SPEKTRUM: Leserbriefe
Landessitten: Kulturelle Faktoren können förderlich sein
Dtsch Arztebl 2000; 97(1-2): A-8 / B-6 / C-6
Zu dem Akut-Beitrag "Landessitten und Therapierichtlinien" von Rüdiger Meyer in Heft 45/1999:


Als forschend tätiger Arzt (und erst recht als potenzieller Patient!) bin ich natürlich ein Anhänger von
Evidence based medicine. Als forschend tätiger Arzt im Bereich Naturheilkunde/Komplementärmedizin bin ich
natürlich gleichzeitig ein Verfechter der "Culture based medicine". Darum bin ich auch nicht glücklich, wenn ich
beobachte, wie kulturell gewachsene medizinische Ansätze oft völlig undifferenziert verpflanzt werden.
Klassisches Beispiel sind hier viele Angebote aus dem Bereich der traditionellen chinesischen oder der
tibetanischen Medizin, dem indischen Ayurveda und ethnomedizinischen Ansätzen anderen Ursprungs -
wenngleich sich mit der Exotik allein schon offenbar gut Kasse machen lässt.
Im Übrigen sind culture based medicine und evidence based medicine durchaus keine Gegensätze. Wichtig
scheint mir viel mehr zu bedenken, dass in unserer gegenwärtigen Medizin weitgehend ignoriert wird, wie sehr
auch kulturelle Faktoren förderlich beziehungsweise hinderlich für den Heilungsprozess sein können. Dies gilt
nicht zuletzt für Konzepte der klassischen Naturheilkunde (Kneipp) beziehungsweise der kurörtlichen Therapie.
Allerdings gilt auch umgekehrt, dass der bloße Verweis auf Kultur und Tradition für sich allein kein
hinreichendes Argument darstellen kann, zumal wenn die Indizien (sprich die Evidence) dagegen sprechen. Das
würde ich mir als Patient auch verbitten.
Prof. Dr. med. Karl-Ludwig Resch, Forschungsinstitut für Balneologie und Kurortwissenschaft, Lindenstraße 5,
08645 Bad Elster
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