SPEKTRUM: Leserbriefe
Arzneiverordnung: Hochmut kommt vor dem Fall
Dtsch Arztebl 2000; 97(1-2): A-8 / B-6 / C-6
Zu dem "Seite eins"-Beitrag "Arzneiverordnungsreport 1999: Ein gewisser Hochmut" von Norbert Jachertz in Heft 44/1999:


Ich finde es bedauerlich, wenn der Arzneiverordnungsreport 1999 mit Be-
merkungen wie "ein gewisser Hochmut" oder gar "unverfrorene Verdächtigungen" kommentiert wird. Wir sitzen
alle in einem Boot; was man an Arzneimitteln einspart, kann man an anderer Stelle möglicherweise sehr viel
sinnvoller ausgeben. Dass auch der Arzneiverordnungsreport 1999 wieder erhebliche Einsparpotenziale
aufgezeigt hat, steht außer Zweifel, zumindest bei den Antibiotika. Ausnahmslos alle älteren und neueren
Publikationen über die Verordnungspraxis von Antibiotika in Klinik und Praxis sprechen dafür, dass etwa 30 bis
50 Prozent aller Antibiotika sinnlos gegeben oder jedenfalls durch preiswertere Präparate ersetzt werden
könnten. Wenn beispielsweise heute noch Locabiosol, ein Lokalantibiotikum, in zweistelliger Millionenhöhe zur
Therapie von oberen Atemwegsinfektionen eingesetzt wird, dann ist das einfach absurd, denn zu Locabiosol gibt
es sogar eine Negativmonographie. Auch ist aus dem Arzneiverordnungsreport der letzten Jahre in konstanter
Regelmäßigkeit abzulesen, dass neue Antibiotika meist sehr rasch hohe Umsätze machen, obwohl die meisten
neuen Antibiotika nur Variationen von älteren und nicht immer so viel besser sind, dass man gleich die alten,
bewährten Substanzen ad acta legen muss. Nun seien wir doch mal ehrlich: Wer reist nicht gerne mit oder ohne
Ehefrau auf Kosten anderer durch die Lande? Wenn Hersteller solche oder ähnliche Reisen als Teil des
Einführungsmarketings eines Antibiotikums immer noch finanzieren, dann sind diese Kosten genau kalkuliert,
sodass hinten dann auch was rauskommt. Tatsächlich steigen dann auch meist die Umsätze bei den eingeladenen
Ärzten, auch das lässt sich nachweisen. Die Ärzte sind also weder an der Spitze der Einsparmöglichkeiten noch
der Verschreibungsmoral angelangt. Der Arzneiverordnungsreport erinnert uns jedes Jahr daran: Hochmut
kommt sowieso vor dem Fall.
Prof. Dr. med. Franz Daschner, Universitätsklinikum Freiburg, Institut für Umweltmedizin und
Krankenhaushygiene, Hugstetter Straße 55, 79106 Freiburg
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