankenhaus Gelsenkirchen
Munckelstraße 27
45879 Gelsenkirchen
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